DONG HA. Nicht Rauchen, niemals rückwärts gehen, beim Fotografieren keinen Blitz verwenden! Und vor allem: Niemals die vorgeschriebenen Wege verlassen! Sebastian Krumbiegel tippt diese Warnungen in seinen Laptop. Der Frontmann der Leipziger Popgruppe "Die Prinzen" besucht das vietnamesische Dorf Dong Ha und schreibt Tagebuch. Ganz in der Nähe des Ortes, an dem er schreibt, verloren drei Kinder kürzlich ihr Leben durch Streumunition.Krumbiegel ist am 17. Breitengrad, in der Provinz Quang Tri. Hier verlief die Trennungslinie zwischen Nord- und Südvietnam. Im Krieg ging auf die Region ein Bombenregen nieder. Der legendäre Ho-Chi-Minh-Pfad führte durch das Gebiet. Von den tausend Dörfern, die es einst hier gab, blieben nur drei nach Kriegsende 1975 übrig.Krumbiegel ist mit Sodi unterwegs, einem deutschen Verein mit nur 300 Mitgliedern. Sodi steht für Solidaritätsdienst International. Seit zehn Jahren setzen ein paar Leute von Berlin aus ein Programm um, das von der Bundesregierung bisher mit 5,5 Millionen Euro gefördert wurde. Auch Spendengelder fließen. Das Programm verbindet humanitäre Kampfmittelräumung mit Wiederansiedlung und Entwicklung.Im Garten von Bauer Tu weiß Krumbiegel nicht, wohin er treten soll. Da gibt es keine vorgeschriebenen Wege. Außerdem haben 33 Jahre nach dem Krieg die Streubomben die rostbraune Farbe von Vietnams Erde angenommen. Sie können überall sein: am Feldrand, im Garten am Haus, im Flussbett, im Reisfeld, unterm Pfefferbaum.Bauer Tu baut Pfeffer an. Vor vielen Jahren setzte er 250 Bäume in den Boden. Er hat sie gehegt und gepflegt. Längst sind sie ihm über den Kopf gewachsen. Seit sie Früchte tragen, versprechen sie ihm eine reiche Ernte, Jahr für Jahr. Bei gutem Wetter kann er 200 Kilogramm Pfeffer, im ganzen Land für seine hervorragende Qualität bekannt, zum Markt tragen. Davon lebt seine Familie.Doch jetzt hat der Bauer Angst, sich seinen Bäumen zu nähern. Als er die Blätter nach Pflanzenkrankheiten kontrollierte, entdeckte er unter einem der Bäume eine Kugel, nicht größer als ein Tennisball. Eine Streubombe, in Vietnam Bombi genannt. Sie lag versteckt unter abgestorbenen Blättern nah am Stamm. Bei unvorsichtigem Berühren kann sie einen Menschen zerfetzen.Vor Jahren noch hätte Tu das Bombi vielleicht dennoch angefasst und wie ein rohes Ei aus seinem Garten getragen. So, wie es die Bauern im Krieg taten, mit der Erfahrung von Generationen, die mit Blindgängern aufgewachsen sind. Und wie es manche Bewohner in der Provinz Quang Tri heute noch tun, im 33. Friedensjahr - damit das Feld Früchte trägt, der Reis nicht auf dem Halm verfault, die Büffel zu fressen haben.Denn jeden Tag kommen hier nicht detonierte Bombis, einst zu Millionen abgeworfen aus amerikanischen Maschinen, ans Licht. Durch wachsende Wurzeln und starken Regen, der die oberen Bodenschichten mit sich nimmt, gelangen sie an die Oberfläche.Vor zwei Jahren hat ein anderer Pfefferbauer ein Bombi gefunden, und nicht so viel Glück gehabt wie Tu. Die Explosion war bis zu seinem Haus zu hören. Jetzt steht sein Foto auf dem Ahnenaltar, dort, wo es eigentlich nicht hingehört. Seine Frau Cuc blieb mit fünf Kindern allein zurück. Mit dem Tod ihres Mannes starb der Ernährer der Familie. Sodi half mit einem Kredit zum Bau eines einfachen Hauses und einer Anschubfinanzierung für den Kauf von Kühen und Schweinen.Pfefferbauer Tu fasste die Streubombe nicht an. Er griff zum Telefon und wählte eine Nummer, die mittlerweile viele Dorfbewohner kennen - die vom mobilen Minenräumteam. Das besteht aus fünf Männern, ausgebildet von Sodi. Wie die Feuerwehr kommen sie zu den Bauern, um Blindgänger an Ort und Stelle zu zerstören.Kinder rennen. Eine alte Frau geht schnell, gestützt auf ihre Enkelin, davon. Bauern treiben ihre Büffel vom Feld. Über Megafon warnt Teamchef Ly Familien in den umliegenden Häusern vor einer kontrollierten Sprengung. Kurze Zeit darauf zerreißt ein ohrenbetäubender Knall die Luft. Die Munition im Garten des Pfefferbauern kann niemandem mehr schaden.Im Schnitt fünf Mal am Tag werden Ly und seine Männer gerufen. Präventiv gehen sie auch in Gemeindezentren, Schulen und Kindergärten. Mit einer zerfetzten Schweinepfote als Demonstrationsobjekt zeigen sie den Mädchen und Jungen, welche Auswirkungen ein einzelnes Bombi haben kann.Doch noch nicht überall in der Provinz Quang Tri nehmen die Menschen die Gefahren im Umgang mit Fundmunition ernst. Und immer wieder sind es vor allem Kinder, die in Friedenszeiten an den Folgen des Krieges sterben."Heute habe ich mit Jungen Fußball gespielt, und wir haben mit Luftballons herrlichen Schwachsinn angestellt", schreibt Krumbiegel weiter an seinem Tagebuch. Er war im Dorf Tan Dinh. Hier müssen die Menschen nicht mehr mit Minen leben. Der Kindergarten, die Grundschule und einfache Wohnhäuser, finanziert durch Spenden und Fördermittel aus Deutschland, stehen auf sicherem Boden. Jahrelang hat ein Sodi-Team die Fläche Zentimeter für Zentimeter abgesucht, Blindgänger entschärft und anderen Kriegsschrott beseitigt.Die Häuser haben jetzt Toiletten, Wasser und Strom, durchaus keine Selbstverständlichkeit in Vietnams Dörfern, schon gar nicht in einer der ärmsten Provinzen. Das Guthaben einer Familie wird hier nicht in der Landeswährung Dong, sondern in Säcken voll Reis gemessen.Wandernde TodesgefahrDie 100 Familien sehen ihre Kinder ohne die Angst vor Bombis, die sie beim Spielen finden könnten, aufwachsen. Sie kommen aus einer Gegend nah am Fluss, aus einem Überschwemmungsgebiet, in dem zu Taifunzeiten Minen "wandern". Ihre Felder allerdings liegen noch dort. Sie bewirtschaften sie weiter. Denn die Erde des neuen Dorfes hat einen großen Nachteil für diese Menschen, die von der Landwirtschaft leben: Der sandige Boden ist nicht sehr fruchtbar. So haben sie bei der Arbeit das alte Problem weiter vor Augen: Minen!Während das Minenräumteam zu einem neuen Fundort unterwegs ist, fährt Krumbiegel zum Gesundheitszentrum der Gemeinde Linh Hai. 100 000 Euro aus Sodi-Mitteln flossen in den Neubau. Eine modern eingerichtete Geburtsstation und ein Röntgentrakt sollen die medizinische Versorgung von 6 000 Dorfbewohnern verbessern. Das zweistöckige Gebäude ist bei der Eröffnungsfeier voller Menschen, viele Kinder sind darunter.Vor der Reise hatte Krumbiegel ein vietnamesisches Kinderlied erlernt. Der für ihn schwierige Text bescherte ihm schlaflose Nächte. Krumbiegel hat keine Ahnung, wie die Kinder reagieren werden. Der ehemalige Thomaner setzt sich an ein Keyboard, an das die Gastgeber zu seinem Erstaunen gedacht haben. Und singt, und singt. Einige Kinder trauen ihren Ohren nicht, doch alle klatschen mit. Nach dem Lied hat Krumbiegel eine jubelnde, junge Fangemeinde.------------------------------Aktion gegen LandminenKriegsfolgen: 3,5 Millionen Landminen und Blindgänger liegen nach Angaben des US-Außenministeriums in Vietnam. Die vietnamesische Regierung schätzt, dass 16 478 Millionen Quadratmeter verseucht sind. Seit Kriegsende vor 33 Jahren wurden 38 000 Zivilisten durch alte Sprengkörper getötet und 64 000 verletzt. Jedes Jahr werden etwa 2 000 Unfälle registriert.Promis gegen Minen:Sebastian Krumbiegel setzt sich seit Jahren gegen Produktion, Verbreitung und Anwendung von Landminen und Streumunition ein. Er gehört einer Gruppe von Künstlern, Journalisten, Sportlern und Politikern an, die ihre Popularität nutzen, um ein Verbot zu erreichen, darunter Cosma Shiva-Hagen, Anne Will, Miroslav Klose, Günther Jauch.------------------------------Karte: Vietnam------------------------------Foto: Lebensgefahr am Feldrand: Die Fundstelle wird bis zur Sprengung markiert.Foto: Sebastian Krumbiegel, Sänger bei "Die Prinzen"

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