AMMAN/MAFRAK - Vor der syrischen Botschaft in Amman herrscht Hochbetrieb. Männer mit zerknautschten Familienstammbüchern und zerknitterten Dokumenten in den Händen reihen sich geduldig in Warteschlangen ein. Wortlos und müde stehen sie da, viele sind vor dem Morgengrauen aufgebrochen. Wer zu spät kommt, wird nicht mal seinen Antrag los, so gewaltig ist der Andrang. Seit Wochen geht das schon so. Und alle wollen nur das Eine: ihren Pass, um irgendwo in Europa ihr Glück zu versuchen.

„Mir bleibt keine Wahl“, sagt Sami Ibrahim, der ziemlich bald nach Ausbruch des syrischen Bürgerkrieges mit seiner Frau und drei Kindern nach Jordanien geflohen ist und seither in Mafrak kurz hinter der Grenze lebt. „Ich weiß, die Fahrt übers Mittelmeer ist lebensgefährlich, sie macht mir Angst. Aber hier gibt es für uns weder Arbeit noch eine Perspektive.“ Seine Hoffnung auf Rückkehr in ein befriedetes Syrien hat sich in vier Jahren kärglicher Flüchtlingsexistenz aufgebraucht. „Die Chance, irgendwann wieder in Syrien leben zu können, liegt bei zehn Prozent“, sagt der 37-Jährige. Erst müsse Baschar al-Assad verschwinden und der Terror des Islamischen Staates (IS) aufhören. Und danach sieht es nicht aus.

Ohne Pass kein Flugticket

Sami Ibrahims Bruder ist vor zwei Wochen in Deutschland angekommen, ein Neffe bereits vor einem Jahr. „Sie sagen, die Deutschen seien nett“, berichtet er. Sobald er die nötigen Pässe hat, will er ihnen folgen. Den neunjährigen Sohn wird er mitnehmen, die beiden Kleinen sollen mit der Mutter in Mafrak bleiben, bis Sami Ibrahim sie nachholen kann. Für die ganze Familie wäre die Flucht unbezahlbar.

Das Assad-Regime verdient mit daran. Umgerechnet 400 Dollar verlangt die syrische Botschaft für die Ausstellung eines neuen Reisepasses. Die Dokumente der meisten Flüchtlinge, die sich nach Jordanien gerettet haben, sind abgelaufen. Und den Pass brauchen sie, um als Touristen in die Türkei fliegen zu können, von wo ihr Weg übers Mittelmeer nach Griechenland führt und weiter über die Balkanroute nach Deutschland, Norwegen oder Schweden.

Es sei denn, sie riskieren es, sich auf dem Landweg in die Türkei durchzuschlagen – quer durch ihr vom Bürgerkrieg zerrissenes Heimatland. „Mir wird nichts anderes übrig bleiben“, fürchtet Ejad, der sich unter die Männer vor der Botschaft mischt. „Eine Zukunft haben meine Kinder nur in Europa, selbst wenn ich sie unter Gefahren erst durch ganz Syrien schmuggeln muss.“

Ejad stammt aus Ghuta, einem Vorort von Damaskus. Die Kleinen sind zwischen drei und sieben Jahren alt, der 32-Jährige zieht sie allein auf. Seine Frau und seine Eltern sind 2013 bei einem Bombenangriff ums Leben gekommen. Als er an jenem Nachmittag heimkehrte und sein Haus in Trümmern vorfand, fasste Ejad den Beschluss, seine Kinder nach Jordanien in Sicherheit zu bringen.

Dass es die Eltern in den Kriegswirren, in die der Jüngste hineingeboren wurde, nicht schafften, ihm eine Geburtsurkunde ausstellen zu lassen, wird der Familie jetzt zum Verhängnis. Da könne doch jeder kommen und behaupten, dass der dreijährige Islam sein Sohn sei, hat der syrische Konsul in Amman dem Vater süffisant vorgehalten. „Als ob ich alles erfunden hätte“, sagt Ejad verzweifelt. Seinen eigenen Pass hat er in der Tasche, ebenso die Ausweise für seine Töchter Farrah und Sahar. Aber für den Sohn stellt die Botschaft ohne eine Geburtsurkunde keine Identitätskarte aus. Und ohne die gibt es keinen Pass und kein Flugticket.

Die Geburtsurkunde müsse sich der Vater schon persönlich in Ghuta besorgen, hat der Konsularbeamte verlangt. „Wenn ich mich dort blicken lasse, werfen sie mich sofort ins Gefängnis“, sagt Ejad. Ghuta ist zwischen der Armee und Aufständischen hart umkämpft und geriet auch international in die Schlagzeilen, als dort am 21. August 2013 Hunderte Bewohner durch Giftgas umkamen. Der Regierung ist jeder, der aus Ghuta kommt, verdächtig.

In Amman, wo Ejad mit den Kindern in einem Armenviertel haust, kann es für sie auf Dauer nicht so weitergehen. Ein paar Matratzen, auf denen sich die Schlafdecken stapeln, eine Kochstelle, ein Sack Reis, mehr gibt es nicht. Die älteste Tochter wäre eigentlich jetzt in die Schule gekommen, aber für Bus und Schulbücher fehlt das Geld. Jetzt fällt auch noch der Essencoupon von Unicef weg. Die Nachricht des UN-Kinderhilfswerks, dass die monatliche Beihilfe eingestellt werde, ging im September per SMS bei Ejad ein.

Beim Flüchtlingshilfswerk UNHCR sind 630 000 nach Jordanien geflüchtete Syrer registriert. Tag für Tag kehren mehr als hundert von ihnen zurück nach Syrien, weil sie im Nachbarland einfach nicht mehr über die Runden kommen. Das Welternährungsprogramm WFP musste mangels Finanzierung durch die Geberländer den allermeisten Flüchtlingen die Nahrungshilfen kürzen oder ganz streichen. Auch die Kosten für die Krankenversorgung sind nicht mehr gedeckt. Volker Schimmel, UNHCR-Koordinator in Amman, spricht von „dramatischen Einbrüchen“ in der Grundversorgung. „Die syrische Bevölkerung in Jordanien ist auf Bildung für ihre Kinder aus, aber das ist überhaupt nicht mehr möglich, weil das Überleben im Vordergrund steht.“ Jeder Zweite denkt einer UN-Umfrage zufolge an Ausreise – notfalls auch über die Transitstrecke Syrien.

Einer, dem diese Route erspart bleibt, ist Abu Maschid. In einem kargen Zimmer in der staubigen Grenzstadt Mafrak, wo fast genauso viele syrische Flüchtlinge wie jordanische Einheimische leben, hockt der 25-Jährige im Schneidersitz auf dem Boden und lächelt glücklich. „Morgen“, sagt er, „fliege ich in die Türkei.“ Und natürlich will er von dort weiter nach Europa. Wohin genau? Am liebsten nach Skandinavien. Dort, so habe er gehört, gebe es ausgezeichnete Ärzte, die sein Augenleiden – eine Lichtüberempfindlichkeit – behandeln könnten. „Wo immer ich mich gut fühle, werde ich bleiben und warten, bis die Familie nachkommt.“

Seine Frau und die Kinder sollen bis dahin abwechselnd bei seinem Bruder und bei ihren Eltern wohnen. Was sie besaßen – Schaumstoffmatten, ein Heizgerät und einen Gaskocher –, haben sie verkauft. Jeder Dinar wird gebraucht, um die Reisekosten und das Geld für den Schlepper zusammenzubekommen, alles in allem etwa 4 000 Dollar. Auf die Ehefrau kommen einige Härten zu, aber sie beklagt sich nicht. „Natürlich muss mein Mann gehen, es ist doch für unser aller Bestes“, sagt sie.

Freudestrahlend platzt Abu Maschids Schwester Hanna ins Gespräch herein. Eben kam der Anruf, ihr Mann hat es an diesem Morgen im Schlauchboot von der Türkei nach Griechenland geschafft. Aus Angst, er könne auf der Überfahrt ertrinken, habe sie die ganze Nacht kein Auge zugetan, erzählt sie. „Aber nun liegt die gefährlichste Passage hinter ihm.“ Für die Strecke bis zu seinem Traumziel Norwegen gebe es sichere Busse, ist Hanna überzeugt. „Er hat doch noch das verletzte Bein aus dem Krieg und kann schlecht laufen.“

Auf keinen Fall ins Lager

Abu Maschid und seine Verwandten sind einfache Leute, Bauern und Bauarbeiter aus den syrischen Dörfern jenseits der Grenze. Von der weiten Welt haben sie kaum eine Ahnung. Aber sie sehen auch keine Alternative, als sich auf die Suche nach einem neuen Leben zu machen. „Alle Strapazen sind nichts im Vergleich zu den Sorgen, nicht mal mehr die Milch für die Kinder bezahlen zu können“, sagt Abu Maschid und drückt mit wehmütigem Blick seinen zwei Monate alten Sohn an sich.

Nur eines kommt für sie nicht in Frage: ins Lager zu gehen, in die Containerstadt Saatari in der Wüste gleich außerhalb von Mafrak oder in das neue Camp Asrak östlich von Amman, das unter den Flüchtlingen noch verrufener ist. In Saatari, wo an die 100 000 Syrer untergebracht sind, gibt es wenigstens einen Markt und kleine Geschäfte. In Asrak sind die Leute zum Nichtstun verdammt. Die Versorgung mit Essen ist zwar garantiert. Aus den Lagern hinaus aber darf niemand.