Setzte Syriens Diktator Baschar al-Assad am Mittwoch Chemiewaffen ein? Oder feuerten vielleicht Rebellen selbst die Gasgranaten ab und schoben die Schuld dem Regime zu, um so eine westliche Intervention zu erzwingen? Werden im syrischen Bürgerkrieg überhaupt chemische Waffen eingesetzt? Die Fragen ließen sich schnell klären, wenn das Mandat der UN-Experten, die am Montag in Damaskus eingetroffen sind, um den Einsatz von Chemiewaffen vor einem halben Jahr an drei Orten zu recherchieren, erweitert würde und eine Untersuchung des angeblichen oder mutmaßlichen Massakers vom Mittwoch einschlösse. Dagegen aber wehren sich Russland, China und ihr Schützling in Damaskus.

Assad kann kein Interesse an einem Einsatz chemischer Waffen haben, solange die UN-Experten im Land sind. Möchte man meinen. Weshalb aber lässt er dann eine Untersuchung nicht zu? Würden die Resultate ihm recht geben, wäre die Opposition nachhaltig blamiert. Sollte sich aber – mit oder ohne UN-Experten – herausstellen, dass im bisher größten Massaker des syrischen Bürgerkriegs über tausend Menschen im Gas umgekommen sind, könnte sich US-Präsident Barack Obama nicht mehr hinter die rote Linie zurückziehen, die er vor genau einem Jahr in aller Öffentlichkeit gezogen hat.

Auch wenn Russland im UN-Sicherheitsrat weiterhin ein Veto einlegen würde, wäre eine militärische Intervention legitim. Beim Einsatz von völkerrechtlich geächteten Massenvernichtungswaffen gegen die Zivilbevölkerung würde die auf dem UN-Gipfel von 2005 anerkannte Schutzverantwortung greifen. Ein zweites Halabdscha darf die internationale Gemeinschaft nicht ungestraft durchgehen lassen. 1988 hatte der irakische Diktator Saddam Hussein in der Stadt Halabdscha mit dem Einsatz von Giftgas 5.000 kurdische Zivilisten getötet.

Eine andere Frage ist, ob eine militärische Intervention den Krieg bloß anheizen oder das Leiden der Syrer vielleicht doch abkürzen würde. Man bewegt sich da zwangsläufig im Bereich der Spekulationen. Bodentruppen will in das unübersichtliche Schlachtfeld niemand schicken. Soll man wenigstens militärisches Gerät liefern? Gegner einer Ausrüstungshilfe für die Opposition argumentieren, die Waffen könnten in falsche Hände geraten, in die Hände islamistischer Terroristen. Auszuschließen ist dies mit letzter Sicherheit gewiss nicht. Andererseits sind die islamistischen Milizen stark geworden, weil die laizistisch orientierten Aufständischen von keiner Seite Unterstützung erfahren haben.

Als Alternative zur Bewaffnung der Aufständischen könnte die syrische Luftwaffe ausgeschaltet werden, die – ein Kriegsverbrechen – gegen die Zivilbevölkerung eingesetzt wird. Dies würde das Regime militärisch wohl entscheidend schwächen und könnte ein Gleichgewicht herstellen, das Assad zu Verhandlungen zwänge. Solange sich der syrische Diktator auf der Siegerstraße wähnt und die militärisch Entwicklung der vergangenen Monate bestätigt ihn darin, wird er keinen Grund sehen, sich auf Gespräche einzulassen und eine politische Lösung anzustreben.