In einem Regal des Krematoriums Ruhleben steht eine Urne. Das schwarze Gefäß mit der Nummer 173126 enthält die Asche Rainer Hildebrandt. Vor zweieinhalb Jahren ist der Gründer des Berliner Mauermuseums am Checkpoint Charlie, gestorben, und noch immer gibt es keine Grabstätte für ihn. Denn der Senat bleibt hart. Hildebrandts Witwe Alexandra will den testamentarischen Willen ihres Mannes erfüllen. Hildebrandt, der am 9. Januar 2004 gestorben war, hatte verfügt, neben seinem Freund Albrecht Haushofer auf dem Friedhof an der Wilsnacker Straße in Moabit beigesetzt zu werden. Der Konservative Haushofer wurde in der Nazi-Zeit zum Widerstandskämpfer, der von den Nationalsozialisten erschossen wurde. Seine sterblichen Überreste liegen in einem Massengrab. Doch auf dem Friedhof wird seit 1952 niemand mehr beerdigt. Er kann zwar besucht werden, ist aber für Begräbnisse geschlossen. Das ist der Grund, warum der Senat die Beisetzung Hildebrandts dort nicht erlaubt."Es handelt sich um einen Friedhof für die Opfer von Krieg und Militarismus", sagt Petra Roland, Sprecherin der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung. Die Gräber hätten "unendliches Bleiberecht". Es gibt also keine Ablauffrist, wie es auf Friedhöfen gewöhnlich der Fall ist. Dort läuft 20 Jahre nach der letzten Bestattung die Frist ab, dann können die Gräber theoretisch eingeebnet werden. Auf dem Friedhof in Moabit würde man mit einer Bestattung immer die Totenruhe stören. Deshalb werde man bei Hildebrandt keine Ausnahme machen. "Das haben wir noch nie getan." Es gelte der Grundsatz der Gleichbehandlung für alle. Außerdem so Roland, habe der Senat der Witwe einen anderen Friedhof angeboten, nämlich den für die Opfer des 17. Juni 1953 in der Weddinger Seestraße. "Das würde auch zur Geschichte von Herrn Hildebrandt passen", sagt Roland. "Frau Hildebrandt hat das aber abgelehnt."Der Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf, in dessen Zuständigkeit das Krematorium Ruhleben fällt, drohte Hildebrandt im Februar mit der Zwangsbeisetzung der Urne in einem anonymen Grab. Die erste Frist lief am 31. März ab, eine weitere verstrich am 30. Juni. Doch jetzt ist im Grünflächenamt von Zwangsbeisetzung keine Rede mehr: "Wir rühren uns nicht", sagt Amtsleiter Christoph-Maria Maasberg. Die Urne bleibe im Krematorium stehen, bis die Witwe oder der Senat anordnen, wo sie beerdigt werden soll. Das Argument der Totenruhe lässt Maasberg nicht gelten. Die Totenruhe werde oft durch schlimmere Dinge als durch eine kurze Urnenbestattung gestört. Der Streit könne zu einer "Ewigkeitsnummer" werden, befürchtet Maasberg. "Ich empfinde die Situation als zutiefst unwürdig für einen so wichtigen Berliner wie Rainer Hildebrandt." Auch die Kinder des Museumsgründers hätten schon bei ihm angerufen. Sie seien entsetzt gewesen über die Situation.Inzwischen wächst Kritik an der starren Haltung des Senats. Die Auseinandersetzung um den Bestattungsort "ist ein völlig unwürdiger Streit", sagte CDU-Generalsekretär Frank Henkel. "Ich habe kein Verständnis für die Hartleibigkeit des Regierenden Bürgermeisters". Hildebrandt habe sich mit seinem "unerschütterlichen Widerstand" gegen die Nazis und sein Einsetzen für die deutsche Einheit "enorme Verdienste" erworben. Der Senat sollte ihm seinen letzten Wunsch erfüllen oder ihm ein Ehrengrab gewähren.Auch die Kulturexpertin der Grünen, Alice Ströver, hat kein Verständnis für den Streit. "Herr Hildebrandt hat es verdient, dass er zu Grabe getragen wird", sagt sie. Der Senat sollte großzügig sein und für Hildebrandt die Bestattung auf dem Moabiter Friedhof möglich machen. Sibylle Meister von der FDP schlägt einen Kompromiss vor: Eine Gedenktafel für Rainer Hildebrandt neben dem Grab von Haushofer und eine Bestattung auf einem regulären Friedhof wäre vielleicht eine Lösung , die die Witwe Hildebrandts mittragen könne. In den Regierungsfraktionen ist man zwar auch nicht glücklich über den Streit. "Aber eine Ausnahme zieht 25 weitere nach sich", fürchtet Carola Bluhm, die stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Linkspartei.PDS. Es werde keine Lösung geben, wenn nicht beide Seiten sich bewegen. Für Brigitte Lange (SPD) ist die Lage klar: "Auch Frau Hildebrandt muss sich an bestehende Gesetze halten,"Petitionsausschuss angerufenAlexandra Hildebrandt wird weiter kämpfen. Sie hat Eingaben geschrieben an das Kanzleramt und das Bundespräsidialamt und ist vor kurzem beim Petitionsausschuss des Bundestages vorstellig geworden. Der will nun vermitteln. Hildebrandts Anwalt ist nach wie vor überzeugt, dass man den Rechtsstreit gewinne, weil eine Ausnahmegenehmigung möglich sei. "Doch der Senat reagiert nicht", sagt die Witwe. Sie wittert ein Politikum. Ihr Mann sei DDR-Funktionären schon immer ein Dorn im Auge gewesen. Da die SPD in Berlin nun mit der Linkspartei und somit auch mit "ehemaligen Genossen" regiere, wolle sie den Koalitionspartner nicht verärgern, mutmaßt sie. "Es ist pietätlos und unmenschlich, wie hier verfahren wird", sagt Hildebrandt. Ihr 17-jähriger Sohn leide sehr. "Er braucht doch einen Ort, an dem er um seinen Vater trauern kann."------------------------------Foto: Das Grab des Widerstandskämpfers Albrecht Haushofer in Moabit------------------------------Foto: Alexandra Hildebrandt und ihr Mann Rainer, Gründer des Mauermuseums am Checkpoint Charlie, im August 1998