BRÜSSEL, 29. September. Es war eines der ganz normalen Treffen im Salon Maria-Theresia im Wiener Hotel Bristol. Wie jeden Monat (außer im Urlaubsmonat August) kamen die Generaldirektoren der größten österreichischen Banken auch am 8. Mai 1996 zusammen, um über Zinsen und Gebühren, Konditionen und Margen zu sprechen. Sie besprachen insgesamt 14 Maßnahmen zur Verbesserung der Gewinnsituation und beschlossen unter anderem, einheitliche Mindestzinssätze für Kredite einzuführen und die Bearbeitungsgebühren zu erhöhen. Alles war so wie immer.Nur ein Zufall ließ gerade diese Runde des so genannten "Lombardclubs" in nachhinein bedeutsam werden: An ihr nahm auch Gerhard Praschak, Vorstandsmitglied der Österreichischen Kontrollbank AG, teil, und er machte sich Notizen über jeden einzelnen Punkt der Tagesordnung. Als Praschak sich ein knappes Jahr später, am 26. April 1997, mit einem Schuss in den Kopf umbrachte, hinterließ er dieses Dokument. Gemeinsam mit einer Vielzahl weiterer Unterlagen, die den Einfluss der österreichischen Parteien auf den Postenschacher bei den Banken nachzeigten, ging auch das Protokoll über den Lombardclub vom 8. Mai 1996 an die Wiener Staatsanwaltschaft.Van Miert: "Ein guter Fang"Von dort war der Weg nach Brüssel nicht mehr lang. Die Beamten des damaligen EU-Wettbewerbskommissars Karel Van Miert begannen sich für die Absprachen zwischen den österreichischen Banken zu interessieren. Am 23. und 24. Juni 1998 zogen dann an die 20 EU-Mitarbeiter in Begleitung ihrer österreichischen Kollegen durch die Hauptquartiere der acht größten Banken und beschlagnahmten Tausende von Unterlagen. "Ein guter Fang", konnte sich Van Miert schon nach der ersten, vorläufigen Auswertung freuen. Betroffen: Die Bank Austria, die Erste, die Raiffeisen Zentralbank, die Postsparkasse, die Bank für Arbeit und Wirtschaft, die Raiffeisenlandesbank und die Niederösterreichische Landesbank-Hypothekenbank. Aus den beschlagnahmten Dokumenten erstellte die EU-Kommission ein einzigartiges Dossier, das jetzt der "Berliner Zeitung" vorliegt: Auf über 100 Seiten dokumentierten Van Miert und seine Mitarbeiter Monat für Monat die illegalen Kartell-Absprachen der österreichischen Bankenvertreter. Über 300 Treffen auf allen Ebenen konnten die Brüsseler nachweisen. Allein in Wien gab es im Schnitt jeden vierten Arbeitstag eine Zusammenkunft. Auf der Ebene der Generaldirektoren traf man sich im "Lombardclub", die Zinsexperten der Großbanken kamen in den "Aktiv-" beziehungsweise "Passivrunden" zusammen, die Immobilienspezialisten in der Hypothekarloge, die Firmenkundenbetreuer in der "Großkundenbetreuerrunde". Etwa 20 solcher Runden gab es insgesamt.Laut EU-Dossier hielten die Banker immer wieder schriftlich fest, worum es ging: Durch "diszipliniertes Marktverhalten" einen "aufgeheizten, unkontrollierten Preiskampf" zu vermeiden. Ziel war es, zu einem "kontrollierten", "vernünftigen", "geordneten", "gelinderten", "besonnenen" Wettbewerb zu kommen alles Euphemismen für Verfälschungen und Einschränkungen des Marktgeschehens.Die Tradition des österreichischen Banken-Kartells reicht viele Jahre zurück: Bis Anfang der 90er-Jahre waren die Absprachen der großen Institute auch rechtlich zulässig, ja sogar erwünscht. Der Anteil des Staatseigentums war beträchtlich, die Filialdichte außergewöhnlich hoch, und die Banken hatten über die Jahre mit geringer werdenden Margen zu kämpfen. Da setzten sie eben auf Absprachen. Erst mit dem Beitritt zur Europäischen Union 1995 änderte sich die Gesetzeslage: Auf einmal waren Kartellabsprachen verboten.Lückenlose ProtokolleDen beteiligten Banken wurde das aber erst allmählich klar. Im November 1997 beantragte einer der Runden-Teilnehmer zum ersten Mal, in Zukunft keine Protokolle von den Sitzungen mehr anzufertigen und die Alt-Protokolle zu vernichten. Diesem Vorschlag kamen die meisten Banken aber nicht nach ein Versäumnis, das sie heute bitter bereuen dürften. Seit den Durchsuchungen verfügt die EU-Kommission daher über ziemlich lückenlose Beweise in der Sache "Lombardclub". Mehrere hundert Seiten umfassten die Beschwerdebriefe, die die Beamten der Wettbewerbsdirektion anfang September an die acht betroffenen Banken schickten. Zwei Monate Zeit haben die Institute noch, auf die Vorwürfe zu antworten dann kann die EU-Kommission die Geldbuße festsetzen. Wie hoch die Strafen ausfallen werden, ist offen. Theoretisch können sie bis zu zehn Prozent des Umsatzes der Kartellteilnehmer erreichen, in der Praxis ist die Kommission aber noch nie soweit gegangen. Doch schmerzhaft dürfte es für Österreichs Banken allemal werden.BANKENKARTELL Ein Selbstmord mit Folgen // Der Selbstmord von Gerhard Praschak, Vorstandsmitglied der Österreichischen Kontrollbank AG, brachte die Ermittler auf die Spur eines groß angelegten Kartells.Der Vorwurf: Acht Banken in der Alpenrepublik haben über Jahre in Hunderten von Treffen fast jedes Detail ihrer Geschäfte abgesprochen, um jeglichen Wettbewerb zu vermeiden.Die Beweise: Ihre Buchhaltermentalität und ihr gegenseitiges Misstrauen wurde den Bankern zum Verhängnis: Die EU-Kommission verfügt über fast alle Protokolle der Kartelltreffen.Die Strafe: Den Banken droht eine Strafe von bis zu zehn Prozent ihres Umsatzes. So weit ist die EU aber noch nie gegangen. Bilanziell sollen die Institute aber dennoch vorgesorgt haben.