Sting verwöhnte Pop-Genießer in der Waldbühne: Intim wie in einer Hafenkneipe

Ist Sting der Richtige für die Waldbühne? Läßt sich seine intime Musik nicht besser im stillen Straßencafe oder in der abgelegenen Hafenkneipe am Meer genießen? Ist sie nicht der perfekte Luxus-Sound für den individuellen Genießer? Jeder, der auf der Suche nach dem verschwiegenen, aber guten Restaurant ist, weiß auch: Der Traum ist eine Illusion. Ebenso gilt: Sting-Fans sind nie und nirgendwo allein.Sein Konzert beginnt recht verhalten. Die ersten Titel seines neuen Albums "Mercury Falling" werden mit höflichem Beifall bedacht. Die beiden Bläser Butch Thomas und Clark Gayton müssen sich schon als Animateure bemühen, um beim dritten Titel "I Was Brought To My Senses" erstes Mitklatschen zu erzeugen. Die Ballade wechselt von der getragenen irischen Volksweise zum federleichten Latino-Rhythmus - typisch für Sting. Seine neuen Stücke bleiben elegant, wirken insgesamt aber weicher, gefälliger. Die Texte sind persönlicher, unpolitischer als zu Beginn seiner Solo-Karriere. Hier tritt keiner mehr an, der etwas beweisen will, sondern einer, der seinen Mittelpunkt gefunden hat. Seine Pop-Exzellenz Sting, wohnhaft im Landschloß zu Wiltshire, hat auch keine Angst mehr vor ausgesprochenen Schnulzen, wie etwa "I'm So Happy I Can't Stop Crying".Natürlich weiß jeder im Rund, daß Sting die Massen von einer Sekunde zur anderen zum Toben bringen könnte: Er müßte nur ein paar alte Police-Kracher spielen. Und tatsächlich folgt bald mit "Every Little Thing She Does Is Magic" der erste Klassiker aus den Tagen jener mitreißend guten Band. Aber bei Sting sind Rhythmuswechsel kein krampfhafter Spagat, sondern ein souveränes Spiel mit verschiedenen Ausdrucksmöglichkeiten. Abgesehen davon: So exzellente Begleitmusiker wie Keyboarder Kenny Kirkland oder Gitarrist Dominic Miller lassen sich auch nicht einfach zu Police-Imitatoren degradieren.Spannend, wie Sting und seine Band das Repertoire durchmischen: Alte Stücke wie "Roxanne" werden mit Soli veredelt und klingen weniger ruppig, aktuelle Nummern wie "All Four Seasons" (gewidmet seiner fünfjährigen Tochter) dagegen werden aufgerauht und klingen plötzlich wie aus der Frühphase von Police. Daß auch das legendäre Trio schon eine ungewöhnlich experimentierfreudige Band war, unterstreichen weniger bekannte Titel wie der "Demolition Man". Immer wieder erstaunlich: Ob es beim "Englishman in New York" eine Rap-Einlage gibt oder ob Kenny Kirkland mal Jazz, mal Bossa Nova einwebt - es bleibt trotzdem stets unverkennbar Sting. Keiner hat die Kurve vom Rocker zum erwachsenen Popstar so elegant und erfolgreich gemeistert wie er. Auch wenn Sting den Police-Kampfruf "Hijeho" anstimmt, tut er dies nie in der albernen Pose des Berufsjugendlichen, ohne die die Mehrheit seiner gleichaltrigen und älteren Kollegen nicht auszukommen glaubt.Und spätestens beim obligatorischen Abschiedslied, dem wunderbaren "Fragile", scheint es, als hätte jeder der 22 000 seinen Sting für sich allein - ein Moment, wie er selten ist. Der Meister spielt auf der Akustikgitarre den Song, der daran erinnert, wie kostbar ein Menschenleben ist. Inspiration dafür war das Schicksal eines in Nikaragua erschossenen Ingenieurs.Danach rollen La-Ola-Wogen durchs Rund, schlagen an, wie Wellen in einem fernen Hafen. Viele singen noch "Yellow Submarine" vom Band mit, während Sting längst abgetaucht ist. +++