Als die Mauer gefallen war und West- und Ost-Berliner feststellten, dass sie einander fremd geworden waren, da wurde oft der Rat erteilt: "Erzählt euch einfach eure Geschichten!" Am Kottbusser Tor in Kreuzberg ist diese Empfehlung jetzt wieder zu vernehmen. "Herr Sarrazin kann gern kommen und sich anhören, wie hart wir arbeiten, um uns eine Zukunft aufzubauen", drückt es der junge türkische Obst- und Gemüsehändler Akin Azik aus, der seine Trauben und Tomaten am U-Bahn-Ausgang verkauft.Der ehemalige Finanzsenator Thilo Sarrazin hatte in einem Interview mit der Zeitschrift Lettre international behauptet, dass sich die Berliner Türken in eine Parallelwelt zurückzögen, mit ihrer höheren Geburtenrate das Land eroberten und kaum anderes im Sinn hätten, als Obst und Gemüse zu verkaufen. "Ich muss niemanden anerkennen, der vom Staat lebt, diesen Staat ablehnt, für die Ausbildung seiner Kinder nicht vernünftig sorgt und ständig neue kleine Kopftuchmädchen produziert", hatte er gesagt.Von Akin Azik könnte er hören, wie viel komplexer das Leben ist. Der 22-Jährige hat eine Lehre als Elektromonteur bei AEG abgeschlossen. Als AEG in Probleme geriet, machte er sich selbstständig. Mit einem Kredit eröffnete er ein Bekleidungsgeschäft. Ab und zu hilft er dem Vater am Gemüsestand. Der Vater betreibt noch zwei weitere Stände, hat etlichen Menschen Arbeit gegeben und stützt mit seinen Abgaben die Sozialsysteme. Die Geschichte der Familie handelt vom Erfolg in der Fremde, die zur Heimat wurde. "Ich bin Berliner, und ich will hier etwas werden", sagt der in Berlin geborene Akin Azik.Ohne Zweifel kann man am Kottbusser Tor auch Türken finden, die es zu nichts gebracht haben. Aber es gibt ziemlich viele andere. Zum Beispiel zwei türkische Kopftuchmädchen, die davon erzählen, dass sie aufs Gymnasium gehen und zu den Klassenbesten zählen. Oder ein junger Mann "mit Migrationshintergrund", der ein populäres Internetcafé betreibt. Und da ist Susam Dündar-Isik, anatolische Türkin mit deutschem Pass, SPD-Mitglied wie Sarrazin, im Vorstand des Fußballclubs Türkiyemspor, Agrarwissenschaftlerin, Kommunikationstalent.In ihrer Geschichte verschränken sich Orient und Okzident, das anatolische Dorf, Berlin, die globalisierte Welt. "Vieles, was Thilo Sarrazin sagt, ist im Prinzip richtig", erklärt die kleine, energiegeladene Frau, "aber vor allem ist es gut, dass wir endlich mal ins Gespräch kommen." Wir, sagt sie - die Türken und die Deutschen Berlins. "Hören Sie einfach zu." Dann erzählt sie ihre Geschichte.Susam war drei Jahre alt, als ihr Vater 1973 in die Fremde ging - nach Almanya. Er war Dorflehrer in Anatolien, "ein einfacher Mann, der an die Ideale Atatürks glaubte, die Gleichheit von Mann und Frau, den Frieden unter den Menschen, egal ob sie Türken, Kurden oder Armenier sind. Und vor allem: dass jeder es schaffen kann." Jeder ist seines eigenen Glückes Schmied, aber er braucht eine Grundlage, die Ausbildung. Das war das Wichtigste, das ihr Vater ihr mitgegeben hat. Weil er im Dorf für mehr Bildung eintrat und gegen die Großgrundbesitzer, wollte ihn der reichste Mann der Gegend Böses. Ein Polizist warnte ihn. "Wir flüchteten bei Nacht und Nebel", sagt Susam Dündar-Isik. Die Familie zog in ein anderes Dorf, der Vater ging nach Deutschland, um für sie Geld zu verdienen.Den Vater sah sie fortan nur ein- bis zweimal im Jahr. Mit jedem Flugzeug am Himmel schickte sie ihm imaginäre Grüße. Als er einmal nach Hause kam, fragte sie ihn: "Papa, ich vermisse dich so. Warum kann ich nicht nach Berlin kommen? Ich kann für dich kochen und waschen." Er antwortete: "Ich möchte nicht, dass du andere bedienst. Du sollst nicht werden wie viele Türkenkinder in Berlin, die auf die Sonderschule gehen. Du sollst selbstständig werden. Studieren. Du sollst etwas aus dir machen."Nie habe sie das vergessen, sagt Susam Dündar-Isik. Nicht, als sie mit neun Jahren zu Tante und Onkel nach Ankara zog, um aufs Gymnasium zu gehen. Nicht, als ihre zwei Schwestern und der Bruder hinterherkamen und sie auf diese aufpasste, weil die Mutter arbeitete. Nicht, als sie um den Studienplatz kämpfte und schließlich einen guten Abschluss schaffte. "Ich bin sehr früh erwachsen geworden", sagt sie.Sie hat sich auch selbst den Mann ausgesucht. "Einen Mann, so selbstständig wie ich selbst." Mit ihm ist sie 1995 nach Deutschland gekommen, da sie als Linke in der Türkei aus politischen Gründen beruflich nicht weiterkam. "Es war wieder ein harter Kampf", sagt sie. Die neue Sprache zu lernen. Um ein Stipendium zu kämpfen und ihren 2001 geborenen Sohn Arda zu versorgen. Er ist jetzt eingeschult worden. "Nicht in Kreuzberg, sondern in Zehlendorf, denn er soll etwas werden", sagt Susam Dündar-Isik. Die ganze Familie wohnt inzwischen in Dahlem; ihr Mann arbeitet als Manager in einem Pflegedienst und verdient gut dort.Wenn die Frau von ihrem Leben erzählt, dann redet sie vom Kämpfen, vom Ringen, vom Bezwingen. Sie spricht in fast perfektem Deutsch und wie Menschen reden, die ihr Ziel nie aus den Augen verlieren. Sie hat in Restaurants und im Vertrieb gearbeitet, hat ein Stipendium erhalten und promoviert. 2004 bekam sie die deutsche Staatsbürgerschaft. "Sofort trat ich in die SPD ein, um politisch zu arbeiten", sagt sie. Sie besucht ständig Fortbildungen, hat Wahlkämpfe mitgemacht, in Migrantenvereinen gearbeitet. Sie überlegt sogar, aktiv in die Politik einzusteigen. Sie sagt, sie kenne viele Türken, die seien wie sie. Zäh. Zielstrebig. Engagiert. Nicht nur ihre zwei Schwestern und der Bruder, die in Deutschland und England leben. "Wir müssen lernen, unser Potenzial zu nutzen", sagt sie.Kritik der Jüdischen GemeindeSusam Dündar-Isik hält nichts davon, Thilo Sarrazin zum Rücktritt von seinem Amt im Vorstand der Bundesbank aufzufordern. Sie findet es auch unangemessen, ihm geistige Nähe zu Hitler und Goebbels vorzuwerfen, wie es der Zentralrat der Juden am Freitag tat. "Sarrazin hat Vorurteile. Aber er weist auf wichtige Probleme hin", sagt sie, "auf Probleme, die eben auch die Deutschen betreffen." Wenn so wenig türkische Jungen aufs Gymnasium gehen, könnte es zum Beispiel daran liegen, dass es viel zu wenig Lehrer mit Migrationshintergrund gibt, die den richtigen Ton für sie anschlagen.Gemeinsame Lösungen sind der Weg, findet Susam Dündar-Isik. Im Verein Türkiyemspor arbeitet sie daran. 600 Kinder aus 25 Nationen trainieren dort. Untereinander reden sie Deutsch. Zusammen haben sie Erfolgserlebnisse. "Wir zeigen ihnen, wie es gehen kann", sagt Susam Dündar-Isik. "Denn sie sind die Zukunft Deutschlands."------------------------------Foto: Die Wissenschaftlerin Susam Dündar-Isik glaubt an das Potenzial der Berliner Türken - wenn sie gefördert werden.