BERLIN, 27. Februar. Dem deutschen Gesundheitswesen und besonders den Kliniken stehen bis 2015 drastische Umbrüche bevor, die das gesamte Krankenversorgungssystem komplett umstrukturieren werden. Binnen der nächsten 15 Jahre dürften fast 600 der insgesamt 2 263 deutschen Krankenhäuser (1998) ihre Pforten schließen. Die gesetzlichen Krankenkassen werden bis dahin faktisch abgeschafft sein, die Kosten der Gesundheitsversorgung sich aber auf annähernd 1,9 Billionen Mark (971 Milliarden Euro) jährlich mehr als verdreifacht haben. Das sind die zentralen Prognosen der Studie "Krankenhaus 2015" des Consulting-Konzerns Arthur Andersen, deren erste Detailergebnisse nun der "Berliner Zeitung" vorliegen.Demnach werden mehr als die Hälfte der derzeit 818 öffentlich-rechtlichen Krankenhäuser im Jahr 2015 entweder geschlossen oder von anderen Trägern aufgekauft worden sein. Den 400 öffentlichen Kliniken werden schätzungsweise 700 freigemeinnützige sowie 600 private "stationäre Einrichtungen" gegenüberstehen. Arthur Andersen-Manager Rudolf Boehlke spricht von einem "Ladenschluss für Krankenhäuser", da der heute übliche Kliniktyp vollständig verschwinden werde. An seine Stelle werden "medizinische Versorgungsparks" treten, in denen "unterschiedliche Träger und hochspezialisierte Einrichtungen" miteinander kooperieren würden, glaubt Arthur-Andersen-Gesundheitsspezialist Ulrich Wandschneider.Aus für die "Gesetzliche" Noch stärker dürfte der Wandel des Versicherungssystems ausfallen. Einem "drastischen Rückzug des Staates" werde ein "Drang in Richtung freie Marktwirtschaft" gegenüberstehen, erwarten Boehlke und Wandschneider. Während 1996 nur 7,2 Prozent (37,9 Milliarden Mark) der gesamten Gesundheitskosten von Privatleuten bezahlt wurden, dürften die privaten Haushalte in 15 Jahren mit 583 Milliarden Mark fast ein Drittel der Leistungen selbst finanzieren. Gleichzeitig wird sich der staatliche Finanzierungsanteil von 12,8 nach auf sieben Prozent verringert haben.Die Experten erwarten eine fast vollständige Deregulierung der Krankenversicherungsbranche: Lediglich eine stark reduzierte steuerfinanzierte "Grundversorgung" werde künftig der Staat als soziale Sicherungsmaßnahme noch übernehmen, meint Wandschneider. Die Studie prognostiziert ein Ende der Zwangsmitgliedschaft in gesetzlichen Kassen.An ihre Stelle wird eine allgemeine Versicherungspflicht treten, die den Kunden wie bei der Autoassekuranz die Wahl zwischen unterschiedlichen Risikotarifen lassen wird. Wer raucht oder Risikosportarten wie Fallschirmspringen betreibt, wird mit Aufschlägen rechnen müssen. Unternehmen dürften zudem künftig versuchen, ihre besten Mitarbeiter statt mit Erfolgsprämien mit guten Krankenversicherungen an sich zu binden, meint Wandschneider.In dem Szenario wurde unterstellt, dass die staatlichen Haushalte durch Wirtschaftswachstumsraten von ein bis 1,5 Prozent immer weniger Geld zur Verfügung haben und sich deshalb weitgehend auf Kernbereiche zurückziehen. Zudem erwarten die Experten ein Ende der Wehrpflicht, was dem Krankenhaussektor rund 90 000 Billig-Arbeitskräfte entzieht.Kostendruck und medizinischer Fortschritt werden laut der Studie zu einem Absenken der Aufenthaltszeiten in stationären Einrichtungen von durchschnittlich 10,7 Tagen (1998) auf drei bis fünf Tage 2015 führen. Gleichzeitig werde die Zahl der Betten um weitere 30 bis 40 Prozent sinken. Die hohen Kosten von Hightech-Medikamenten und Geräten sowie der wachsende Konkurrenzdruck dürften zu einer Konzentrationswelle führen: Im Jahr 2015 werden nach Meinung der Autoren maximal 50 Firmenketten den Markt für stationäre Einrichtungen dominieren. Als Gewinner sieht die Studie den Patienten. Er werde künftig nicht nur hotelähnlichen Service erwarten können. Auch die Qualität der Behandlung sowie die Patienteninformation würde erheblich verbessert.Götterdämmerung Dem Ärztestand sagt die Studie einen radikalen Wandel voraus. Die "Halbgötter in Weiß" hätten bis 2015 abgedankt, den Kassenärztlichen Vereinigungen würde im ambulanten Bereich das Betätigungsfeld genommen. Grund: Die Krankenversicherer werden direkt bei einzelnen Ärzten, Arztgruppen oder stationären Einrichtungen Verträge abschließen. Insgesamt würden 2015 rund 100 dieser Netze das Versorgungsmanagement Kranker übernehmen.GESUNDHEITSWESEN Zum Wohle der Patienten? // Das Gesundheitswesen: Die Studie sagt einen dramatischen Wandel voraus: Hunderte öffentlicher Kliniken werden schließen, die Krankenversicherung wird auf die privaten Haushalte abgewälzt. Der Staat garantiert nur eine Grundversorgung.Diese Strukturdaten werden sich der Studie zufolge künftig dramatisch verändern.BLZ/KÜHL (3); QUELLEN: BMG, A. ANDERSEN Private Haushalte werden künftig bis zu einem Drittel finanzieren müssen.