BERLIN, 19. September. Der Aufsichtsrat des am Neuen Markt notierten Berliner Betreibers von Call-Centern Infogenie hat mit sofortiger Wirkung seinen Firmengründer und Vorstand Markus Semm entlassen. Die Grundlage für eine weitere Zusammenarbeit sei nicht mehr gegeben, hieß es am Mittwoch. In jüngerer Zeit seien "unterschiedliche Auffassungen über die künftige Unternehmensführung hervorgetreten", teilte das Unternehmen mit. Das Pikante an dem Rausschmiss: Semm ist mit rund 54 Prozent der Anteile noch immer Mehrheitseigentümer von Infogenie. Nachfolger des Firmengründers soll der erst im August von Semm selbst in den Vorstand berufene Lynex Owens werden. Dieser wird jetzt Alleinvorstand.Für Börsenexperten ist der Vorfall denn auch ein Novum in der viereinhalbjährigen Geschichte des nicht gerade unter Kuriositätenmangel leidenden Neuen Marktes. "Ich kann mich an einen ähnlichen Fall nicht erinnern", so Heinz Stork, Analyst beim Frankfurter Wertpapiermakler Nols. Spannend sei nun die Frage, was Semm mit seinen Anteilen nun macht: "Wenn er die Aktien im großen Stil an der Börse verkauft, dann dürfte er für einen gewaltigen Kursrutsch sorgen", sagte Stork. Ohnehin hat der Kurs der Aktie in den vergangenen Wochen schon mächtig gelitten: Vor knapp einem Jahr war das Papier mit fünf Euro an der Börse gestartet, am Mittwoch notierte die Infogenie-Aktie zum Börsenschluss bei 0,66 Euro - kein sehr attraktiver Verkaufspreis. Doch der geschasste Firmengründer hat dem Analysten zufolge noch eine andere Möglichkeit, seine Aktien loszuwerden: Er könnte die Papiere im Paket an einen oder mehrere Investoren abgeben. "Aus dieser Überlegung heraus könnte die Aktie sogar eine gewisse Übernahmefantasie bekommen", so Stork. Ende August hatte Semm bereits 600 000 Aktien an die Berliner Effektenbank übertragen.Denkbar ist aber auch, dass Semm sich seine Ablösung nicht gefallen lässt und sogar arbeitsrechtlich dagegen vorgeht. Ein Unternehmenssprecher wies ausdrücklich darauf hin, dass es zwischen Semm und dem Aufsichtsrat keine Differenzen bezüglich der strategischen Ausrichtung des Unternehmens gegeben habe. Infogenie bietet telefonische Ratgeber-Hotlines zu unterschiedlichen Themen an. Im Interview mit der "Berliner Zeitung" vor wenigen Wochen hatte Semm angekündigt, den Kreis der Firmenkunden erweitern und die internationale Expansion vorantreiben zu wollen. Zudem sollen die Aktivitäten zunehmend auf das Internet verlagert werden.Drohender Ausschluss Der mit Semms Expansionskurs verbundene hohe finanzielle Aufwand könnte jedoch den Bruch mit dem Aufsichtsrat herbeigeführt haben. Im ersten Halbjahr rückte die Gewinnzone in weite Ferne: Die Verluste übertrafen mit 1,9 Millionen Euro (3,7 Millionen Mark) sogar den Umsatz. Für die zweite Jahreshälfte rechnet Infogenie jedoch mit einer deutlichen Umsatz- und Ergebnisverbesserung. Semm sei deshalb gut beraten, seine Aktien zu halten, hieß es bei Infogenie.Wegen des niedrigen Aktienkurses und auf Grund der geringen Marktkapitalisierung ist Infogenie nach den neuen Regeln der Börse akut vom Ausschluss aus dem Neuen Markt bedroht. Semm hatte die Qualitätskriterien, anhand derer die Börse die Firmen einstuft, scharf kritisiert: Wachstumsfirmen wie Infogenie müssten anders beurteilt werden. Einen möglichen Ausschluss vom Neuen Markt wollte er aber hinnehmen, weil dessen Image sowieso angeschlagen sei.Ein Börsengang mit Folgen // Markus Semm, 42, hat das Unternehmen Infogenie 1996 gegründet. Seine Geschäftsidee: Er stellt Firmen, deren Produkte stark erklärungsbedürftig sind, Fachleute gegen Entgelt zur Verfügung, die deren Kunden am Telefon beraten.Im Oktober 2000 entschloss sich Semm trotz der niedrigen Marktkapitalisierung, an den Neuen Markt der Börse zu gehen. Jetzt hat ihn sein Aufsichtsrat entlassen. Begründung: "Unterschiedliche Auffassungen".BLZ/KÜHL Infogenie. Kursentwicklung seit dem Börsengang 21.5.01-21.8.01.

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