Wo es Täter gibt, gibt es auch Opfer. Manfred Bissinger appelliert an Journalisten gern, sie sollten nicht nur beschreiben, sondern müssten ein Anliegen haben, für das sie kämpfen. "Journalisten müssen Täter sein." Bissinger war meist beides, Täter und Opfer.Mit der Wochenzeitung Die Woche revolutionierte Bissinger die Medienlandschaft. Doch ihren Markterfolg konnte er nicht erzwingen. Der 6. März 2002, jener Mittwoch, an dem er um 17 Uhr seiner Redaktion das Aus für die Woche mitteilen musste, dürfte der schlimmste Tag seines beruflichen Lebens gewesen sein.Publizistisch ist es seither ruhiger um ihn geworden, doch wenn er gefragt wird, ist er zur Stelle. Zum Beispiel im August. Da sang Bissinger in der Welt das Loblied auf Bundespräsident Christian Wulff. Manche vermuteten, es liege daran, dass Wulffs Gesprächsband bei Ganskes Verlag Hoffmann und Campe erscheint. Bissinger kontert, er habe Wulff schon Ende der 1990er schätzen gelernt, als sich der junge Wilde aus Niedersachsen gegen Helmut Kohls erneute Kanzlerkandidatur ausgesprochen hat. Nicht minder überraschte seine Unterschrift unter dem "energiepolitischen Appell". Kampagnen zu betreiben, das passt zu Bissinger - aber warum plötzlich für Atompolitik? Er sei zur Einsicht gelangt, dass die Laufzeiten von Atomkraftwerken verlängert werden mussten, um Zeit zu gewinnen für den Bau neuer Netze, in die regenerative Energien eingespeist werden können.Noch bis Ende dieses Monats leitet Bissinger das von ihm aufgebaute und einträgliche Geschäft mit Kundenzeitschriften. Für die nächsten fünf Jahre hat er mit Ganske einen Berater-Vertrag abgeschlossen. Ein Buch mit Essays und Artikeln aus Stern, Woche sowie aus Konkret und Natur, deren Chefredakteur er ebenfalls war, ist in Vorbereitung. Und dann sind da noch all diese Kisten auf dem Dachboden seines Hauses in Himmelpforten nahe Stade. Mit dem Material will Bissinger ein Buch schreiben, wie sich in den fünf Jahrzehnten seines Berufslebens der Journalismus die Gesellschaft und die Kommunikation verändert haben.Es sind Geschichten aus Zeiten, in denen Entscheidungen im Journalismus nicht danach getroffen wurden, ob das Geld dafür reicht. Zum Beispiel, als Nannen Bissinger nach New York geschickt hat, um den Zuschlag für den Vorabdruck von Henry Kissingers Memoiren zu bekommen. Bissinger saß im einen, Rudolf Augstein vom Spiegel in einem benachbarten Hotel. Die Gebote erhöhten sich von Runde zu Runde um 50000 Mark. Irgendwann waren 750000 Mark im Briefumschlag. Bissinger rief beim G+J-Vorstand Rolf Poppe an. Was er tun solle, er habe doch nur Zeichnungsbefugnis bis 500000 Mark. Sie Idiot, antwortete Poppe, dann verteilen Sie die Summe eben auf zwei Zettel.Bissinger sei ein "bedächtig wirkender Mann mit leisem Humor, der manchmal vergessen lässt, dass er wohl einer der Ausgeschlafensten seines Metiers ist", schrieb der viel zu früh gestorbene Journalist und Redenschreiber Reinhard Hesse einmal. Von Bissingers sanftem Blick aus wässrig-blauen Augen sollte man sich nicht täuschen lassen. Bissinger bleibt Wiederholungstäter, auch nach seinem heutigen 70. Geburtstag.------------------------------Foto: Gern zur Stelle: Manfred Bissinger.