Eine weiße Blume der Romantik: die Narzisse der Dichter, Narcissus poeticus.
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Berlin/UckermarkVorn, dahinter und daneben, niedrig und hoch: Als Gärtner plant man nicht nur in den drei räumlichen Dimensionen, sondern ganz stark in der von Einstein definierten weiteren Dimension, der Raumzeit. Praktisch bedeutet das: Die meiste Arbeit ist vorausschauend. Vieles, was ich heute tue, macht sich erst in sechs Monaten, oft auch erst in eineinhalb Jahren bezahlt. Als Gärtner gestalten wir ständig einen Raum, der erst in der Zukunft genau so existieren wird.

Im Spätsommer geschieht das jährlich wieder, wenn man die Geophyten setzt. Also jene Pflanzen, die ungünstige Bedingungen (seien es Sommertrockenheit oder Winterfrost) mittels unterirdischer Organe überdauern. Prominentestes Beispiel sind die Zwiebelpflanzen wie Narzissen, Zierlauch, Tulpen und andere Frühlingsblüher.

Narzissenzwiebeln (hier beim nachwinterlichen Austrieb) sollen schon im August in die Erde. Kauftipp unseres Autors: das Sortiment der Königlichen Gartenakademie in Berlin-Dahlem.
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Die Planung, welche Zwiebeln ich für 2021 setzen möchte, hat schon im vergangenen Frühling begonnen. Da beobachtete ich genau, wo es Lücken gab, welche Zwiebelpflanzen sich gut machten, wo Ausfälle waren und was eigentlich ganz anders sein sollte. Den Frühsommer nutzte ich für Recherchen, verfolgte aufmerksam Publikationen in Zeitschriften oder von anderen Gärtnern und machte mir Notizen.

Wenn dann ab August die ersten Blumenzwiebeln erhältlich sind, schlage ich zu. Meistens bestelle ich erst eine größere Menge verschiedener Zwiebeln und kaufe danach bei diversen Gelegenheiten besondere Entdeckungen dazu. Macht einfach mehr Freude, als nur online zu ordern. Eine fantastische Auswahl hat etwa die Königliche Gartenakademie in Berlin-Dahlem, der Zwiebelkauf dort ist für mich jedes Jahr ein spätsommerliches Highlight.

Damit ist der Spaß aber auch schon zu Ende, denn eigentlich setze ich Blumenzwiebeln eher ungern. So viel Mühe – und am Ende sieht man erst mal: nichts. Regelmäßig kreisen meine Gedanken auch um unser aller Vergänglichkeit, während ich neben Tulpenzwiebeln auf dem kühlen und feuchten Herbstboden herumrutsche.

Ausblick ins Frühjahr: die Große Sternhyacinthe Chionodoxa forbesii „Blue Giant“, auch als Schneeglanz bekannt.
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Für das Einpflanzen von Blumenzwiebeln gilt es, den richtigen Zeitpunkt zu finden. Der Boden darf weder zu warm noch schon richtig ausgekühlt sein. Anfang November ist meistens richtig. Eine Ausnahme bilden die Narzissen: Sie sollten so früh wie möglich in die Erde, also schon in der zweiten Augusthälfte. Als Faustregel gilt bei ihnen: zwei- bis dreimal so tief in die Erde wie der Durchmesser der Zwiebel beträgt.

Bei den Sorten tendiere ich mehr und mehr zu den weißen, allen voran Narcissus „Thalia“, die Stengelbündel mit meist mehr als einer Blüte ausbildet. Sie steht gern trocken, also auf durchlässigem Boden, und ist deshalb bestens für Brandenburg geeignet. Im Gegensatz zu den anderen Narzissen, die lieber schweren und feuchten Boden möchten. Wie die anmutige Dichter-Narzisse (Narcissus poeticus): Sie ist weiß mit gelber Mitte, die von einem roten Ring begrenzt wird.

Von den gelben Narzissen mag ich noch am ehesten die Sorte „Lemon Drops“, deren Name ihren Farbton trifft: ein ganz zartes, dabei säuerliches und irgendwie neoklassizistisches Hellgelb. Eine weitere schöne Gelbe ist Narcissus „Jenny“, übrigens eine der am frühesten aufblühenden Narzissen überhaupt.

Fast schon eine Orchidee: Narcissus „Thalia“, bei uns auch Engelstränen-Narzisse genannt.
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Um in der Pflanzung ein malerisch-natürliches Ergebnis zu erzielen, empfehle ich die traditionelle Methode: Man nehme eine Handvoll Zwiebeln, werfe sie mit leichtem Schwung auf die Pflanzfläche und setze sie genau dort, wo sie hinfallen. Nichts ist nämlich schlimmer als Frühlingsblumen, die akkurat im gleichen Abstand zueinander stehen. Viel schöner sind kleine, ganz zufällig wirkende Gruppen, die sich als blühende Flecken über das Grün der Wiese verteilen.

Nach dem Setzen der Narzissen gibt es erst mal eine Zwiebel-Arbeitspause, die man mit weiteren Einkäufen überbrücken kann. Dazu gehören sollte auf jeden Fall der Schneeglanz (Chionodoxa), auch als Sternhyazinthe bekannt. Die neuere Sorte Chionodoxa forbesii „Blue Giant“ hält mehrere Wochen und ihre windsorblauen Blüten mit weißer Mitte haben eine enorme Strahlkraft. Etwas später, mit größeren Blüten in weichem Lavendelblau, blüht Chionodoxa luciliae. Beide entwickeln im Garten eine Fernwirkung, die man den nur zehn bis 15 Zentimeter hohen Pflanzen kaum zutraut.

Gerstenberg Verlag
Als die Gärtner Tweed trugen

Valerie Finnis und der englische Gartenadel. Verfasst von Ursula Buchan. Gerstenberg Verlag, Hildesheim 2009. 160 Seiten, um 25 Euro.
https://www.gerstenberg-verlag.de

Gleiches gilt für die Scilla siberica, die Blausterne, die in Massen am besten aussehen. Die Erde sollte für sie nie austrocknen und sie können gerne im Halbschatten stehen. Dort fühlen sich auch Traubenhyazinthen (Muscari azureum) wohl, die aber trockener stehen wollen. Besonders gerne mag ich die in frostigem Blau, die Sorten Muscari „Peppermint“ und Muscari „Valerie Finnis“. Letztere wurde nach der 2006 verstorbenen, gärtnernden Fotografin benannt, die gern englische Ladys in ihren exzentrischen Gartenoutfits und Hüten porträtierte – siehe dazu Ursula Buchans „Als die Gärtner Tweed trugen“, erschienen im Verlag Gerstenberg.

Für alle Muscaris gilt, dass sie sich in Gesellschaft am wohlsten fühlen. Wie viele von den Zwiebelchen idealerweise zu so einer Gesellschaft gehören? Ich würde da nicht an ein intimes Dinner denken, sondern an eine richtig große Party. Jeder Frühling will schließlich gebührend begrüßt werden.


Gartengestalter Rainer Elstermann auf Instagram: https://www.instagram.com/neuelandschaftsgestaltung