Zu wenig Lehrer, hundert Euro Büchergeld im Schuljahr und später womöglich auch noch Studiengebühren - Jessica Petersohn fallen auf Anhieb mehrere Gründe ein, warum sie gegen die Bildungspolitik des Senats ist. Gestern ging die 18-jährige Gymnasiastin zusammen mit rund 6 000 Schülern auf die Straße, um ihrem Ärger noch vor der Wahl am Sonntag Luft zu machen. "Wir wollen ein Zeichen setzen", sagte sie."Bildung für alle und zwar umsonst", skandierten die Schüler. "Wir sind hier und wir sind laut, weil man uns die Bildung klaut". Nach einer Kundgebung vorm Roten Rathaus zogen die Demonstranten durch Mitte und wieder zurück zum Roten Rathaus. Größere Zwischenfälle gab es nicht. Von zwei Personen, die Wahlplakate beschädigt hatten, nahm die Polizei die Personalien auf.Zum Schülerstreik und zur Demo hatte die Aktionskonferenz "Bildungsblockaden einreißen" aufgerufen. Ihr gehören Schüler und linke Gruppen wie die sozialistische Jugend "'solid", "Pro Graffiti" und die Jugend-Antifa an. Die Landesschülervertretung unterstützte den Protest ebenfalls.Vermerk auf dem ZeugnisIn den Schulen war man mit dem Streikaufruf unterschiedlich umgegangen. "Unser Rektor ist am Dienstag durch die Klassen gegangen und hat gesagt, dass keiner zur Demo gehen soll", erzählte ein Mädchen aus Friedenau. Schüler einer Reinickendorfer Oberschule sagten dagegen, ihre Lehrer würden sie unterstützen."Von unserer Schule sind etwa 300 Leute hier", sagte einer der Reinickendorfer. Er sei in der 10. Klasse und wolle im nächsten Jahr in die Oberstufe wechseln, um das Abitur zu machen. "Bei uns fällt viel Unterricht aus. Gerade jetzt ist das ein Riesenproblem." Außerdem sei der Druck auf die Schüler immer stärker geworden. Durch die neuen Vergleichsarbeiten sei es beispielsweise schwerer geworden, nach der 10. Klasse weiterzumachen.Die Redner des Aktionsbündnisses forderten mehr Chancengleichheit und mehr Mitbestimmung. Das dreigliedrige Schulsystem müsse abgeschafft, mehr Geld in Bildung investiert werden. Zahlreiche Redner forderten noch mehr - das Recht auf Graffiti, etwa, oder das Ende von Hartz IV. Nicht allen Schülern gefiel das. "Also ich bin wegen der Bildungspolitik hier", sagte ein Mädchen. Unterstützung ernteten die Schüler von Krankenschwestern und -pflegern der Charité, die momentan auch streiken. Eine Delegation richtete "solidarische Grüße" aus.Jens Stiller, Sprecher von Bildungssenator Klaus Böger (SPD), kritisierte den Streik. Die Schüler müssten damit rechnen, dass ihr Fernbleiben vom Unterricht Konsequenzen hat. "Grundsätzlich gilt: Das ist unentschuldigtes Fehlen und wird auf dem Zeugnis vermerkt." Die Entscheidung liegt bei den Schulleitern. Stiller sprach von einem "Wahlkampf-Charakter" der Aktion. Die Unterrichtsausfall-Quote in Berlin sei auf 2,4 Prozent gesunken: "Dies ist weniger als in angeblichen Bildungs-Musterländles." Trotzdem hat sich der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) des Themas angenommen. Im Fernsehduell mit seinem Herausforderer Friedbert Pflüger (CDU) sagte er, dass die Schulen Geld bekommen sollen, um flexibler Unterrichtsvertretung organisieren zu können. (mit tom.)------------------------------Kostbare BildungIn Berlin haben mehr als 35 Prozent der Menschen zwischen 25 und 65 Jahren studiert oder einen gleichwertigen Abschluss gemacht. Damit liegt die Hauptstadt bundesweit an der Spitze. Etwa 46 Prozent der hiesigen Studenten sind Berliner.16 Prozent der Hauptstädter verfügen höchstens über einen mittleren Schulabschluss und haben keinerlei Ausbildung. Die Quote entspricht dem Bundesdurchschnitt. Allerdings ist diese Gruppe wie in kaum einem anderen Bundesland - außer den neuen Bundesländern - von Arbeitslosigkeit bedroht.Bei den Ausgaben für seine Bildung liegt Berlin weit vorne. Für jeden Platz von der Grundschule bis zur Hochschule gab 2003 Berlin rund 8 100 Euro aus. Nur Hamburg mit 8 400 Euro lag darüber. Der Bundesschnitt wurde mit 7 400, der in der OECD mit 7 500 ausgerechnet.Den Vergleich stellten die statistischen Ämter des Bundes und der Länder an. Die Indikatoren sind die gleichen wie die in der jüngst vorgestellten OECD-Studie "Bildung auf einen Blick".------------------------------Grafik: Die Grundschulklassen sind in Berlin etwas größer als im Bundesschnitt. Allerdings sind bei der Angabe Teilungs- und Förderunterricht noch nicht berücksichtigt.------------------------------Foto: "Was ist ein Fehltag gegen unsere Zukunft?": 6 000 Schüler schwänzten gestern den Unterricht.