Die Publizistin Kristin Helberg hat sieben Jahre lang in Syrien gelebt und von dort über das arabischsprachige Land berichtet. So richtig die Luftschläge jetzt seien, der Westen müsse aufpassen, nicht ungewollt Assad zu stärken, warnt die Autorin des Buchs „Brennpunkt Syrien. Einblick in ein verschlossenes Land“ im Interview.

Frau Helberg, die syrische Regierung begrüßt die Luftschläge gegen den Islamischen Staat und behauptet sogar, die USA hätten sie vorab informiert. Ist der Feind meines Feindes nun mein Freund?

US-Präsident Obama hat zu recht bereits klar gemacht, dass er nicht mit Assad im Kampf gegen den IS zusammenarbeiten will. Alles andere wäre auch ein großer Fehler. Denn Assad hat den Aufstieg des IS überhaupt erst möglich gemacht. Sein Geheimdienst hat die Dschihadisten gefördert. Der IS hat in Syrien nicht das Regime von Assad bekämpft, sondern die Rebellengruppen. Die direkte Konfrontation zwischen der syrischen Armee und der IS-Miliz gibt es erst seit Juni.

Der IS ist also gar kein gemeinsamer Feind des Westens und von Syrien?

Assad stellt das jetzt gerne so dar, als ob man gemeinsam gegen den IS kämpfen müsse. Tatsächlich braucht er diesen Terror, um seine eigene Macht zu legitimieren und sich dem Westen als derjenige zu präsentieren, der für Stabilität sorgt und die Minderheiten schützt. Zugleich profitiert er davon, dass sich gerade alles auf den IS fokussiert. Er kann machen, was er will.

Aber wie groß ist dann Assads Interesse, dass der IS zerstört wird?

Er hat kein Interesse daran, die Miliz zu zerstören. Er will sie kontrollieren, eindämmen und manipulieren. So wie er es auch bei anderen radikalen Gruppen macht, die er für den eigenen Machterhalt nutzt. Auch deswegen kann der Westen nicht mit Assad zusammenarbeiten, denn er hat nicht die gleichen Interessen.

#imgae

Eine geschwächte Miliz würde Assad gleichwohl in die Hände spielen. Stärkt der Westen mit den Luftschlägen ungewollt das syrische Regime ?

Man stärkt Assad indirekt dadurch, dass man ihm gerade den Kampf gegen den IS abnimmt. Dadurch kann er sich auf andere Orte konzentrieren, wie auf die Bombardierung von Aleppo oder die Wiedereinnahme von Homs oder Hama. Das ist die große Gefahr in Syrien, die ich bei dem Ganzen sehe. Dass der Kampf gegen IS so überbetont wird, dass der eigentliche ursprüngliche Kampf gegen Assad in den Hintergrund tritt. Doch damit droht man, den Rückhalt bei der syrischen Bevölkerung zu verlieren.

Aber wie kommt der Westen aus dem Dilemma raus: Den IS bekämpfen, ohne Assad zu stärken?

Diese Allianz, die Obama geschmiedet hat, muss den Rebellen klar machen, dass es nicht nur darum geht, den IS zu schlagen. Sondern dass der Westen auch weiterhin da sein wird, um die Rebellen in ihrem Kampf gegen das Regime indirekt zu unterstützen. Ein wichtiges Zeichen wäre zum Beispiel, vom IS befreite Gebiete wieder von Rebellen kontrollieren zu lassen und mit einer Flugverbotszone zu schützen. Sie müssen die Chance bekommen, ein alternatives Syrien aufzubauen. Bislang hat Assad jeden Versuch in Schutt und Asche gebombt.

Aber würde diese sehr heterogene Allianz, die sich kaum zu Luftschlägen durchringen konnte, so weit tragen?

Obama hat deutlich gemacht, dass es ein sehr langer Kampf sein wird. Er kann auch nicht nur aus der Luft geführt werden. Die arabischen Länder in der Allianz sind froh, wenn sie sich so weit wie möglich raushalten können. Sie wollen lieber bezahlen, als dass sie Bodentruppen schicken. Der Krieg muss vor allem in der syrischen Bevölkerung gewonnen werden. Der IS sorgt für stabile Brotpreise, es herrscht Ruhe. Das alles sind Vorzüge, die die Syrer nach den drei chaotischen Jahren zu schätzen wissen, auch wenn sie die IS-Ideologie und die drakonischen Strafen ablehnen.

Was kann der Westen tun?

Er muss parallel zu den Luftschlägen massiv mit den syrischen Rebellen zusammenarbeiten. Sie müssen so ausgestattet werden, dass sie gegen den IS kämpfen können und danach auch mit Assad fertig werden. Man wird den IS nie besiegen können, solange Assad an der Macht ist. Denn erst der Kampf gegen ihn hat die Menschen radikalisiert und das Machtvakuum geschaffen.

Auch US-Militärs bezweifeln, dass der IS ohne einen starken Verbündeten am Boden besiegt werden kann.

Wir müssen aber erkennen, dass nur die Sunniten den IS bekämpfen können, denn nur sie können ihm ideologisch etwas entgegensetzen. In Syrien hat der IS seit gut einem Jahr Rakka besetzt und Leute enthauptet. Das waren alles Sunniten und keinen hat es interessiert. Erst als die Christen und Jesiden in den Bergen saßen, sind wir aufgewacht. Aus syrischer Sicht ist das demoralisierend. Sie empfinden es so, als ob erst zwei Amerikaner enthauptet werden müssen, damit die Amerikaner eingreifen, 200000 syrische Tote interessieren dagegen keinen. Deswegen müssen wir aufpassen, jetzt nicht nur zu sagen, kommt, helft alle mit den IS zu schlagen und was Assad macht, ist uns egal. Denn täglich sterben mehr Menschen durch Assad als durch den IS.

Das Gespräch führte Mira Gajevic.