Baalbek - Vom Winter sind nur noch ein paar Pfützen geblieben. Zwischen den aus Planen und Holz zusammengezimmerten Zelten hängt eine Frau in einem bunten Kleid Wäsche an eine Leine. Einige ältere Männer mit langen Mänteln und gefleckten Beduinentüchern auf dem Kopf wärmen sich in der Frühlingssonne. 15 Familien aus Syrien leben hier auf einem Feld am Rande von Baalbek im libanesischen Bekaa-Tal.

Die sechsjährige Shirin und ihre kleine Schwester Doa lachen übermütig, nehmen Anlauf und springen mit einem großen Satz über die Matschlöcher. Jeden Sprung begleitet ein Jauchzer. Ihr Vater, der 43-jährige Kassim Arafat, schaut zufrieden zu. „Endlich können sie wieder draußen spielen.

Der Winter war sehr hart, aber jetzt haben wir ihn fast überstanden. Dabei wünschte ich mir fast, dass es nicht so wäre“, sagt er und blickt in Richtung der Berge, auf deren Gipfeln noch Schnee liegt. Hinter den Bergen beginnt Syrien, und von dem Krieg, der dort tobt, sind er und die anderen geflohen. Nun scheint es fast schon unausweichlich, dass er sie auch hier einholen wird.

Flüchtlinge nicht willkommen

Das Wartezimmer der Poliklinik in Baalbek ist voll. In langen Reihen sitzen die Menschen, viele von ihnen haben fiebrig rote Wangen – die Grippe geht um. Eine Frau in einem schwarzen Gewand hält ein Kind auf dem Schoß. Ab und zu krümmt es sich, hustet verzweifelt und sinkt dann wieder in sich zusammen.

„Die Stürme waren in diesem Jahr ungewöhnlich eisig und zahlreicher als sonst“, sagt der Arzt Bilal Kassir. „Den letzten haben wir gerade hinter uns, jetzt kommen die Kranken. Manche konnten sich wegen des Schnees nicht früher auf den Weg machen. Andere hofften wohl, dass sie es ohne Arzt schaffen würden. Sie wissen, dass wir viel zu tun haben und dass sie lange warten müssen. So kommen im Moment nur die, die wirklich Hilfe brauchen. Lauter schwere Fälle.“

Vier kleine Krankenhäuser wie dieses betreiben die „Ärzte ohne Grenzen“ in der Bekaa-Ebene. Als die Hilfsorganisation vor drei Jahren in Baalbek anfing, gab es nur eine kleine Praxis und ein paar Autos für Patientenbesuche. Ein typischer Kriseneinsatz, schnelle, unkomplizierte Nothilfe.

Bald aber stellte sich heraus, dass diese Krise nicht so schnell wieder vorbeigehen würde – im Gegenteil. 410 000 Flüchtlinge leben inzwischen in der Bekaa-Ebene, und das sind nur diejenigen, die sich beim UN-Flüchtlingskommissariat haben registrieren lassen. Insgesamt hat Libanon etwa zwei Millionen Syrer aufgenommen – und das bei einer Einwohnerzahl von nur 4,5 Millionen.

Bekaa-Ebene gleicht einem Pulverfass

Die Bekaa-Ebene wird vom Libanon-Gebirge im Westen und dem Antilibanon im Osten eingerahmt. Das fruchtbare Tal ist landschaftlich wunderschön, gerade jetzt, wenn an den Kirsch- und Aprikosenbäumen die Knospen aufplatzen. Religiös, und das heißt im Libanon auch: politisch, durchziehen diverse Risse das Tal. Baalbek, die alte Römerstadt, wird mehrheitlich von Schiiten bewohnt, wovon die Hisbollah-Fahnen an den Straßen zeugen.

In Arsal, etwa 30 Kilometer weiter nordöstlich, leben hingegen fast ausschließlich Sunniten. Zwischen beiden Städten liegen Gemeinden, die von Christen, Drusen oder noch anderen konfessionellen Gruppen bewohnt werden. Schon früher war das Zusammenleben nicht immer einfach. Seit aber der anfangs friedliche Aufstand im Nachbarland Syrien vor knapp vier Jahren in einen Bürgerkrieg umschlug, gleicht die Ebene einem Pulverfass.

Die Flüchtlinge, die über die Berge kamen, siedelten sich nicht einfach irgendwo an – sie sortierten sich entlang ihrer Konfessionen. Die Sunniten, von denen viele den Aufstand gegen Präsident Baschar al-Assad unterstützten, gingen zumeist nach Arsal. Die Schiiten und Alawiten, von denen viele zu den Parteigängern Assads zählten, kamen nach Baalbek.

Die Angst, verhaftet oder ausgewiesen zu werden

Dass sie nicht aufeinander losgehen, auf ihrer Flucht den Bürgerkrieg nicht fortführen, liegt vor allem daran, dass ihr Leben im Libanon so hart ist. Die überforderten Behörden wollen keine Lager für die Flüchtlinge einrichten, weil sie fürchten, sie könnten sich dauerhaft niederlassen wie einst die von Israel vertriebenen Palästinenser. Notgedrungen siedeln sich die Syrer auf eigene Faust an, mieten ein Stück Land und nageln sich wie die Familie Arafat irgendwie ein Zelt zusammen.

Zudem leben sie in der Angst, verhaftet oder gar ausgewiesen zu werden, denn Anfang des Jahres hat die Regierung in Beirut verschärfte Aufenthalts- und Visaregeln in Kraft gesetzt – ein eher hilfloser Versuch, die eigene Bevölkerung zu besänftigen, in der die anti-syrische Stimmung immer mehr zunimmt.

„Wir sind hier gestrandet. Wir haben alles verloren, sogar den Kontakt in unser Dorf. Wir wissen nicht, was bei uns los ist, denn alle, die ein Telefon hatten, sind weg“, sagt Kassim Arafat. Seine Familie stammt aus der Gegend von Homs. Als vor drei Jahren die Kämpfe begannen, wurde sein Dorf zerstört, und er machte sich mit seiner Familie auf den Weg.

Der Familienvater schiebt eine Decke zur Seite und führt die Besucherin ins Innere seines Zeltes. Ein Ofen bullert. Auf einer Matte am Boden liegt Kassims Frau, Istina. Sie hat eine Rückenmarkerkrankung, und da es keine Möglichkeit gibt, sie zu operieren, muss sie die meiste Zeit des Tages im Liegen verbringen. „Ich versorge sie und die Kinder und bin eigentlich den ganzen Tag beschäftigt, Essen und Brennstoff heranzuschaffen. Und ich versuche, Geld aufzutreiben. Wir bekommen von den UN Lebensmittelgutscheine über 15 Dollar pro Person im Monat. Das reicht nicht weit“, beschreibt er die Lage.

Ein Gutes sieht Kassim Arafat dennoch: „Die Misere vereint uns. Sehen Sie, wir sind Turkmenen. Die Leute im Zelt nebenan sind Sunniten. Es gibt auch eine schiitische Familie bei uns. Inmitten von all dem Elend haben wir unsere Unterschiede vergessen.“

Wenn der Schnee schmilzt

In Syrien geht derweil der Krieg in eine neue Runde. Im Januar hat die Armee eine Großoffensive im Südwesten gestartet, sie will das strategisch wichtige Dreieck zwischen Daraa, Kuneitra und Damaskus zurückerobern. Dieses Gebiet wird bisher zu großen Teilen von der dschihadistischen Al-Nusra-Front beherrscht. Sollte sie weiter in die Defensive geraten, könnte sie versuchen, ihren Gegner anderenorts zu treffen, möglicherweise durch Angriffe auf die mit Assad verbündete libanesische Hisbollah – und dann auch jenseits der Grenze. Bereits im vergangenen Jahr haben sunnitische Extremisten zahlreiche, extrem blutige Anschläge in schiitischen Wohngebieten im Libanon verübt. Beiruter Vororte und ganz besonders Baalbek waren das Ziel.

„Noch verhindert der Schnee, dass die Kämpfe richtig losgehen“, sagt Mario Abu Zaid, Syrien-Experte der Carnegie-Stiftung in Beirut. „Ist er erst ganz geschmolzen, werden die syrische Armee und ihre Verbündeten loslegen.“ Für die libanesische Armee sei es ganz wichtig, dass sie schnell die von den USA und Europa versprochenen Hubschrauber und Kampfflugzeuge geliefert bekomme, um die Grenzen gegen eindringende Al-Nusra-Kämpfer sichern zu können. Was aber, wenn die libanesische Armee selbst zur Kriegspartei wird? Wer sagt, dass die potenziellen Attentäter nicht schon längst im Lande sind? Und was passiert, wenn auch noch der Islamische Staat sich einmischt, der im vergangenen Dezember schon einmal vergeblich versucht hat, mit 3 000 Kämpfern die Stadt Arsal unter seine Herrschaft zu bringen? „Alle warten nur, dass der erste Funke fliegt. Der Konflikt scheint unausweichlich, weil alle damit rechnen“, sagt Aktham Murad, ein Nachbar der Arafats im Zeltlager.

Kassim Arafat in seinem Zelt reicht Tee. Zwei Frauen aus den Nachbarzelten sind hinzugekommen, es ist ein Plausch unter Freunden, in dem die Konfessionsgrenzen keine Rolle spielen. „Der Winter war hart, aber wir hatten es auch gemütlich. Wir haben alle zusammen hier gesessen und uns am Ofen gewärmt“, sagt Familienvater Arafat. „Wer weiß, wie lange wir das noch so erleben können!“ Er gießt noch ein bisschen Petroleum nach.