Es ist halb fünf - der Morgen graut, zwei etwas vom Leben gezeichneten Damen graut es noch viel mehr. Eigentlich wollten sie nur ihre Mütter, beide jenseits der 70, von der Totenfeier für einen alten Bekannten abholen. Nun vernehmen sie draußen in der Kälte mit Entsetzen, daß "Je t'aime" gespielt wird - ein Schlager, der in puncto Beischlaf-Begleitmusik immer noch seinen Spitzenplatz hält. Als dazu dann vielstimmiges Stöhnen erklingt, bestätigen sich ihre schlimmsten Befürchtungen. E-kel-haft! Und da sie sich so schämen für ihre Mütter, rufen sie anonym die Polizei an.Sex im Alter ist nur ein Tabu, das die Missfits mit Genuß brechen. Seit sie sich vor fast zehn Jahren in einer Frauengruppe kennengelernt haben, denken sich Gerburg Jahnke und Stephanie Überall zusammen aus, was dann gemeinhin "Frauenkabarett" genannt wird. Daß Frauen dabei als die besseren Menschen wegkommen, braucht allerdings niemand zu hoffen. In "Wo niemand wartet" - derzeit in der Bar jeder Vernunft - lassen sie die Klofrau verraten, daß auf dem stillen Örtchen die Damen die wahren Schmutzfinken seien. Trotzdem sollte sich kein Mann zu früh freuen: Gerburg Jahnkes Expose, warum Herren müssen, wenn sie einen Baum sehen ("Sie haben eben ein Baum-Gen!") folgt auf dem Fuße.Eigentlich aber geht es um den Tod, ob nun eine begeisterte Anhängerin des Nackttanzes ihre letzte Binde feierlich bestatten will oder eine Geschlechtsgenossin ihre Schwierigkeiten beim Wasserlassen mit Eierlikör zu bekämpfen sucht. Alles hat mal ein Ende, und dann kommen Martha (Stephanie Überall) und Lisbeth (Gerburg Jahnke). Diese beiden alten Tanten haben ein Bestattungsunternehmen geerbt und betten ihre stetig eintrudelnden Verflossenen nach Charakter und Geschmack zur ewigen Ruhe. Deswegen bleibt leider der Heldenplatz leer - die "Sausäcke" hingegen liegen dichtgedrängt. Die Missfits wechseln, in welche ihrer vielen, stets bejubelten Rollen sie auch schlüpfen, immer wieder versiert das Lager. Die Bandbreite reicht vom Prolo-Witz bis zum freien rabenschwarzen Zynismus, der von alternativ eingestellten Pädagoginnen und verklemmten Muttersöhnchen ein düsteres Bild malt.Sie haben genau beobachtet, auch ihr Publikum: Es lachen immer die, die betroffen sind. Die Frauen lachen über den Bindenwitz, die Männer schlucken. Die Älteren lachen über den Herzstillstand beim Sex ("Er ist beim Kommen gegangen "), die Jüngeren finden's pietätlos. Beide Parteien merken, wovor sie die Augen verschließen. Und so liegt im lauten Lachen immer auch ein tieferer Sinn.Carmen Böker Bis 27.10., Tel. 883 15 82, 20.30 Uhr, außer mo, 21. u. 24.10. +++