Syrien-Konflikt: Türkei geht auf Distanz zu Dschihadisten

Die Regierung der Türkei überdenkt offenbar ihre bisherige Haltung zum Bürgerkrieg im Nachbarland Syrien. Gemeinsam mit seinem iranischen Amtskollegen Mohammed Dschawad Sarif rief Außenminister Ahmet Davutoglu in dieser Woche alle Konfliktparteien zu einer Waffenruhe während der kommenden Verhandlungen in Genf auf, nannte die Gespräche zwischen Iran und der Türkei „den wichtigsten Dialog der Region“ und bezeichnete die beiden Länder als „das Rückgrat des Nahen Ostens“. Da die Türkei sich als Schutzmacht der syrischen Sunniten geriert, während der Iran die Regierung in Damaskus und die mit ihr verbündete schiitische libanesische Hisbollah unterstützt, lässt der gemeinsame Appell aufhorchen.

Zwar bleibt die Türkei ein entschiedener Gegner des syrischen Machthabers Baschar al-Assad, doch vor etwa einem Monat hat sie begonnen, al-Kaida-nahen Dschihadisten in Syrien die Unterstützung zu entziehen. Die Türkei lasse keine ausländischen Kämpfer mehr über ihre Grenze nach Nordsyrien, berichtet die syrische Kurdenpartei PYD, die Mitte November im syrischen Kurdengebiet eine Autonomie-Region ausgerufen hat und dort islamistische Milizen wie die Al-Nusra-Front und Isis bekämpft.

Seit Anfang November bringt die türkische Polizei zudem vermehrt Waffentransporte auf, die offenbar für Dschihadisten in Syrien bestimmt sind. Mitte der Woche begann in Adana der Prozess gegen sechs Verdächtige, die am 7. November in einem Gewerbegebiet der Stadt festgenommen wurden, als sie gerade für Syrien bestimmte Munition von einem Lastwagen abluden – in einem Al-Kaida-Camp, wenn man der Staatsanwaltschaft glauben darf. Die Polizei zählte 935 Mörsergranaten und zehn mobile Raketenabschusssysteme, außerdem Bazookas und automatische Gewehre. Der Fahrer des Lkw gibt an, er habe zuvor bereits zwei ähnliche Transporte aus der Provinz Konya an die syrische Grenze gebracht, wobei die Gendarmerie zwar ihn persönlich, nie aber sein Fahrzeug durchsucht habe. Diesmal hatten die Beamten offenbar andere Anweisungen.

Anfang November beschlagnahmte die türkische Polizei in der Provinz Hatay zudem einen für eine syrische Gruppe bestimmten Transport von einer Tonne Schwefel in zwanzig Säcken. Die Chemikalie wird auch für die Herstellung von Senfgas benötigt. Die Opposition im türkischen Parlament verlangt jetzt Aufklärung, ob und in welchem Maße die Regierung bisher Al-Kaida-Gruppen in Syrien unterstützt habe.