Welche Rolle spielte der prominente Wirtschaftswissenschaftler Wilhelm Krelle während des Zweiten Weltkriegs? War er Kriegsverbrecher oder ein ganz normaler Wehrmachtsoffizier, der zeitweise die SS-Uniform trug? Der Fall Krelle macht seit mehreren Tagen Schlagzeilen. Studenten erforschen bereits seit 1994 die Geschichte des Professors.Früher ein Nazi, später ein Kommunistenhasser, der die Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät der Humboldt Universität nach dem Ende der DDR abwickelte - gegen diesen Vorwurf einiger Studenten muß sich Krelle seit einem Jahr zur Wehr setzen. Nachdem der 79jährige Ende 1994 zum ersten Ehrendoktor der HU nach der Wende ernannt wurde, gab es erste Gerüchte um Krelle und die SS. Vor zwei Wochen wurden die Verdächtigungen zum Vorwurf. HU-Student Christian Müller fand in der Außenstelle Potsdam des Bundesarchivs eine Liste zur Führerstellenbesetzung der 17. SS-Panzergrenadierdivision "Götz von Berlichingen", in der Krelles Name auftaucht. Er glaubte damit beweisen zu können, daß Krelle bereits ab Dezember 1943 zweiter Kommandierender der SS-Division gewesen ist.Müller konstruierte eine Verbindung zur Gegenwart, zur Arbeit der Struktur- und Berufungskommssion, die für die Umstrukturierung der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät zuständig war: Die Kommission habe unter dem ehemaligen "SS-Mann Krelle" begonnen, "systematisch alle ostdeutschen Hochschullehrer zu entlassen, ... die auf marxistischer Grundlage geforscht und gelehrt hatten".An der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät ist Christian Müller kein Unbekannter. In der Studenten-Zeitung "Hermes" begann er bereits im Dezember 1994 Krelles Arbeit an der HUB zu kritisieren. Später gab der Student eine 40seitige Broschüre zum Vereinigungsprozeß an der Fakultät heraus, die laut Impressum in Zusammenarbeit mit dem StudentInnenparlament entstanden sein soll. Das Gremium dementierte jedoch jegliche Beteiligung an den publizistischen Aktivitäten Müllers.Nicht nur Krelle-kritische Studenten stöberten in der Vergangenheit des Professors. Der ehemalige Studentenvertreter in der Struktur- und Berufungskommission, Jens Barthel, reagierte auf die Darstellungen Müllers zunächst mit Leserbriefen in der Zeitschrift "Hermes". Die SS-Vorwürfe gegen Krelle in der Tageszeitung "Junge Welt" nahm er zum Anlaß für eigene Nachforschungen.Seine Recherchen ergaben, daß Müller ein gravierender Fehler unterlaufen war: Das als Eintritt in die SS-Division interpretierte Datum in der SS-"Führerstellenbesetzung", das mit R.D.A. gekennzeichnet war, bedeutet nach Angaben des Bundesarchivs lediglich das Rangdienstalter, also den Zeitpunkt der Beförderung zum Major der Wehrmacht.Die "Junge Welt" verwendete sogenannte "Kriegstagebücher" der damaligen SS-Leute Hans Stöber und Helmut Günther über die 17. Division als Quelle. Barthel hält diese Publikationen für zweifelhaft. Günther und Stöber behaupten beispielsweise, Krelle sei zum Zeitpunkt der Abkommandierung zur SS im Besitz eines Doktortitels sowie im Zivilberuf Volkswirt gewesen. Beides trifft nicht zu: Erst 1947 schloß Krelle sein Studium ab und promovierte im gleichen Jahr in Freiburg. Nach Ansicht Barthels beweisen die falschen Angaben, daß die "Kriegstagebücher" mindestens teilweise nachträglich verfaßt wurden.Während die HU-Studenten die Archive in Berlin und Umgebung umkrempeln, entstaubt Professor Krelle in seinem Bonner Eigenheim persönliche Unterlagen zu seiner Verteidigung. "Universum" gewährte er Einblicke in seine Wehrmachts-Personalakte und Tagebücher. Ich besuchte ihn in Bonn.Aus den Tagebüchern geht hervor, daß Krelle am 5.1.1945 kurzfristig mit einem mündlichen Befehl gegen seinen Willen, für den ausgefallenen Offizier v. Bothmer zur 17. SS-Panzergrenadierdivision abkommandiert wurde. Die Verweigerung des Befehls, die Krelle laut Tagebucheintrag erwogen hat, hätte nach seiner Meinung zu einem Kriegsprozeß und einer möglichen Hinrichtung geführt.In der Division sei er als sogenannter "1a" dafür zuständig gewesen, die Befehle des Kommandeurs in taktische Anweisungen zu übersetzen, so Krelle. Nach der Abkommandierung in die SS-Division sei er wie üblich meistens als Sturmbannführer, aber auch mit dem gleichbedeutenden Titel Major bezeichnet worden. Lediglich für drei Tage, vom 24.3. bis zum 26.3. 1945, hat er seinem Tagebuch zufolge den gefallenen Divisionskommandeur Standartenführer (entspricht Generalmajor) Fritz Klingenberg vertreten.Mit Gewalttaten innerhalb der Division oder sinnlosen Durchhalteparolen hat Krelle nach eigenen Angaben nichts zu tun gehabt. Im Gegenteil: Mitte April 1945 verweigerte er, gemäß einem Tagebucheintrag, den Angriffsbefehl eines Generals, der aufgrund der "zehnfachen Übermacht" der gegnerischen Truppen zur sicheren Vernichtung der Division geführt hätte. Die Begründung im Tagebuch: "Wir würden keine unsinnigen Befehle ausführen, die nur zu Opfern ohne Aussicht auf Erfolg führen mußten".Das Bundesarchiv wird sich auch bei der heutigen Beurteilung des Falls Krelle auf die Personalakte stützen. +++