RIO DE JANEIRO. Sie ist jung, hübsch, talentiert und aus wohlhabenden Verhältnissen, sie galt als sympathisch und fröhlich - eigentlich hatte Suzane von Richthofen alle Chancen, die sich einer jungen Frau bieten, die in die brasilianische Oberschicht hineingeboren wurde. In der Nacht des 31. Oktobers 2002 hat sie alles verspielt. In dieser Nacht entschärfte sie die Alarmanlage in der Villa ihrer Eltern und ließ die Mörder ein: ihren damaligen Freund Daniel Cravinhos und dessen Bruder Christian.Mit hohen Freiheitsstrafen ist am Sonnabend einer der spektakulärsten Prozesse in der Geschichte der brasilianischen Justiz zu Ende gegangen. Wegen Mordes an ihren Eltern verurteilte ein Gericht in Sao Paulo die heute 23-jährige Suzane von Richthofen. Die sieben Geschworenen sprachen die Brüder des Mordes an Manfred und Marsia von Richthofen für schuldig. Die Eltern von Suzane lagen schlafend in ihren Betten, als sie von den Cravinhos-Brüdern erschlagen wurden, während die Tochter im Wohnzimmer der Villa wartete. Genauso wie seine frühere Freundin wurde Daniel (25) zu 38 Jahren und sechs Monaten Freiheitsstrafe verurteilt, Christian erhielt ein Jahr weniger. Die Geständnisse wurden als strafmildernd berücksichtigt. Die Staatsanwaltschaft hatte 50 Jahre gefordert. In Brasilien werden alle Häftlinge nach maximal 30 Jahren entlassen. Die Geschworenen-Jury schloss sich der Ansicht der Staatsanwaltschaft an, dass die drei Angeklagten gleichermaßen verantwortlich waren für die Tat. "Das war das scheußlichste und grausamste Verbrechen, das ich in meinen 26 Jahren als Staatsanwalt je gesehen habe", sagte Roberto Tardelli.Sex und DrogenDie Verteidigung von Suzane von Richthofen hatte sich an den fünf Verhandlungstagen bemüht, die damalige Jura-Studentin als Opfer ihrer Leidenschaft zu präsentieren. Daniel Cravinhos habe sie in einer Atmosphäre von Sex und Drogen dazu gebracht, an dem Verbrechen mitzutun, argumentierte der Anwalt. Während die Brüder bei dem Mord ein finanzielles Interesse verfolgten, habe Suzane kein Motiv gehabt. Bis sie Daniel kennen lernte, sei das Verhältnis zu den Eltern intakt gewesen. Manfred und Marsia von Richthofen hatten sich energisch gegen die Beziehung ihrer Tochter zu Daniel Cravinhos gestellt, der weder Arbeit noch eine vernünftige Ausbildung hatte.Der Doppelmord an dem 49-jährigen Ingenieur Manfred von Richthofen, einem Großneffen des gleichnamigen Jagdfliegers, und seiner Frau Marsia, einer 50-jährigen Ärztin, hat die brasilianische Gesellschaft bewegt wie kaum ein anderes Verbrechen. Während die Brüder Cravinhos leicht in das Klischee vom Raubmörder einzuordnen waren - keine Arbeit, ärmliche Familienverhältnisse und viele Drogen -, zog vor allem die blonde Suzane, die vier Sprachen spricht und an einer Elite-Universität studierte, die Emotionen der Öffentlichkeit auf sich. Und nicht nur ablehnende. Wohl überwogen Abscheu und Verdammung. Aber im Internet melden sich auch Fans zu Wort, die Suzane zum Opfer stilisieren.------------------------------Foto: Suzane von Richthofen nach einem Prozesstag in Sao Paulo