Schlechte Straßen, graue Häuser, eine alte Kirche, ein Lebensmittelladen, den die Einwohner immer noch "Konsum" nennen, eine Eisdiele und eine Gastwirtschaft. Das ist Steinhöfel. Wenn man sich beeilt, ist man von Berlin aus mit dem Auto in einer guten Stunde da. Um diesen Ort ist ein Streit entbrannt, der nicht nur die Einwohner seit Jahren in Atem hält, sondern nun auch die Gerichte beschäftigt. Denn etwas Besonderes hat das Dorf: Ein klassizistisches Herrenhaus am Rande des Ortes, das von David Gilly 1795 errichtet wurde. Das Gebäude steht zusammen mit der Dorfanlage unter Denkmalschutz.Hauptakteure in dem Streit sind die Schmuckdesignerin Evelyn Gutman aus Berlin-Dahlem, die sich vorgenommen hat, aus dem Dorf einen Kurort zu machen, und der Amtsdirektor von Steinhöfel/Heinersdorf, Wolfgang Funke, der von ihm befürchteten Bodenspekulationen einen Riegel vorschieben will. Gutman und Funke sind mittlerweile zu erbitterten Feinden geworden. Ganz offen gibt Frau Gutman zu, daß sie Funke einen "Denkzettel" verpassen will. Doch während Frau Gutman durch geschicktes Agieren die meisten Bürger Steinhöfels auf ihre Seite gezogen hat, wird es um Funke zusehends einsamer.Begonnen hat alles vor fast sechs Jahren. Damals suchte Evelyn Gutman eine neue Bleibe für ihr Gestüt, das sie in der Nähe von Osnabrück betreibt. In Steinhöfel meinte sie, ihr Wunschdomizil entdeckt zu haben. Und weil David Gilly das Herenhaus und das Dorf als eine Einheit konzipiert hatte, entstand die Idee, zusamen mit anderen Investoren aus Steinhöfel wieder ein Kleinod zu machen. Das halbverfallene Schloß soll, so die Pläne, für zehn Millionen Mark instand gesetzt werden. Außerdem sollen eine Kurpromenade, ein Hotel und ein Sportplatz entstehen. Eine Pferdeschau nach dem Vorbild der spanischen Hofreitschule in Wien, ein Spielcasino und möglicherweise auch eine Beautyfarm sollen aus dem verschlafenen Dorf einen Treffpunkt für den Geldadel werden lassen. Von Startenören und Politprominenz spricht Frau Gutman, wenn sie an ihr zukünftiges Steinhöfel denkt. "Pavarotti könnte Aida singen", sagt sie. Und für Kanzler Kohl könnte sie einen Empfang ausrichten.Amtsdirektor Funke hingegen hält solche Vorstellungen für Luftschlösser, die in seinem Steinhöfel keinen Platz haben. Er hat das Beispiel eines Nachbarortes vor Augen, das ihm Angst einflößt. Dort kaufte bald nach der Wende eine Entwicklungsgesellschaft viel Land von den Bauern auf, um Gewerbe anzusiedeln. Der Grundbesitz wurde zu immer höheren Preisen weiterverkauft bis der letzte Eigentümer schließlich wegen Betrugs vor Gericht gestellt wurde und nun im Gefängnis sitzt. Die Gewerbeansiedlungen aber lassen noch immer auf sich warten."Was Frau Gutman hier machen will, ist reine Spekulation", sagt Funke. Ihm aber müsse es als Amtsdirektor darum gehen, die strukturellen Nachteile der Region durch günstige Bodenpreise auszugleichen. Das Schloß sei für Frau Gutman nur ein "Feigenblatt", um sich den ganzen Ort einzuverleiben. Er werde dies zu verhindern wissen, denn er habe einen Eid geleistet, um Schaden von der Gemeinde fernzuhalten.Gegen die Pläne, die Evelyn Gutman bereits vor zwei Jahren in einer selbst konzipierten Broschüre vorgestellt hat, ist auch Landeskonservator Detlef Karg vom Brandenburgischen Landesamt für Denkmalpflege. "Frau Gutman will den Ort einfach überplanen. Das verkraftet der nicht", sagt Karg.Schaden werde ihnen die augenscheinlich reiche Berlinerin gewiß nicht, meinen hingegen die Steinhöfler. Vielmehr werde sie in der Region, in der eine Arbeitslosenquote von 21 Prozent für sich spricht, für Beschäftigung und Wohlstand sorgen, glauben sie. Einige von ihnen haben darum auf Anregung von Frau Gutman eine Bürgerinitiative gegründet und ein Bürgerbegehren auf den Weg gebracht. Sie verlangen, daß die Gemeinde einen Vertrag mit Frau Gutman schließt, um die Planungen auf den Weg zu bringen. Rund 130 Einwohner haben unterschrieben, das ist die Hälfte der wahlberechtigten Bevölkerung. Da Amtsdirektor Funke jedoch rechtliche Hindernisse sah, erkannte er das Bürgerbegehren nicht an. Nun muß das Verwaltungsgericht in Frankfurt (Oder) entscheiden.Evelyn Gutman, die den Kampf um Steinhöfel mittlerweile als "eine Art Sport" betrieben hat, verliert unterdessen zusehends die Lust. Sie will entweder jetzt anfangen oder das Projekt sterben lassen. "Wenn das passiert", sagt Werner Brym, Sprecher der Bürgerinitiative, "sieht es bitterböse aus für Steinhöfel. Wir können dann den Arbeitsplätzen ade sagen." +++