Studentenführer Wang Dan in die USA geflogen: China läßt Dissidenten ausreisen

PEKING, 19. April. Wang Dan, Chinas bekanntester Studentenführer, ist am Wochenende vorzeitig aus der politischen Haft entlassen worden und in die USA geflogen - zwei Monate vor dem Chinabesuch des USA-Präsidenten Bill Clinton. Der Bürgerrechtler war im Mai 1995 festgenommen und nach 17 Monaten Haft wegen "konterrevolutionären Umsturzes" zu einer elfjährigen Freiheitsstrafe verurteilt worden. Zur Ablehnung der Berufung hatte das Gericht nur zehn Minuten gebraucht. Die amtliche Nachrichtenagentur Xinhua meldete gestern unter Berufung auf das Justizministerium, Wang sei aus gesundheitlichen Gründen zur medizinischen Behandlung ins Ausland gereist. Von der US-Regierung und internationalen Menschenrechtsorganisationen ist die Freilassung des Dissidenten begrüßt worden. Die Eltern des Bürgerrechtlers bestätigten gestern die Ausreise ihres Sohnes. Nach Angaben der Mutter Wang Linyun waren beide Eltern am Freitag letzter Woche zum Gefängnis nach Jinzhou in der nordostchinesischen Provinz Liaoning bestellt worden. Dort wurde wegen ständiger Kopfschmerzen und anderer Beschwerden eine Computertomographie des Inhaftierten vorgenommen. Wang sei danach in ihrer Begleitung nach Peking gereist und in die USA geflogen. Die Menschenrechtsorganisation "Human Rights in China" berichtete, der Bürgerrechtler werde zunächst in Detroit medizinisch untersucht.Symbolfigur des WiderstandsWang Dan ist 29 Jahre alt und gilt als Symbolfigur der im April 1989 begonnenen und am 4. Juni desselben Jahres militärisch niedergeschlagenen Studentenproteste in Peking. Bilder und Filme, auf denen der Student der Geschichte seine Kommilitonen im Kampf um mehr Freiheit und Bürgerrechte anführte, gingen um die ganze Welt. Im Gegensatz zu vielen anderen Studentenführern agierte Wang, der während der Tiananmen-Proteste die "Autonome Studentenföderation" begründete, besonnen und taktisch geschickt. Auf der Liste der meistgesuchten Protestler stand er lange an erster Stelle. Nach dem Massaker, bei dem mehrere hundert Menschen ums Leben gekommen waren, hielt er sich zunächst versteckt, wurde aber bald aufgegriffen und saß dreieinhalb Jahre im Gefängnis, bevor er 1993 freigelassen und zwei Jahre später erneut festgenommen wurde. Der Sprecher des Weißen Hauses Eric Rubin sagte gestern, man werte die Freilassung Wang Dans als "positives Zeichen". In amerikanischen Medien war bereits Anfang April spekuliert worden, daß die chinesischen Behörden die Entlassung und Ausweisung des prominenten Dissidenten vorbereiteten. Nach Darstellung der "New York Times" sei dies Teil eines Übereinkommens der Chinesen mit den Amerikanern, in dem sich Washington bereit erklärt hätte, in diesem Jahr auf eine Resolution zur Verurteilung Pekings vor dem Genfer UNO-Ausschuß für Menschenrechte zu verzichten. Im Kongreß und in der amerikanischen Öffentlichkeit waren mehrmals Kompromisse Chinas in Menschenrechtsfragen angemahnt worden, bevor Clinton seine Reise antritt. Bundesaußenminister Klaus Kinkel sagte, die Freilassung Wang Dans zeige, daß der Druck der Bundesregierung und der EU-Partner auf China, die Menschenrechtssituation zu verbessern, wirke.(Kommentar Seite 4)