COTTBUS, 25. Mai. DJ Ötzi hat ein Lied geschrieben, ein einfaches Lied, aber in Cottbus singen sie es trotzdem falsch. "Ich bin so schön / Ich bin so toll" - soweit ist noch alles in Ordnung - aber dann brüllen die Fans von Energie Cottbus: "Ich bin der Antun aus Tirol." Fehler in Zeile drei, viertes Wort, vierter Buchstabe. Einen Antun aus Tirol kennt DJ Ötzi nicht, sein Held heißt Anton. Der Held der Fans jedoch nennt sich Antun. Antun Labak aus Osijek, Kroatien. Aber das ist egal. Wenn Labak ein Tor schießt, wird Tirol auf den Balkan verlegt, aus Anton wird Antun, Hauptsache es ist ein Lied da, um den Schützen zu besingen.Die Platte von DJ Ötzi hat der Cottbuser Stadionsprecher schon oft aufgelegt in dieser Saison. Anlass dazu gab es nämlich genügend: 16 Tore hat Antun Labak bereits für den Fußball-Zweitligisten geschossen, so viel wie kein anderer in der Mannschaft. Labaks Tore haben Energie Cottbus weit nach oben geführt; vor dem letzten Saisonspiel am heutigen Freitag (19 Uhr) gegen den 1. FC Köln belegt die Mannschaft von Trainer Eduard Geyer den dritten Platz, einen Aufstiegsplatz also. Aufstieg, das ist das Wort, was zurzeit die ganze Stadt verrückt macht. Als Antun Labak am Mittwochmorgen zum Training ins Stadion der Freundschaft fuhr, glaubte er sich auf einem Campingplatz. Die Fans hatten Klappstühle und Dosenbier mitgebracht, um sich die Wartezeit vor dem Kassenhäuschen zu verkürzen. Labak musste Autogramme schreiben, und immer wieder klopften ihm die Fans auf die Schulter und sagten: "Antun, hau rein, das ist unsere Chance."Keine SchmerzenAntun Labak kann solche Sprüche nicht mehr hören, der Druck, gewinnen zu müssen, ist sowieso schon enorm. Brandenburgs Ministerpräsident Manfred Stolpe kommt zum Spiel, Innenminister Jörg Schönbohm und Sportminister Steffen Reiche ebenfalls. Fußball wird in diesen Tagen zum Politikum. "Der Aufstieg wäre wichtig für die Region", sagt Labak. "Weiß ich alles, aber ich brauche keine zusätzliche Motivation. Ich bin schon unruhig genug." Die letzten Nächte hat Labak schlecht geschlafen, Aufstieg, Aufstieg, Aufstieg, er hat fast an nichts Anderes denken können. Auf dem Platz allerdings ist dem 29-jährigen Stürmer nichts anzumerken von seiner Nervosität. Labak spielt, als habe er sich die ganze Nacht lang Rocky-Videos angeguckt. "Wenn ich den Ball haben will, kenne ich keine Schmerzen", sagt er. "Wo andere Spieler nicht einmal mit dem Fuß hingehen, halte ich meinen Kopf hin."Labak als Kämpfer - das ist neu. Als der Kroate 1996 nach Deutschland kam, war er zwar ein guter Techniker und hatte von Taktik eine Menge Ahnung, aber kämpfen konnte er nicht. "In meiner Heimat gehen wir eleganter mit dem Ball um. Da muss man nicht so viel grätschen", sagt er. Wie der deutsche Fußball funktioniert, hat ihm der Lehrmeister der Grätsche höchstpersönlich beigebracht: Eduard Geyer. Für den Cottbuser Trainer ist Fußball ein Kampfsport, der aus Beißen und Treten besteht, und Geyer kann furchtbar wütend werden, wenn einer seiner Spieler das Duell meidet. In den drei Jahren unter Trainer Geyer hat sich Labak stark verändert: Er ist ein robuster Angreifer geworden, der die Auseinandersetzung mit dem Abwehrspieler sucht und schnurstracks aufs Tor zuläuft.Ganz anders als sein Sturmpartner Franklin Bittencourt. Der Brasilianer trickst seine Gegenspieler am liebsten aus. Er tänzelt dabei im Zickzack durch den Strafraum, macht hier eine Drehung und dort einen Übersteiger. Labak und Bittencourt ergänzen sich bestens: Bittencourt führt so lange den Ball am Fuß, bis sich Labak in Position gebracht hat. Dann macht es plötzlich peng! - und der Ball ist im Tor. So sieht es jedenfalls Moussa Latoundij. Der Mittelfeldspieler hat Labak den Spitznamen "Pistolero" verpasst, aber das ist zu niedlich ausgedrückt, "Pistolero" ist sein Kampfname.Labak hat sich schnell mit dem neuen Namen angefreundet, nach Torerfolgen posiert er wie ein Scharfschütze nach dem Schuss ins Schwarze. Er formt die Hände zu Pistolen, streckt Zeigefinger und Daumen hervor, und schießt in die Luft. Peng! Der Pistolero hat wieder getroffen."Total kaputt"Nach schlechten Spielen richtet Labak den Zeigefinger jedoch schnell auf sich selbst. Er geht hart mit sich ins Gericht und ist an glücklosen Tagen nur schwer aufzuheitern. Die Auswärtsniederlage gegen den Karlsruher SC (0:1) war der letzte Tiefschlag, den Labak hinnehmen musste. Trainer Geyer hatte ihm nach der Pleite gesagt: "Du hast heute das Spiel verloren!" Das saß. "Ich war total kaputt", sagt Labak, "und als ich dann meine Note im Kicker gelesen habe, war ich noch kaputter."Labak reagiert in solchen Situationen mit dem Rückzug ins Private. Seine Familie baut ihn auf, und er telefoniert oft mit seinen alten Freunden in Kroatien. Manchmal hat Labak eine Telefonrechnung von 1 000 Mark im Monat, doch um das Geld tut es ihm nicht Leid. Später, wenn einmal Schluss ist mit dem Fußball, will Labak zurück nach Kroatien. Im Moment denkt er nicht ans Karriereende, Labak hat Pläne und möchte noch einmal ein neues Land kennen lernen. Er dürfte ablösefrei wechseln, falls Cottbus aufsteigt, diese Situation ist auch anderen Vereinen bekannt. Labak hat zahlreiche Anfragen aus der ersten und zweiten Bundesliga bekommen, auch ein österreichischer Klub ist interessiert. Vielleicht stimmt es ja bald, das Lied vom Antun aus Tirol.ENERGIE COTTBUS Ein Punkt Vorsprung vor Gladbach // Cottbus siegt: Gewinnt Energie gegen Köln ist der Aufstieg perfekt - unabhängig vom Ausgang des Spiels Nürnberg gegen Gladbach.Cottbus spielt remis: Mönchengladbach darf höchstens einen Punkt holen, damit die Lausitzer noch den Aufstieg schaffen.Cottbus verliert: Energie steigt auf, wenn Nürnberg gegen Gladbach gewinnt, aber selbst nicht elf Tore auf Cottbus gut macht.