Hören Sie?Was?Hören Sie s nicht klappern?Nein. Wo?Draußen vor der Tür. Das ist der Tod. Er will rein. Aber ich lasse ihn nicht.Ibrahim Böhme liegt auf der Schlafcouch in seiner Einzimmerwohnung am Prenzlauer Berg, liegt zwischen gewaltigen DDR-Polstern, viel Grün und wenig Büchern. Meine Bücher, sagt er, habe ich im Kopf. Er liegt da mit geschorenem Haupt, blass und dünn, und fragt: Haben Sie einen Schnaps?Nein.Er zündet sich eine Zigarette an, eine Club, die alte DDR-Marke, und sagt: Rauchen ist Gift für mich. Es ist zehn Jahre nach dem Fall der Mauer. Als die Deutsche Demokratische Republik untergeht, ist Manfred Ibrahim Böhme der Medienstar der SPD. Er soll Anfang 1990 die ersten freien Wahlen für die Sozialdemokraten des Ostens gewinnen, soll Ministerpräsident werden. Ein idealer Kandidat: Bürgerrechtler, Opfer, einer, der im Gefängnis gesessen hat und von der Staatssicherheit zusammengeschlagen wurde. Die Bilder gingen 1988 durchs West-Fernsehen: Böhme mit blutverkrustetem Gesicht in der Elias-Kirche. Ja, er ist ein aufrechter, verschwiegener, listiger, intelligenter, amüsanter, pfiffiger, belesener Bursche, dieser Böhme. Und er führte die Freunde mutig in die Opposition. Die Genossen in Bonn sind entzückt. "Unser kleiner König" nennen sie ihn. Und Willy Brandt liebt den Ost-Enkel und trinkt im heißen Winterwahlkampf Wodka mit ihm und Roten. Doch am Abend des 18. März 1990 verfehlt der kleine König den Thron; er verliert ihn an de Maizière. Und acht Tage später ist der König matt. Die Wahrheit über die Leuchtgestalt kommt ans Licht: Ibrahim Böhme war ein Topspitzel der Staatssicherheit. Ein Agent provocateur. Ein Verräter. Böhme beteuert seine Unschuld. Die Freunde glauben ihm. Nur einer nicht. Reiner Kunze, der Lyriker aus Greiz. In den Stasikellern von Gera ist Kunzes Akte gefunden worden. Ein halbes Jahr später veröffentlicht er Teile daraus unter dem Titel: "Deckname Lyrik". Es ist das erste Buch über die Staatssicherheit. Auch Böhmes Spitzelberichte sind darunter. Er beteuert noch immer seine Unschuld, tritt aber von allen Ämtern zurück und taucht unter. Heute ist er krank. Seit Jahren schon. Und seit Jahren spricht er auch vom Tod. Vom Sensenmann, dessen Gerippe draußen vor der Tür klappert. Hören Sie ihn nicht?Nein. Rollen, Rollen, alles Rollen. Böhme hat mir viele vorgespielt. Den gefallenen Engel Luzifer, den Todeskandidaten, den Memoirenschreiber, den Fensterputzer, den Universitätsdozenten. Ich klingle, und er steht feierlich im schwarzen Anzug an der Tür. Mit Stock und Schal.Ich habe wenig Zeit, sagt er.Müssen Sie weg?Ja. Ich habe ein Seminar angenommen.Wo?In der Humboldt-Universität.Soll ich Sie hinfahren?Danke. Ich nehme die Straßenbahn.Es fährt keine Straßenbahn zur Universität. In den ersten Jahren nach der Wende spielt er auch den Altenpfleger im Haus. Kocht für Kranke und Moribunde, schneidet Fuß- und Fingernägel, säubert Wunden, legt Verbände an, verteilt Pillen, putzt und wäscht, liest aus der Zeitung vor, holt Kohlen aus dem Keller und erzählt Märchen. Einmal versucht er, sich das Leben zu nehmen. Man findet ihn am Morgen in einer Blutlache. Er hat behutsam in den Puls geschnitten, ist darum auch noch recht lebendig. Jede Rolle spielt er unübertrefflich. In unterschiedlicher Verkleidung. Mal mit Jeans und Vollbart, mal mit langem Haar und Morgenmantel, mal geschoren im Pyjama und im Gesicht Dreitagestoppeln. Nur eine Rolle hat er nie gespielt. Sich selbst. Manfred Böhme. Der schöne Name Ibrahim nämlich, Abraham, Vater des Volkes, ist auch eine Rolle. Ibrahim ist einer seiner Decknamen für die Staatssicherheit. Als ich ihn kennen lerne, hat er seinen fünfmonatigen Höhenflug nach dem Fall der Mauer schon hinter sich. Da hat Ikarus Böhme sich die Flügel schon an der Sonne verbrannt, ist vom Himmel abgestürzt in die Depression. Warum hat er all seine Freunde verraten? Reiner Kunze, Jürgen Fuchs, Günter Ullmann. Und später in Berlin die Bürgerrechtler Gerd und Ulrike Poppe, Lutz Rathenow, Arnold Vaatz und Markus Meckel. Er will nicht reden. Mit niemandem. Ich warte ab. Ich habe Zeit. Und weil Böhme ein neugieriger Mann ist, vielleicht auch testen will, was er noch kann, und ob ihm eine aus dem Westen die Lügen nicht doch noch glaubt, lässt er eines Tages ausrichten: Sie kann kommen. Und so besuche ich denn an einem heißen Maitag 1991 den damals berühmtesten Inoffiziellen Mitarbeiter der Stasi. Es gibt zu der Zeit ja noch keine Gauck-Behörde. Die Akten schwemmen von irgendwoher an. Registriernummern und Decknamen schwirren wie böse Insekten durchs Land: Carmen, König, Villon, Graf, Hamlet, Salomon. Sonderbare Träume von Spitzeln. Ich soll einmal lang und zweimal kurz klingeln, hatte Böhme am Telefon gesagt. Oder dreimal kurz und zweimal lang. Ich weiß es nicht mehr. Ich klingle irgendwie lang und kurz durcheinander.Sie haben falsch geklingelt.Aber Sie haben aufgemacht.Also kommen Sie rein. Da ist nichts mehr vom fiebrigen Helden, der wie ein Phönix aus den Ruinen der DDR stieg und kämpfend durch den deutschen Medienwald zog. Der Held, den ich kennen lerne, trägt Filzpantoffeln, sieht müde aus, und wenn er Kaffee einschenkt, zittert ihm die Hand. Viele Stunden reden wir über die Akten, die seine Freunde mir gegeben haben. Ein paar Hundert Seiten. Tonbandprotokolle. Berichte über Gespräche, Gedanken, Gefühle, Geständnisse, Geheimnisse. Kühl und ellenlang hat er alles zu Protokoll gegeben. Überheblich. Auch devot: "Auftragsgemäß lenkte ich das Gespräch auf " Seine Stimme schwankt zwischen Wut und Wehmut, wenn ich von den Freunden erzähle, die endlich auf eine Erklärung von ihm warten.Warum sagen Sie nichts?Ich habe nichts zu sagen, denn ich habe niemanden verraten. Das sagt er bis heute. Und das glaubt er bis heute. Obwohl er weiß, was er getan hat.Natürlich weiß er es.Sie verschweigen etwas, sage ich.Natürlich.Und Sie wissen was?Ja.Und Sie können damit leben?Gott, ist ihm das langweilig. Er dreht die Augen gen Himmel und setzt sich mit theatralischer Geste in den Sessel. Sitzt da und sagt nichts mehr.Er hat es verdrängt. Das zeigt eine Szene in der Normannenstraße:Als der SPD-Politiker Böhme nach den ersten Verdächtigungen, ein Stasi-Spitzel gewesen zu sein, mit seinen Anwälten in den Akten liest, spielt man ihm auch ein Tonband vor. Ibrahim Böhme spricht dar-auf verschlüsselt konspirativ mit einem Stasi-Offizier. Ja, sagt er, das sei wohl seine Stimme. Aber er habe das nicht gesagt.Als er das erzählt, begreife ich, dass ich andere Maßstäbe anlegen muss. Begreife, dass Böhme in einer anderen Wirklichkeit lebt, dass seine Moralbegriffe nicht der Norm entsprechen. Er deutet sie um. Wie in seinem Hörspiel "Das Interview". Der 24-Jährige schreibt es 1968, also zu der Zeit, als er von der Staatssicherheit geworben wird. In diesem Spiel fragt ein Journalist den Jünger Judas nach seinem Verrat an Jesus. Verrat? Keine Spur. Dialektisch, logisch, fast kess biegt Böhme den Kuss des Judas so hin, dass er zum Segen für die Menschheit wird. Ohne Kuss keine Erlösung. Ohne Verrat kein Sozialismus. Also alles ist erlaubt, was ihn groß und stark macht, koste es, was es wolle. Als Böhme nach der Stasi-Entdeckung untertaucht, versucht er, seine Erinnerungen zu schreiben. Er zeigt mir das erste Kapitel. Es ist in der dritten Person geschrieben.Warum schreiben Sie nicht "ich"?Weil ich es nicht mag, wenn mir einer zu nahe kommt. Es ist ein merkwürdiges Kapitel. Böhme windet sich darin um sich selbst, und nichts von sich gibt er preis. Schreibt und schreibt und sagt nichts aus.Das wird kein Verlag drucken, sage ich.Böhme ist belegt. Fast beleidigt.Dann schreiben Sie doch!Gern, sage ich. Wenn Sie erzählen. Er erzählt. Hat sogar Spaß daran.Stört Sie ein Tonband? frage ich.Nein, warum?Weil seine Stasi-Berichte Tonbandabschriften sind, denke ich und sage es nicht. Ein Jahr lang besuche ich ihn unregelmäßig. Nur einmal klebt ein Zettel an der Tür: "Entschuldigen Sie, ich musste leider eine Reise machen. I. B." Die Reise hat er in seinem Zimmer gemacht. Es ist eine Reise in die Depression. Er liegt wochenlang im Dunkeln, isst nicht, trinkt nur Schnaps und Kaffee. Und raucht. Nachbarn pflegen ihn. Eine Ärztin lässt er einmal in der Woche zu sich. Elend sieht er aus, als ich ihn wieder sehe. Sein Haar ist lang, sein Bart noch länger. Er habe einen schönen Traum gehabt, sagt er. Er habe noch einmal ganz von vorne anfangen dürfen. Endlich. Jetzt rückt er mit der Wahrheit raus. Mit Geständnissen und Bekenntnissen. Denke ich. Tut er aber nicht. Kein Wort über die Akten. Er habe niemanden bespitzelt. Basta.Pause.Aus der Traum.Sie haben alles verdrängt, sage ich.Pause.Vielleicht, sagt er. Gießt Kaffee nach. Die Hand ist ruhig. Kein Zittern mehr. Er hat die Rolle gewechselt. Erzählt wieder. Beantwortet alle Fragen zu Lenin und Jessenin, zu Ehe und Alkohol, zu Ulbricht und Honecker, zu Krankheiten und homoerotischen Begehrlichkeiten. Und ich erschrecke, als der Schriftsteller Jürgen Fuchs mir sagt: Sie waren für ihn wie ein Führungsoffizier. Wenn das Tonband lief, redete er. Ich nenne das Buch über Böhme "Genosse Judas" und bringe ihm das erste Exemplar. Er sagt danke und legt es weg. Interessiert ihn nicht. Unsere Sitzungen sind zu Ende. Wochen später bin ich in Berlin und schaue bei ihm vorbei. Klingle mal kurz und mal lang, er mag ja das Konspirative. Der Vorhang hinter der Tür geht auf, das höre ich.Ich bin s, Lahann.Genosse Judas empfängt nicht, sagt er.Aha, Sie haben gelesen.Alles falsch, sagt er.Alles Lüge. Ich habe das Buch an die Wand geworfen.Dann öffnet er und sagt: Kommen Sie rein. Mit den Jahren ist Ibrahim Böhme kränker und schweigsamer geworden. Eigentlich liegt er nur noch flach und starrt vor sich hin, sieht fern, ohne in die Röhre zu gucken. Er hört fern. Vorbei sind die Zeiten, als er ohne Punkt und Komma über die Russische Revolution dozierte oder von Willy Brandt schwärmte oder vom Frühstück mit Mitterrand erzählte oder vom Besuch bei Schewardnadse oder Verse seines Poetengottes Jessenin deklamierte, des herrlichen Säufers und Bürgerschrecks, der eingehüllt war in die schwarze Braut Schwermut: "euch zum Schur trag ich ungekämmt / Den Kopf hoch auf den Schultern als Laterne über Land " Ich besuche ihn nur noch selten. Der Redefaden hängt durch. Wenn ich da bin und er gar nichts mehr sagt, gehe ich. Einmal versuche ich, eine Motte zu erwischen, die so dösig-träge vor mir hertaumelt.Halt! Nicht kaputtmachen! brüllt er.Warum nicht?Das ist meine Motte. Mit der rede ich, wenn Sie weg sind. Neulich sprach er auf meinen Anrufbeantworter: Wo sind Sie? Ich wollte reden. Ich dachte, wenn ich jetzt saufen würde, käme mich das teurer, als mit Ihnen zu telefonieren. Also rufen Sie mal an.Ich rufe an.Wer da? fragt er.Lahann.Was gibt s?Nichts. Sie wollten doch was.Ich? sagt er. Nein.Also wie geht es Ihnen?Gut.Und wie geht es Ihrer Seele?Auch gut. Aber ich muss jetzt Schluss machen.Warum?Weil ich brechen muss.Der Text erscheint demnächst in dem Buch "Östlich von Eden. Von der DDR nach Deutschland", herausgegeben von Ostkreuz, Agentur der Fotografen, im Verlag Christian Brandstätter, Wien.25. Februar 1990. Mit Willy Brandt auf dem SPS-Parteitag in Leipzig.5. März 1990 in Dresden. Ibrahim Böhme ist Spitzenkandidat der SPD für die erste freie Wahl der Volkskammer der DDR. Wahlkampf in Dresden.8. März 1990. Im Wohnhaus, Berlin-Prenzlauer Berg.17. März 1990. Berlin West, im Hotel Seehof."Am Abend des 18. März 1990 verfehlt der kleine König den Thron; er verliert ihn an de Maizière. Und acht Tage später ist der König matt. Die Wahrheit über die Leuchtgestalt kommt ans Licht: Ibrahim Böhme war ein Topspitzel der Staatssicherheit. Ein Verräter. " 25. März 1990. Berlin Ost, SPD-Zentrale.Juni 1996. Zu Hause, Berlin-Prenzlauer Berg.Die Fotografin // Seit ihrem Abschluss an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig 1974 hat Ute Mahler vor allem Menschen fotografiert inszeniert für die Modefotografie und, "so wie sie wirklich sind", in großen Reportagen. Die Rockgrößen der DDR wurden in ihren Fotos zu Legenden, mit der Wende kam der Abschied von Zeitschriften wie "Sibylle" und "Für Dich". Das Spannende an der Fotografie sei für sie, Menschen und deren Leben so nahe zu kommen; die Kamera hilft, Barrieren zu überwinden, man "nimmt ein Stück vom anderen mit".1990 gründete sie mit sechs Fotografenkollegen die Fotoagentur Ostkreuz, "um gestärkt dem westdeutschen Medienmarkt entgegenzutreten".Ute Mahlers erste Begegnung mit Ibrahim Böhme fand im Februar 1990 auf dem SPD-Parteitag in Leipzig statt, der "kleine König", wie man ihn nannte, war Chef der SPD Ost und Kandidat für das Ministerpräsidentenamt. Für den "Stern" sollte Ute Mahler ihn im Wahlkampf begleiten.In Momenten, wenn alle Fotografen schon gegangen sind, da wird es für sie interessant. Das Foto mit Böhme und Brandt entstand so in einer völlig ungestörten Atmo-sphäre. Kurze Zeit später folgte Ute Mahler ihm für einige Tage nach Moskau er hatte den großen Traum, Gorbatschow zu treffen, der zerbarst wie so viele andere.Am Wahltag, dem 18. März 1990, die Niederlage für Böhme, die Anschuldigung für die Stasi gearbeitet zu haben, eine Schraube ohne Ende Das große Foto entstand im Frühjahr 1990 im Fahrstuhl der SPD-Zentrale. Böhme hatte gerade seinen Schreibtisch abgeräumt und war völlig abwesend, er nahm die Fotografin nicht wahr. Ein einziges Mal fotografierte Ute Mahler ihn noch, zu Hause, schwer erkrankt, vielleicht fünf Jahre nach seinem kurzen "Königsdasein". Ein gebrochener Mensch, der von Sozialhilfe lebt und nur noch wenige Illusionen übrig behalten hat, "die tragischste Geschichte, die ich je fotografiert habe", sagt Ute Mahler, die ihn heute noch manchmal zum Essen trifft... Sabine Sauer