Die Plasmaglotze ist riesig, aber sie zeigt kein Bild, kein bisschen bunte, grelle Fernsehwelt. Die Mattscheibe flimmert graublau. Das ist die einzige Bewegung, sogar das einzig Sichtbare im stahlgrau gestrichenen und ausgelegten dunklen Raum. Wenn es hier eine Botschaft geben sollte, dann heißt sie: Bildverweigerung.Dafür hat die Berliner Galerie Neu die fast 84-jährige Elaine Sturtevant, seit fast 40 Jahren eine Amerikanerin in Paris, eingeladen, jene Künstlerin, die seit den 60er-Jahren ungeniert und virtuos die Spitzenwerke anderer Gegenwartskünstler kopiert. Wer genau hinschaut, wird freilich in diesen Repliken immer Abweichungen vom Original finden. Gab es Anfangs dieser Karriere Proteste, fühlten sich die Kollegen - von Warhol und Stella über Beuys und Anselm Kiefer zu Keith Haring und Richard Gober - mit der Zeit geehrt, wenn Sturtevant sich die Motive der Zeitgenossen dreist aneignete und so den Wert von Originalität provokant hinterfragte.Sie hatte sich einen berühmten Paten gewählt für ihre Kopier-Kunst, für dieses raffinierte, ironische Spiel mit Original, Autorenschaft, Signatur und Bedeutungsverschiebung: Marcel Duchamp, Vater des Readymades, der mit ironischem Esprit industriell gefertigte Dinge zum Kunstwerk erklärte und damit den Künstler-Nimbus des "Schöpfers" auf die Schippe nahm."Meine Absicht ist es, unsere gegenwärtige Vorstellung von ästhetischen Normen zu erweitern und weiterzuentwickeln, Originalität zu erforschen und die Beziehung zwischen Original und Originalität zu erkunden. Das soll Raum für neue Denkweisen öffnen" - so hochtheoretisch wollte Sturtevant noch Mitte der Neunzigerjahre die Wahrnehmung des Publikums, und wohl auch den Kunstbetrieb beeinflussen. Mit einem Eulenspiegellachen bemängelte sie an der Moderne, alle Kunst sei Fälschung. "Nicht, weil sie Kopie, Appropriation, Simulation, Imitation ist oder Ähnlichkeiten zeigt (was sie alles ist und tut), sondern, weil es ihr an den entscheidenden Stoßkräften, an Kraft, Mut, Leidenschaft fehlt."Zuletzt hörte der Kunstbetrieb nur noch wenig von dieser eigensinnigen und unbequemen Künstlerin. Jetzt, im Alter, machte sie Schluss mit dem Kopieren der Zeitgeist-Kunst. Es heißt, sie filme nur noch. Und so schickte sie ein Filmversprechen namens "Vertical Monad" nach Berlin. Aber, wie gesagt, man sieht nichts auf dem Bildschirm. Totalverweigerung. Dafür ist eine Stimme aus dem Lautsprecher-Off zu hören; ein französisch akzentuiertes Latein, das wohl nur die allerwenigsten Galeriebesucher verstehen dürften. Allerdings, der Begriff "von der Einen Substanz" kommt öfter vor. Aber gewiss ist dieses Nicht-Verstehen-Können typisch Teil der Sturtevant-Strategie, nach dem Motto: Alle Bilder sind längst gemacht und gesendet. Alle Worte sind gesagt.Wie dieser Verweigerung zum Trotz spricht jedoch eine schöne weiche Männerstimme Sätze aus der "Ethik" des Philosophen Spinoza, ein Niederländer Ende des 17. Jahrhunderts und sephardischer Jude, seinerzeit geradezu tödlich angefeindeter, verteufelter Begründer der modernen Bibelkritik.Die Ansprache hört sich an wie eine Predigt: Was sind denn Welt und Mensch, wenn im eigentlichen Sinne nur Gott ist? Da nach Spinoza "die Substanz" als solche weder Intelligenz noch Willen besitzt, gibt es keine Vorsehung, keinen Heilsplan; da sie Ursache ihrer selbst ist, gibt es auch kein blindes Verhängnis. Eine klare Abkehr von aristotelischen Vorstellungen ist Spinozas Behauptung, es gebe keine Zweckursachen, sondern lediglich - wertneutrale - "wirkende" Ursachen, die nur "notwendig" seien. Die Welt (ihre geistigen und körperlichen Erscheinungen) könne daher nicht die beste unter mehreren möglichen sein, sondern die einzig denkbare.Was für Spinoza den Weisen vom Dummkopf trennt, das ist eben die Erkenntnis dieser unabänderlichen Weltordnung. Die Ethik Spinozas verlangt, die Dinge ganzheitlich zu schauen. Das bedeutet unter dem Gesichtspunkt der Ewigkeit, jede Einzelheit als Bestandteil eines einheitlichen Welt-Ganzen zu sehen.Gottrunkener Philosoph oder verruchter Atheist? In seiner unendlichen Sehnsucht nach dem Welt-Ganzen hatte Spinoza die Welt mit ihrem strebsam-gierigen Getriebe, ihrem Zank, Streit und Krieg hinter sich gelassen. Doch wer so aufs Ewige hinlebt, weil er das Endliche im Unendlichen aufzuheben trachtet, dem entgleitet die Realität, dem wird sie selber unwirklich, dem löst sich das Zeitliche auf ins Nichts.Oh, das ist Nahrung für Elain Sturtevants Naturell, das einer Künstlerin, die alles nachmachte, was das späte 20. Jahrhundert an Kunst aufbot und auf den Markt warf. Nun endlich löst sie für sich - und ihr Publikum - alles Bildliche auf, alles Einzelne und Besondere verschwindet in der Substanz dieser Absage, im Nichts auf dem Flachbildschirm. Sie zelebriert diesen Abgang als dunklen, sanften Tod. Als seien alle Bilder, als sei der ganze Lärm der Welt hierher gekommen, um zu sterben.Galerie Neu, Philippstraße 13 (Mitte), nahe Charité. Bis 31. 7., Di-Sa 11-18 Uhr.------------------------------Sturtevants "Vertival Monad". Wer den Raum betritt, sieht nichts, aber er hört eine philosophische Predigt in Latein. Katharsis bleibt aus, zumindest aber stellt sich Nachdenklichkeit ein über den Sinn heutiger Bilderflut.Foto: Elaine Sturtevant hier noch in ihrem Element: 2004 im Museum für Moderne Kunst in Frankfurt am Main vor ihren Andy-Warhol- "Flowers"-Kopien.