Es ist doch etwas öde geworden, seitdem alle Mysterien vom Tisch sind. Deshalb lieben wir Ungereimtheiten, an sie kann man seinen Verstand so schön verschwenden. Das Butterbrot bietet einiges in der Richtung. Nicht nur wird es definiert als "mit Butter oder Margarine bestrichene Scheibe Graubrot". Im sauerteigverarbeitenden Raum wurde damit auch die kalte Mahlzeit bezeichnet, also ein mit Butter oder Margarine bestrichenes Graubrot, auf das man Wurst, Käse, hartgekochte Eier oder Tomaten legt.Aber wie ist es zu erklären, dass der Anblick eines Butterbrotes in mir eine Dia-Serie auslöst von Versteckspielen, Toben mit dem Hund und glücklichen Stürzen? Ich habe nie einen Hund gehabt, und ein Butterbrot war nur der kleinste gemeinsame Nenner, wenn man die ganzen Beläge nicht mochte. Die Väter der Freundinnen, bei denen man übernachtete, bedeckten ihres mit Zunge, Fleischsalat oder Haut von gekochter Milch, da fiel es schwer, das eigene Brot runterzuschlucken. Trotzdem funktioniert dieses Wort wie ein Glas Milch: Wir sind Rabauken, die gleich mit Flipper ein Abenteuer erleben werden.Dass das Butterbrot eine eher deutsche Angelegenheit ist, hätten wir auch ohne nachzudenken gewusst. Es hat unglaubliche Imagewechsel überlebt, mal ließ man sich nicht die Butter vom Brot nehmen, mal konnte man ein ganzes Grundstück kaufen für ein Butterbrot. Und wenn Franz Biberkopf "vom Leben mehr verlangt als das Butterbrot", sind wir sofort auf seiner Seite. Biberkopf und die anderen Gestalten aus "Berlin Alexanderplatz" wussten noch nichts über Schinken-Käse-Croissants vom Backshop, die im Magen auftreiben wie Wasserleichen. Und auch von ernährungswissenschaftlichen Untergangsprophezeiungen und dem Siegeszug des Vollkorns hatten sie überhaupt keinen Schimmer.Aber zurück zum Butterbrot, unserem heutigen Jubilar, dessen Geburtsjahr schwer festzustellen ist, der aber schon auf Pieter Brueghels "Bauernhochzeit" von 1568 angebissen im Schoß eines Kindes zu sehen ist. Die CMA (Centrale Marketing-Gesellschaft der Agrarwirtschaft) hat den "Tag des Deutschen Butterbrotes" 1999 ins Leben gerufen, in diesem Jahr übrigens unter dem Motto "Butter macht das Brot", was ja eine glatte Lüge ist. Ich habe da einen Verdacht, und er verfestigt sich immer mehr. Wenn ich in einer Bäckerei einen Kaffee trinke, dabei die "Bäckerblume" lese und über den einen oder anderen Absatz sinniere, blicke ich entweder geradewegs in die argwöhnischen Augen einer Verkäuferin hinein, oder aber ich sehe gar keinen Menschen - der Tresen ist meist wie verwaist, die aufgereihten Backwaren liegen wie Mumien. Dann bimmelt die Tür, und bevor der Kunde den Tresen erreicht hat, steht die Verkäuferin plötzlich wieder da, trutschig wie eh und je. Hey! Von welchen ausgeschlafenen Top-Agenten werden die gebrieft? Oder sind das Schauspieler, die da so Sachen ausprobieren? Die Bäckerinnung tarnt sich mit ihrem anachronistischen Charme und läuft mindestens fünf Schritte vor der Meute!Kürzlich bin ich am Müggelsee entlang gelaufen, da wo die alten Villen stehen. Eine Frau kam von rechts und rief: "Kinder, es gibt was!" Unsere Wege kreuzten sich, und eine Sekunde lang schwebte der Teller in ihrer schmalen Hand direkt vor meinem Gesicht. Ich blickte auf mit Butter bestrichene Graubrote, in Dreiecke geschnitten, seitlich garniert mit Cocktailtomaten und Kresse, und die Dia-Serie startete wieder. Vergeblich wartete ich auf helle Rufe im Garten: "Oh, Leni, das ist großartig!" Aber wahrscheinlich lagen die Kinder alle voll IT-verstöpselt irgendwo rum und haben Leni einfach nicht gehört. Oder hat da wieder die Bäckerinnung ihre Finger im Spiel gehabt?