WASHINGTON, 8. Dezember. Eine Regierungsstatistik hat in den USA eine neue Debatte über die Todesstrafe ausgelöst. Jeder siebte zu Tode Verurteilte in den USA ist unschuldig, so eine Studie der US-Regierung. Gegner der Todesstrafe sehen sich nun in ihren Vorbehalten bestätigt und plädieren dafür, Hinrichtungen abzuschaffen. Im vergangenen Jahr wurden in den Vereinigten Staaten 74 Mörder und Vergewaltiger hingerichtet, die höchste Zahl seit der Oberste Gerichtshof 1976 die Todesstrafe wieder einführen ließ. Derzeit sitzen in den USA 3 517 Straftäter auf der "Death Row" zu deutsch "Todesbank" befinden sich also in der Zeit zwischen Urteilsverkündung und Hinrichtung. Während der letzten Jahre haben sich aber die Fälle gehäuft, in denen sich Death-Row-Kandidaten als unschuldig erwiesen. Fast alle saßen mehrere Jahre lang zu Unrecht im Gefängnis. Für einige kam die Einsicht der Gerichte zu spät: Jedes Jahr wird mindestens ein Todeskandidat hingerichtet, der eigentlich unschuldig ist, ergab die neue Studie der US-Regierung. Konferenz in ChicagoLosgetreten wurde die neue Debatte, als vor fünf Jahren in Texas der eingewanderte Mexikaner Leonel Herrera hingerichtet wurde. Herrera war wegen Mordes zum Tode verurteilt worden, die Tat gestand später ein anderer. Obwohl die gerichtsmedizinischen Befunde Herrera entlasteten, bekam er die tödliche Injektion. Das zuständige Gericht stützte sich auf juristische Spitzfindigkeiten: Die Berufung war abgelehnt worden, weil Herrera bereits alle Rechtsmittel ausgeschöpft habe. Die jetzt vorgelegte Regierungsstudie hat die Gegner der Todesstrafe in ihrem Vorsatz bestärkt. Mitte November trafen sich Richter und Anwälte in Chicago zu einer Konferenz gegen die Todesstrafe. Dort berichteten dreiunddreißig Männer und Frauen, die zu Unrecht zum Tode verurteilt waren, von ihrem seelischen Kampf in der Zeit zwischen der Verurteilung und der geplanten Hinrichtung. Einige der zu Unrecht Verurteilten waren geisteskrank, ehrgeizige Staatsanwälte nötigten sie zu einem Geständnis. Andere wurden von Häftlingen belastet, denen für ihre Falschaussagen eine Strafmilderung zugesichert wurde. Gelegentlich beruhte die Verurteilung auf Irrtümern von Augenzeugen, die schlichtweg die falsche Person identifizierten. Die Gegner der Todesstrafe kritisieren besonders die "demographische Verteilung". Denn fast ausnahmslos handelt es sich bei den zu Unrecht Verurteilten um ethnische Minderheiten oder geisteskranke Menschen. So wurden in Illinois neun von zwanzig Todeskandidaten wieder freigelassen, sechs von ihnen sind entweder schwarz oder hispanischer Herkunft. Nur ein Urteil des Supreme Court könnte, wie auch schon 1972, die Todesstrafe künftig grundsätzlich verbieten. Wegen der hohen Akzeptanz in der amerikanischen Öffentlichkeit gilt dies aber als unwahrscheinlich.