Natürlich bleiben die Füße nackt. Die Schuhlosigkeit ist für Joss Stone ebenso zum Markenzeichen geworden wie ihre Eigenart, den Bühnenboden mit orientalischen Teppichen zu dekorieren. Am Mikrofonständer flattert dazu passend ein fliederfarbenes Tuch, wie es Hippies oder Kirchentagsbesucher umbinden würden. Ohnehin weist wenig daraufhin, dass es sich bei Joss Stone um den jüngsten Star des R&B-Gewerbes handelt. Andererseits gelingt es ihr auch kaum, wie ein solcher Star zu wirken - jedenfalls nicht zwischen den Songs. Wenn sie singt, erinnert ihre kehlige Stimme an Aretha Franklin oder Mavis Staples, doch wenn sie unter viel Gekicher zu ihren Zuschauern spricht, verwandelt sie sich augenblicklich wieder in den Teenager, der sie ist. Am Freitagabend scheint das Publikum im gut gefüllten Tempodrom davon ganz gerührt zu sein.Überhaupt ist es Stones großer Vorteil, dass bei ihr die Beziehung zwischen Form und Inhalt in keinem wichtigen Detail stimmt. Sie klingt wie eine reife Sängerin, die sich, von Schicksalsschlägen gebeutelt, die Seele aus dem Leib singt, aber tatsächlich ist sie knapp 18 Jahre alt. Man denkt, dass sie aus der finsteren Ecke einer amerikanischen Großstadt stammt, doch in Wahrheit wuchs sie wohl behütet in der britischen Provinz auf. Man würde schwören, dass sie schwarz ist, sie ist aber weiß; mit ihren blonden Locken sieht sie aus wie eine idealtypische Pferdeposter-Schönheit. Als Stone dem US-Plattenboss Steven Greenberg als neue Soul-Hoffnung vorgestellt wurde, hielt er das folglich für einen schlechten Scherz. Hinterher nahm er sie aber selbstverständlich unter Vertrag.Ihr Debüt "The Soul Sessions" verkaufte sich bislang über zwei Millionen Mal, auch mit ihrem zweiten Album "Mind, Body & Soul" laufen die Geschäfte bestens. Einerseits spricht sie Freunde schwarzer Musik der frühen 70er an, andererseits erreicht sie dank ihres Auftretens auch Leute, die eigentlich gar keine schwarze Musik hören. Sie bedient das Bedürfnis nach handgemachter Musik, ihre Garderobe - Jeans und Flatterhemd - scheint den Geist von Woodstock zu atmen, während die bloßen Füße bodenständige Ehrlichkeit signalisieren. Als Produkt ist Joss Stone so perfekt, dass kein Marketingstratege sie sich besser hätte ausdenken können.Und sie macht ihren Job nicht schlecht. Nachdem ihre achtköpfige Band (fünf Musiker, drei Chorsänger) das Publikum mit einem dramatischen Intro auf Stones Ankunft vorbereitet hat, betritt sie gut gelaunt die Bühne, schnappt sich das Mikrofon und singt noch ein bisschen kraftvoller als auf den Alben. Ihre Bühnenshow besteht zwar vornehmlich daraus, von der Mitte aus wiederholt zunächst nach links und dann nach rechts zu gehen, doch man schaut ihr gerne dabei zu. Wenn sie gerade nicht läuft, versucht sie sich im Bauchtanz, die sie allerdings nicht so beeindruckend beherrscht wie Kollegin Shakira.Da Stone noch am Beginn ihrer Karriere steht, gestaltet sich ihr Repertoire noch recht überschaubar, so dass ihre wenigen Erfolgstitel recht früh zu Gehör kommen. Bei "Fell In Love With A Boy", einer Coverversion eines Songs der White Stripes, gelingt es ihr, die Zuschauer zum Mitsingen zu gewinnen, bei ihrem Hit "You Had Me" sind die Reaktionen jedoch eher unterkühlt. Wunderbar gelingt dagegen die Interpretation des Queen-Gassenhauers "Under Pressure".Am schönsten Moment der Show ist sie allerdings gar nicht beteiligt. Nach knapp 40 Minuten verlässt Stone die Bühne und gibt das Mikrofon an ihre Chorsänger weiter. Nacheinander liefern die zwei Frauen und ihr männlicher Kollege drei Soli ab, die in Sachen Kunstfertigkeit, Farbenreichtum, Leichtigkeit, Tiefe und Gefühl den Gesang von Joss Stone so sehr in den Schatten stellen, dass sie eigentlich das Licht anknipsen müsste. Stattdessen kehrt Stone auf die Bühne zurück, fällt vor ihnen auf die Knie und sagt: "Was habe ich für eine großartige Band!" Mit der Geste sagt sie zwar nicht ausdrücklich, dass bei ihr die wirklich großen Sänger in der zweiten Reihe stehen, aber sie gibt zumindest zu, dass sie es ahnt.------------------------------Foto: Joss Stones Garderobe atmet den Geist von Woodstock, während die bloßen Füße bodenständige Ehrlichkeit signalisieren.