Bis heute hat die Berliner Bürohausarchitektur kein schnelleres Gebäude hervorgebracht als das 1932 eröffnete Shell-Haus am Landwehrkanal. Wellen aus italienischem Travertin türmen sich aus dem Grün der Bäume auf, weichen zurück vor der Kurve des Ufers und fließen schimmernd wie Vanillecreme. Bis in die schlanken, bronzenen Fensterbänder oder die zart vertieften Gesimse ist dieser Bau ein frühes Meisterwerk des "Streamlining", der aus dem Art déco gewachsenen Stromlinienarchitektur der frühen dreißiger Jahre. Doch in den vergangenen Jahren wurde er bis auf seine stählerne Tragkonstruktion niedergerissen, um dann für 80 Millionen Mark wiederaufzuerstehen - in weitgehend den alten Außenformen, mit neuer Bautechnik und Innenausstattung. Der Berliner Landeskonservator Jörg Haspel und die Besitzerin Bewag sprechen übereinstimmend von einem "Modellfall". Denkmalpfleger, denen die Materialität des Alten heilig ist, sehen hier jedoch nur die Notlösung. 1929 hatte der Rheinländer Emil Fahrenkamp nach einem Wettbewerb den Bau für die Ölgesellschaft Rhenania-Ossag entworfen. Er war ein stilistisch überaus anpassungsfähiger, eigentlich eher konservativer Architekt. Doch mit der demonstrativen Modernität des Shell-Hauses konnten sich in Berlin um 1930 allenfalls das 1953 zerstörte Columbus-Haus am Potsdamer Platz von Erich Mendelsohn messen. Wie dieses sollte auch das Shell-Haus Werbung für die moderne, kapitalistische, die schnelle und weltoffene Gesellschaft machen. 1932 wurde die von der Weltwirtschaftskrise angeschlagene Rhenania-Ossag - noch vor der Fertigstellung ihres Hauptsitzes - von der niederländischen Royal Dutch Shell-Company übernommen. Sie sah Deutschland als Zukunftsmarkt, in den es zu investieren galt. Doch schon kurz nach der Eröffnung gab es Bauschäden an dem ersten, in nur 82 Tagen aufgezogenen Stahlskeletthochhaus Berlins; manche Konstruktion war noch nicht ausgereift, zu avantgardistisch. 1939 wurden alle alliierten Besitztümer unter Treuhandverwaltung gestellt. Der Krieg schließlich beschädigte das Gebäude schwer. Dabei ging im Foyer auch das prachtvolle Glasfenster von Werner Peiner verloren, das dem Raum eine religiös-festliche Aura verlieh. Dennoch war der Bau 1948 wieder soweit in Stand gesetzt, dass er in den folgenden Jahrzehnten für die Bewag als Hauptquartier dienen konnte. 1952 erwarb sie das Gebäude von Shell. Sogar ein neues, nun dunkles Glasgemälde im Foyer entstand, eine Huldigung an die Elektroenergie - im für West-Berlin sehr ungewöhnlichen realsozialistischen Stilgewand. Fachleute behaupten auch hier wieder Werner Peiner als Künstler, doch genau weiß es selbst das Landesdenkmalamt nicht. In den achtziger Jahren verfiel das Shell-Haus, das niemals den Namen seines ersten Nutzers ablegte. Schlecht reparierte Kriegsschäden, mangelnde Instandhaltung, Übernutzung durch die wachsende Bürokratie der Bewag zeigten Folgen. Eisenarmierungen wurden sichtbar, Schutzgerüste auf den Bürgersteigen aufgebaut, Roststreifen liefen auf dem Travertinstein, die Fenster verkeilten sich und verstaubten, manche Platte aus der Fassadenhaut wurde wie die Metallverkleidungen der Säulen abgenommen, nackte T-Träger traten hervor. Zehn Jahre debattierte die Denkmalpflege mit der Bewag, wie das Gebäude zu sanieren sei, ohne seine aufregende Gestalt zu verlieren. Das zentrale Problem war die Schichtung der Fassade, die von der Bewag nicht nur statisch saniert, sondern auch mit einer dicken Isolierschicht versehen werden sollte. Fahrenkamp aber hatte auf jeden Millimeter geachtet, den die Fenster hinter die Außenhaut zurücktraten und die aussteifende Konstruktion ins Gebäudeinnere verlegt, damit die Fensterpfeiler möglichst schmal bleiben konnten, Fenstergriffe eigens entworfen, damit sie zu den schlanken Rahmen passten. Auch das Bild, das die Fugen zwischen den Travertinplatten der Fassade bieten, war ausgetüftelt. Innen sollten die hoch liegenden Flurfenster erhalten werden, es gab noch die alten Blechtüren, die die Flugzeugfirma Vokker geliefert und wie Flugzeugflügel konstruiert hatte. Es dauerte lange, bis die Bewag das Haus als Meisterwerk begriff, bei dem jede falsche Fuge, jede Verdickung ein Missgriff war. In einer ersten Sanierung wurde die zart schimmernde Hoffassade aus Fliesen durch Aluminiumtafeln ersetzt - bis heute verschandelt sie die Aussicht aus den Büros. Wäh-rend der Debatte verfiel der Bau immer mehr, mancher Dauerschaden enstand, der anfangs noch zu reparieren gewesen wäre. Schließlich musste die Denkmalpflege, die darum gekämpt hatte, möglichst viel von der alten Außenhaut an Ort und Stelle zu erhalten, dem aus ihrer Sicht Schlimmsten doch zustimmen: Auf Grund der schweren Schäden an der Konstruktion wurde die gesamte alte Fassade 1998 abgeschlagen. Viele Fenster wurden durch neue ersetzt. Nicht einmal der Grundriss blieb bewahrt, in den Bürogeschossen wurden Wände versetzt. Fahrenkamp hatte die Mitarbeiter noch in der obersten Etage mit der traumhaften Aussicht auf Berlin speisen lassen. Doch weil dieser Luxus heute nicht mehr üblich ist, entstand eine neue Kantine in der einstigen Wagenhalle, die das Erdgeschoss des Hofes mit einer kräftigen Eisenkonstruktion überspannt. Ihr wurde aller proletarische Geruch nach Maschinenöl und Werkzeug mit Parkettboden und Edelputzwänden ausgetrieben, selbst die einstigen Zufahrten sind geschmäcklerisch mit hellem Terrazzo anstelle des nüchternen Asphalts ausgelegt und die Portale durch Glastüren ersetzt. Auch an anderen Stellen hat der zweitklassige Geschmack des neuen Mieters, der Gasag, sich durchgesetzt, in der Wahl der Möbel, der pflegeleichten Teppiche, den Beleuchtungskörpern, im Schriftzug an der Fassade, der die architektonische Rhythmik des Gebäudes stört - allerdings weit in die Stadt hinein sichtbar ist. Oder im Foyer, wo das für die Umbauten demontierte Glasgemälde der fünfziger Jahre nicht wieder installiert wurde, weil es den Eingang angeblich verdüsterte. Es soll wohlerhalten im Keller liegen. Doch andererseits entstand die geschwungene Travertin-Fassade im Wesentlichen wieder in der Gestalt von 1932; eine Meisterleistung der Bewag-Bauabteilung. Die Konstruktion wurde für die Isolierung nach innen versetzt, so dass das feine Außenprofil erhalten blieb, der Stein wieder in dem alten Bruch geschlagen und mit Hilfe von Computern neu in alter Form geschnitten, mit so feinen Fugen, dass man die einstige Fugenfüllung nicht vermisst. Fensterrahmen wurden kopiert, Metallverkleidungen nachgeformt. Selbst die Tankstelle erlebt als Ladengeschäft der Gasag eine Wiederauferstehung. Das historische Material wurde hier also zu Gunsten der kopierten historischen Form aufgegeben. Die in der traditionellen Denkmalpflegemethodik unauflösbar scheinende Verbindung zwischen beiden ist gekappt. Das ist kein Sonderfall bei Bauten des Industriezeitalters: das Sanatorium Zonnestraal von Johannes Duikers in Hilversum wurde aus dem gleichen, konstruktiv bedingten Grund kopiert, einige Bauten der weltberühmten Weissenhofsiedlung in Stuttgart haben nur noch originale Fundamente, der neu gebaute Barcelona-Pavillon Mies van der Rohes nicht einmal dieses. Tatsächlich ist also das Shell-Haus beides: Ein Super-GAU traditioneller Denkmalpflege und ein Modellfall für den Umgang mit Bauten des Wegwerfzeitalters, das sich nie die Mühe machte, wie alle Baumeister bis ins späte 19. Jahrhundert über die Dauerhaftigkeit des Materials nachzudenken. Zeit kostet seitdem Geld, nicht das kostbare Material. Noch deutlicher stellt sich nun eine weitere Frage: Warum wurde das Shell-Haus nicht zum Muster für die Geschäftshaus- und Büroarchitektur nach der Wende in Berlin? Stattdessen begeisterten sich die Berliner Architekten für das steife, "deutsche" Kathreiner-Hochhaus von Bruno Paul an der Potsdamer Straße mit seinen strengen Kuben. Mag der Grund dafür ein tief verwurzelter kultureller Antiamerikanismus sein, der Konservative und Linke in Deutschland immer wieder verbindet? Er rückte auch Fahrenkamps Shell-Haus ins Abseits. Nicht das Erscheinungsbild zählt für deutsche Idealisten, sondern nur die richtige Haltung. Paul hat diese zweifellos, Fahrenkamp hingegen verkauft ein Image. Das Shell-Haus ist ein brillant gestaltetes Werbemittel, Fassadenkunst auf barockem Niveau. Nicht zufällig sind die Grundrisse weniger logisch als die Fassade, manches Büro zwängt sich bis heute eher in die Wellen, als dass es sich schmiegt. Das Haus ist weniger Ideologie als vielmehr Stilkunst: Der Architekt bedient sich der formalen Mittel der klassischen Moderne wie den um die Ecke laufenden Fensterbändern, kombiniert diese elegant mit den traditionellen Würdeformeln wie Pfeilern, breiten Fensterrahmen, Gesimsbändern und Naturstein, die dann aber wieder ganz materialwidrig sanft gewellt werden: ein Gräuel für Dogmatiker. Das schlüpft durch die klaffenden Ritzen der Architekturgeschichte. Wie raffiniert dies geschieht, zeigt schon der alte Eingang mit zwei Säulen - wie es sich gehört für ein würdiges Gebäude. Doch sind diese mit Metall umkleidet. Hier allein ist übrigens auch ein wenig erhalten von der alten Haut des Shell-Hauses; der Travertin war an dieser Ecke und im Sockelbereich auf einen festen Mauerkern aufgebracht worden und nicht auf die Stahlskelettkonstruktion. Die ausgeschlagenen Ecken sind das einzige Zeichen der dramatischen Geschichte dieses schönsten Berliner Bürogebäudes. Und sie sind original von 1932. Schnelle Ecken am Landwehrkanal: Fassade des Shell-Hauses.Warum wurde das Shell-Haus nicht zum Muster für die Büroarchitektur nach der Wende in Berlin?