Streit um Gedenkstein auf Friedhof der Sozialisten / Knall bei Demo: Blumen und Böller

Aus der ersten Reihe der Linkspartei fand niemand den Weg zu dem kleinen Gedenkstein. Dabei kommt man direkt an der unscheinbaren Steinplatte vorbei, die "Den Opfern des Stalinismus" gewidmet ist - wenn man zum Erinnerungs-Rondell für die toten Sozialisten auf dem Zentralfriedhof Friedrichsfelde will. Vor etwa vier Wochen wurde der kleine Stein eingeweiht und sorgt seither für heftige Debatten. Erst recht gestern, als wieder Tausende auf den Friedhof strömten, um die vor 88 Jahren ermordeten Kommunisten Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht zu ehren. Rund 50 Personen waren wegen des neuen Gedenksteins in eine derart hitzige Debatte verwickelt, dass sogar die Polizei für Ordnung sorgen musste.Hans Modrow, Ehrenvorsitzender der Linkspartei, kritisierte den Stein. Es handele sich um ein "undifferenziertes Symbol", bei dem nicht klar sei, wer geehrt werde, sagte er. Für ihn seien die Toten des Stalinismus im großen Gedenkstein mit der Aufschrift "Die Toten mahnen uns" eingeschlossen. Auch die Europa-Abgeordnete Sahra Wagenknecht findet den kleinen Stein unpassend. Es seien zum einen Kommunisten und Sozialisten Opfer des Stalinismus geworden, aber: "Es gab aber auch Gegner unserer Gesellschaft." Der ehemalige SPD-Bundesvorsitzende und heutige Chef der Linkspartei-Fraktion im Bundestag, Oskar Lafontaine, wollte sich zu dem Streit nicht äußern. Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht, sagte er, hätten nichts mit Stalinismus zu tun. "Das ist heute nicht der Anlass unserer Ehrung."Der Berliner Wirtschaftssenator Harald Wolf verteidigte den neuen Stein. Es sei richtig, dass an dieser Stelle auch an die Opfer der Arbeiterbewegung erinnert werde. Blumen legte er dort aber nicht nieder. Das "wäre eine Geste", sagte er. Entscheidender für ihn sei, dass der Stein mit den Stimmen der Linkspartei aufgestellt wurde.Genau diese Debatten zeigten, wie richtig und wichtig der Stein sei, sagte der Grüne-Bundestagsabgeordnete Christian Ströbele, der jedes Jahr auf den Friedhof kommt.Während die Menschen auf dem Friedhof - die Linkspartei sprach von 60 000 Teilnehmern, die Polizei von "einigen tausend" - ohne Störung gedachten, gab es auf einer Demonstration linker Gruppen einen Zwischenfall: An der Bahnbrücke zwischen beiden Ring-Centern an der Frankfurter Allee gab es gegen 11 Uhr einen lauten Knall. In einer Tüte explodierten mehrere zusammen gebundene Böller. Sie waren per Funk ferngezündet worden. Verletzt wurde niemand. Wie die Polizei mitteilte, stellte sich gestern Abend ein 47-jähriger Mann und gestand die Tat. Er werde vom Staatsschutz verhört, der dann entscheide, ob ein Haftbefehl beantragt werde. Die Hintergründe der Tat blieben unklar.------------------------------Foto: Lothar Bisky und Hans Modrow an der Gedenkstätte der Sozialisten