NEW YORK, im Juni. Vor seinem Bett liegen die Reste zerknüllter Zeitungen. Eine Spur weißer Handtücher führt ins Bad. Sy Hersh durchquert das Hotelzimmer mit großen Schritten, setzt sich im Anzug auf die Bettkante, wählt die Nummer seines Büros in Washington, um seinen Anrufbeantworter abzuhören. Amerikas bester investigativer Journalist hat keine Sekretärin, weil er "Gesellschaft hasst", wie er sagt. Er, der in den Sechzigern amerikanische Kriegsverbrechen im vietnamesischen My Lai aufgedeckt und dafür einen Pulitzerpreis erhalten hat, der in den Siebzigern für die "New York Times" geschrieben und dessen Autorenzeile jahrelang als die prominenteste im amerikanischen Journalismus galt, ist nun 63 Jahre und genießt es, als Ein-Mann-Betrieb nur vier Geschichten im Jahr zu schreiben, mit denen er jedesmal die Reporter-Heere der großen Zeitungen schlägt. "Zwölf Nachrichten!", knurrt er, schüttelt den Kopf und lässt die Schultern hängen. "Wer um alles in der Welt soll so viel Zeit haben, zwölf Nachrichten abzuhören." In einer Stunde geht sein Flug nach Washington. Fast genauso lange dauert die Fahrt vom Hotel in Manhattan zum Flughafen nach Queens. Eigentlich sollte jetzt das Interview beginnen. Doch Sy Hersh wirkt ratlos. Er kann seine Brieftasche nicht finden. "Haben Sie gesehen, wo ich sie hingetan habe? Oh Gott, ich muss sie unten liegen gelassen haben." Er ist sich so gut wie sicher. Nein, ganz sicher. Er packt, hetzt auf den Flur und sagt: "Was wollen Sie wissen? Fragen Sie!"Sechs Monate lang recherchiertNatürlich ahnt er die Fragen: Es geht immer um dieselbe Sache. Wie er es gemacht hat. Wieder mal einen politischen Skandal enthüllt hat. Seit drei Wochen nun dreht sich alles um seine neue Geschichte: "Overwhelming Force", 32 Textseiten lang - selbst für ein Lesemagazin wie den "New Yorker" ein Mammutstück: Der längste Artikel, den die Zeitschrift seit 1993 gedruckt hat. Der Umfang ist so gewaltig wie der Vorwurf, den der Reporter darin erhebt: US-Soldaten sollen im Golfkrieg wehrlose Iraker - Soldaten und Zivilisten - hingerichtet haben. Ohne ernsthaft angegriffen zu werden, habe General Barry McCaffrey von seinen Truppen in mindestens drei Fällen Hunderte Iraker mit Maschinengewehren niedermetzeln lassen, obwohl sie sich zuvor ergeben hatten. Ein anderes Mal hätten seine Soldaten einfach wild in eine Gruppe Zivilisten gefeuert. Der Vorwurf ist auch zehn Jahre nach dem Ende des Golfkrieges explosiv, weil McCaffrey heute als Drogenbeauftragter der Regierung angehört. Noch ehe Hersh die Geschichte veröffentlichte, war McCaffrey selbst an die Öffentlichkeit gegangen. Alles Unfug, behauptete er von einem Text, der noch gar nicht geschrieben war. Die Armee selbst habe die Vorwürfe vor Jahren bereits untersucht und sie für unbegründet befunden. Hersh sei nur darauf aus, ihn in den Dreck zu ziehen. Hersh wolle nur seine eigene Karriere beleben, tat auch Bill Clintons Sprecher Joe Lockhart nach der Veröffentlichung alle Vorwürfe pauschal ab. Weder Lockhart noch McCaffrey haben sich die Mühe gemacht, Hersh zu widerlegen. Stattdessen haben sie ihn als wild gewordenen Henker darzustellen versucht.McCaffrey behauptete, Hersh s Kronzeugen, darunter viele von McCaffreys eigenen Offizieren, hätten ihre Zitate zurückgenommen. Hersh sagt: Kein Einziger habe etwas zurückgenommen. Zwei Generale hätten McCaffrey lediglich mitgeteilt, ihre Zitate seien aus dem Zusammenhang gerissen worden. Das sei wohl ihre Art, ihre Zitate gegenüber McCaffrey zu verteidigen. Immerhin hat Hersh sechs Monate lang recherchiert, mehr als 300 Personen interviewt. Sogar ein Tonband von einem der Gemetzel hat er aufgetrieben; einer der Soldaten hatte es für seine Freundin aufgenommen. Hersh hat alle seine Quellen im Text namentlich belegt und jedes Zitat wurde ihnen im Kontext der Geschichte zur Autorisierung vorgelegt. Drei Fact Checker prüften drei Wochen lang fast Tag und Nacht jedes Detail - der größte Dokumentationsaufwand, den der "New Yorker" je betrieben hat, versichert Chefredakteur David Remnick. Ganz anders als 1968. Damals hat er den größten Skandal des Vietnam-Krieges als freier Journalist einer unbekannten, alternativen Ein-Mann-Agentur aufgedeckt. Seitdem gilt Seymour M. Hersh als Reporterlegende. Während andere längst im Ruhestand sind, hetzt er immer noch zu geheimen Treffen und schöpft alte Quellen ab. Er ist einer, der schnell spricht, der die Krawatte lockert und die Ärmel hochkrempelt und bis spät nachts auf zwei Leitungen gleichzeitig telefoniert. Er ist hartnäckig und impulsiv. Zahlreiche Anekdoten handeln davon, wie er Informanten angebrüllt haben soll, sie sollten ihm endlich "die Wahrheit" sagen.Seine Enthüllung, dass Amerikaner in My Lai mehr als Hundert Zivilisten, darunter Frauen und Babys, ermordeten, habe viele Amerikaner erst von der Sinnlosigkeit des Kriegs im fernen Asien überzeugt, urteilte später der Vietnam-Reporter Peter Arnett. Erst danach gab es weitere Berichte von ähnlichen Massakern. Hersh schrieb ein Buch über My Lai - und ein zweites über die mangelhafte Aufklärung dieser Verbrechen durch das Pentagon. Dass die großen Blätter anfangs nur zögerlich auf seine Berichte eingestiegen waren, hat ihm mehr zu schaffen gemacht, als er zugeben würde. Als die "New York Times" eine seiner Folgegeschichten drucken und selbst mit einer seiner Quellen sprechen wollte, schrie er "Go fuck yourself" in den Hörer und knallte ihn auf die Gabel. Das Telefon klingelte erneut und die gleiche Stimme fragte, ob er eigentlich wisse, dass er mit Abe Rosenthal, dem Chefredakteur der "New York Times", spreche? "Natürlich, du motherfucker", antwortete Hersh und legte erneut auf. Damals empfand er es als Zumutung, dass seine Zitate überprüft werden sollten. Heute sagt er, die Fact Checker machten seine Texte besser.Es spricht wohl für Rosenthal, dass er Hersh 1972 in sein Washingtoner Büro holte, damit er Carl Bernstein und Bob Woodward und der "Washington Post" Paroli bot. Hersh deckte manches Detail von Watergate auf. Als das Duo Woodstein dann anfing, Drehbücher über sich selbst zu schreiben, war er längst neuen Skandalen auf der Spur. Er deckte die Rolle der CIA im Putsch gegen Allende in Chile auf, das gesetzeswidrige Abhören des Geheimdienstes im eigenen Land und die von Außenminister Henry Kissinger befohlene geheime Bombardierung Kambodschas. "Wir können nachts Schäfchen zählen", sagt er. "Kissinger muss ermordete Babys zählen." Kaum auf den Flur gestürmt, hält Sy Hersh nach zehn Metern inne. "Oder habe ich die Brieftasche doch im Zimmer liegen lassen?" Er läuft zurück. Dreht sich zweimal um die eigene Achse. Das Gesuchte liegt auf dem Schreibtisch. Wusste er doch. Zurück auf den Flur. "Weiter! Fragen Sie!" Hersh mag seine Brieftasche vergessen, aber was das Pentagon angeht, hat er ein Elefantengedächtnis. Als ihn im Foyer die Tochter eines Drei-Sterne-Generals anspricht, referiert er minutenlang aus dem Effeff die Laufbahn und Familiengeschichte des Offiziers. Kollegen ihres Vater hätten seine Vorwürfe empört zurückgewiesen - und dann erst die ganze Geschichte gelesen, sagt sie. Danach seien sie tief beeindruckt gewesen. "Really? Wow!" Hersh freut sich wie ein kleines Kind über das Kompliment. Obwohl er sich seiner Recherche völlig sicher ist. "32 Seiten .", sagt er zum Abschied, "diese Geschichte braucht keinen Verteidiger."SEYMOUR HERSH Er deckte My Lai auf // Sy Hershs aktueller Bericht über den Golfkrieg erinnert an seine erste große Enthüllung in den 60er-Jahren: das Massaker im vietnamesischen Ort My Lai.Seine Enthüllung, dass Amerikaner in My Lai Zivilisten ermordeten, habe viele Amerikaner von der Sinnlosigkeit des Krieges überzeugt, urteilte später der Vietnam-Reporter Peter Arnett.AP/MICHAEL SCHMELLING "Diese Geschichte braucht keinen Verteidiger. " Sy Hersh arbeitet am liebsten ganz alleine.NEW YORKER Sechs Monate recherchiert: Hershs aktueller Bericht ist 32 Seiten lang.