24. Juni 1963, Botschaft der USA in Bad Godesberg: Präsident John F. Kennedy gibt einen Empfang für Kanzler Adenauer und serviert einen Norweger als Vorspeise – Lachs mit Wachteleiern und wie Fischschuppen gelegten Gurkenscheiben. 
Foto: Reinhard Hunger/Courtesy Prestel

Was man nicht alles erfährt aus diesem herrlichen Buch. Welches Gericht um Mitternacht auf dem Black-and-White-Ball von Truman Capote serviert wurde (kalorienbombiges Hühnerfrikassee à la Plaza Hotel), wie der Impressionist Claude Monet seinen Spargel am liebsten aß (fast roh) und wer im Ferienhaushalt von Coco Chanel in Roquebrune-Cap-Martin auf den Namen „Gigot“, also Keule, hörte (Chanels schwarzweiß gefleckte Dogge, ein sanfter Riese, neben dem die Modeikone noch zierlicher wirkte als sie ohnehin war). 

Michael Romanoff wurde vom Hollywood-Set der 1940er und 1950er innig geliebt, gerade wegen seiner charmanten Hochstapeleien. Legendäres Dessert in seinem Restaurant „Romanoff´s“ in Bevery Hills waren die „Strawberries Romanoff“ mit Orangenlikör.

Foto: Jonas von der Hude/Courtesy Prestel

Üppig illustriert mit vorbildlich gestylten Tischlandschaften und ausgewähltem Archivmaterial, erzählt der eben bei Prestel erschienene Bildband „Legendäre Dinner“ von zwanzig prominenten Gastgebern des 19. und 20. Jahrhunderts, von Staatsbanketten und privaten Partys der Extraklasse. Dazu gibt es über 90 Rezepte zum Nachkochen, die von der Redaktion dankenswerterweise in drei Schwierigkeitsklassen eingeteilt worden sind. „Wir erzählen die Feste so lebhaft, als wären unsere Leserinnen und Leser dabei gewesen“, schreibt Herausgeberin Anne Petersen in ihrem Vorwort. 

Was allemal untertrieben ist: Man erfährt hier mehr biografische Zusammenhänge, sozialgeschichtliche Hintergründe und Anekdoten, als selbst der verklatschteste Gast der ursprünglichen Feste je hätte aufschnappen können. Oder wussten Sie, dass Metro-Goldwyn-Mayer sich die zwei Filme, für die Grace Kelly noch unter Vertrag war, als sie in Monaco zur Fürstin wurde, durch die weltweiten Rechte auf die Filmdokumentation dieser Operetten-Hochzeit ablösen ließ? Der Deal dürfte sich gelohnt haben für MGM, denn über 30 Millionen Zuschauer sahen danach die Großproduktion, in der vom Hochzeitskleid aus Brüsseler Spitze bis zum Make-up der Brautjungfern alles made in (und bezahlt von) Hollywood war. 

Mit seinem freundlichen Glamour ist „Legendäre Dinner“ übrigens ein gelungenes Beispiel für jene Zweitverwertungen, mit denen Zeitschriften in Zeiten rapide sinkender Anzeigeneinkünfte ihre Budgets aufpolstern. Im konkreten Fall fasst das Buch eine Auswahl aus einer beliebten Artikelserie der Stilzeitschrift Salon zusammen, die in Hamburg erscheint und von Anne Petersen geleitet wird.

Anne Petersen, Chefin des Hamburger Stilmagazins Salon, firmiert als Herausgeberin des Prachtbandes.
Foto: G+J

Beim Essen wird, excuse the pun, Geschmack eben tatsächlich gelebt. So lässt sich der „Rehrücken mit gestovtem Wirsing“, wie es ihn zu Weihnachten bei der Familie von Thomas Mann gab, nach dem Rezept im Buch nicht nur nachkochen; man bekommt auch gleich Ideen für die Tischdeko mitgeliefert. Ob KPM, Nymphenburg oder Diesel Living, was auf den großzügig gelayouteten Stillleben an Geschirr zu sehen ist, würde bei einem realen Abendessen zu manch verschämtem Telleranheben und Kopfverdrehen sorgen, um auf der Unterseite die Porzellanmarke abzulesen. (Im Anhang von „Legendäre Dinner“ findet sich eine Fotoliste mit allen Herstellern.)  

Unter den Gastgebern dominieren erwartungsgemäß Franzosen und Amerikaner. Die Mischung aus Übermut, penibler Planung und auch mal unvernünftiger Großzügigkeit, die es für gelungenes Entertaining nun mal braucht, konnte in Deutschland nicht so recht florieren. Dazu klammerte man sich im 20. Jahrhundert noch viel zu sehr an Sekundärtugenden wie Sparsamkeit und Sauberkeitsfimmel.

Immerhin: Neben dem erwähnten Mann-Weihnachtsdinner und Goethes 66. Geburtstagsessen haben es auch jene wüst belegten, gesunden Brote ins Buch geschafft, die es bei den Bauhaus-Festen in Weimar oder Dessau gab. Darauf einen Toast!

Prestel Verlag
Anne Petersen: „Legendäre Dinner – Unvergessliche Rezepte berühmter Gastgeber“, erschienen bei Prestel.

Der Bildband widmet sich 20 historischen Essen prominenter Gastgeber (darunter Claude Monet, Coco Chanel, John F. Kennedy und Truman Capote) samt Rezepten zum Nachkochen. Garantiert kein Haar in der Suppe sind dabei die biografischen Anekdoten und Fun Facts, welche die jeweilige Zeitstimmung wieder aufleben lassen. Prestel Verlag, 2020. Hardcover, 224 Seiten mit 180 farbigen Abbildungen, 36 Euro.