Das Fazit der Antidiskriminierungsstelle ist eindeutig: "In Kindergärten, Schulen und Universitäten sowie am Arbeitsplatz sind Diskriminierungen weit verbreitet und wirken sich negativ auf den Bildungserfolg, die Leistungsfähigkeit und Arbeitsmotivation der Betroffenen aus.“ So heißt es in dem Bericht, den die Stelle an diesem Dienstag vorgelegt hat. Die Antidiskriminierungsstelle hat den Auftrag, alle vier Jahre einen Bericht vorzulegen, in dem sie aufzeigt, ob und wie Menschen wegen ihrer ethnischen Herkunft, ihrer Religion, ihrer sexuellen Orientierung oder wegen einer Behinderung benachteiligt werden.

"Schwuchtel" ein gängiges Schimpfwort

Die Wissenschaftler haben herausgefunden, dass fast ein Drittel aller behinderten Kinder immer noch in einer separaten Einrichtung betreut wird, obwohl erwiesen ist, dass sich heterogene Gruppen sich positiv auf die Bildungschancen und die Entwicklung der Kinder auswirkten. Auch in den Schulen würde die sogenannte Inklusion nur zögerlich umgesetzt. In den Grundschule erhielten zudem Mädchen und Jungen, deren Eltern aus fremden Ländern stammten, seltener eine Gymnasialempfehlung, auch wenn sie genauso gute Leistungen brächten wie deutsche Kinder. Der Studie zufolge kommt es in bis zu einem Viertel der Fälle dazu, dass Mädchen und Jungen mit Migrationshintergrund falsch eingeschätzt und folglich nicht für die richtige Schullaufbahn empfohlen werden.

Auf den Schulhöfen seien „Schwuchtel“ und „Lesbe“ gängige Schimpfwörter, habe eine Umfrage an Berliner Schulen ergeben, heißt es in dem Bericht. Nach Angaben der Schülerschaft machte sich auch ein Drittel der Lehrer über nicht-heterosexuelle Lebensformen lustig.

Scheitern an bürokratischen Hürden

Der Zugang zur Hochschule stellt für Menschen, die anders sind als die Masse, eine besondere Hürde dar, heißt es in dem Bericht: Abiturienten aus armen Familien hätten oft keine Chance auf ein Studium, weil sie es nicht finanzieren könnten. „Kinder aus Akademikerfamilien haben eine dreimal so große Chance, ein Studium aufzunehmen, wie Kinder von Eltern ohne Hochschulausbildung“, heißt es in dem Bericht. Behinderte mit Hochschulreife könnten häufig deshalb nicht studieren, weil etwa die Auswahlkriterien eine „besondere Mobilität“ forderten. Gymnasialabgänger mit ausländischer Staatsbürgerschaft scheiterten auf dem Weg an die Universität nicht nur an sprachlichen Hürden, sondern auch an langwierigen bürokratischen Zulassungsprozesse.

Diskriminierungen sind dem Bericht zufolge auch im Arbeitsleben weit verbreitet. Migranten klagten etwa darüber, dass ihre im Ausland erworbenen Qualifikationen nicht anerkannt würden. Behinderte registrierten bei Arbeitgebern Vorbehalte, ihnen einen Job zu geben.

Empfehlung: Beschwerdestellen einrichten

„Es ist das erste Mal in Deutschland, dass Benachteiligungserfahrungen bei Bildung und Arbeit derart umfassend untersucht wurden“, sagte die Leiterin der Antidiskriminierungsstelle, Christine Lüders. „Beides sind zentrale Lebensbereiche, in denen Diskriminierung stattfinden kann.“ Gerade hier böten sich aber auch große Chancen, um auf mehr Vielfalt und Chancengleichheit hinzuwirken.

Die Antidiskriminierungsstelle empfiehlt in ihrem Bericht beispielsweise, unabhängige Beschwerdestellen an Schulen und Hochschulen einzurichten, die Betroffenen rasche und niederschwellige Hilfe anbieten. In den Landesbildungsgesetzen müsse außerdem ein umfassender Diskriminierungsschutz verankert werden.

Im Bereich des Arbeitslebens spricht sich die Antidiskriminierungsstelle unter anderem dafür aus, die Vielfalt in der Belegschaft besser zu fördern, zum Beispiel durch die Nutzung innovativer Rekrutierungsverfahren wie den anonymisierten Bewerbungen. Betriebliche Beschwerdestellen bräuchten außerdem eine bessere Vernetzung und Ausstattung.