Ende Mai 1945 kam der 59jährige Geschichtsprofessor Alexander Jakowlewitsch Brjussow nach Königsberg. Man hatte ihn rasch in die Uniform eines Oberstleutnants gesteckt und einer Brigade uniformierter Kunstexperten beigegeben, die nach vermißtem sowjetischen Kulturgut fahnden sollte. Königsberg war gegen Ende des Krieges ein regelrechter Stapelplatz für "sichergestellte" - teils tatsächlich aus den Kampfzonen evakuierte - sowjetische Museumsschätze gewesen. Stapelplatz für Kunst Ende 1941 war auch das Bernsteinzimmer dorthin gekommen. Alfred Rohde, Direktor der Königsberger Kunstsammlungen, begrüßte die "Sicherstellung" mit den Worten, das Zimmer sei "in seine Heimat in des Wortes bester und tiefster Bedeutung zurückgekehrt " Als die sowjetischen Kunstfahnder in Königsberg eintreffen, ist der Stapelplatz schon weitgehend geräumt. Brjussows Leute halten lediglich Nachlese. Der Oberstleutnant nimmt Kontakt zu Rohde auf, der ihm sagt, das Bernsteinzimmer müsse sich im Südflügel der Schloßruine befinden. Unter dem 10. Juni schreibt Brjussow in seinem Tagebuch: "Nachdem Rohde noch etwas gestritten hatte, gab er auf und erklärte plötzlich, daß das Zimmer im Nordflügel gestanden hätte, im Großen Saal Die Besichtigung des Großen Saales ergab, daß leider sowohl das Bernsteinzimmer als auch die Keyserling-Möbel verbrannt sind. Wahrscheinlich war der von unseren Soldaten entfachte Brand der Grund dafür." Die kostbare Möbelsammlung des alten Adelsgeschlechtes Keyserling aus dem Kurland war tatsächlich nachweislich nach Schloß Königsberg gebracht worden. Brjussow vermerkte auch, daß am 8. Juni ein Oberst zu ihm gekommen sei, der berichtete, er habe gleich nach der Einnahme Königsbergs am 9. April 1945 in dem betreffenden Saal viele große Kisten gesehen. Das schien der Beweis: Im Siegesrausch hatte die Rote Armee die Schloßruine in Brand gesteckt und dabei auch das Bernsteinzimmer vernichtet. Doch weil nicht sein kann, was nicht sein darf, wurde Brjussow im Dezember 1949 nach Königsberg zitiert, um Abbitte zu leisten. Er gab zu Protokoll, der Direktor des Katharinenpalais in Puschkin, Anatoli Michailowitsch Kutschumow, habe ihn überzeugt, daß das Bernsteinzimmer nicht verbrannt sein könne. Rohde hatte Angst Fortan erhielt der Professor das Pseudonym Viktor Barsow, und mußte sich außerdem gefallen lassen, in Büchern und Presseartikeln als hoffnungslos vertrottelt hingestellt zu werden. Sein Tagebuch landete 1974 in der Handschriftenabteilung der Moskauer Lenin-Bibliothek. Dort entdeckte es 1990 der Münchner Publizist Philip Remy. Jahrzehntelang hatten die Sowjets mit allen propagandistischen Kunstgriffen die Story aufgebaut, die Deutschen hätten das Bernsteinzimmer und andere Kunstschätze versteckt. Und selbst so seriöse Leute wie der Kaliningrader Kunstgutfahnder Awenir Owsjanow und der Publizist Waleri Birjukow glauben noch immer daran. Owsjanow und Birjukow berufen sich darauf, daß Rohde ein notorischer Lügner gewesen sei, der Brjussow das Versteck nicht habe preisgeben wollen. Er sei auch nur wegen des Zimmers in Königsberg geblieben, als "Gralshüter" des Schatzes sozusagen. Und so ist das "seltsame" Verhalten Rohdes das wichtigste Gegenargument. In Wahrheit hatte der schwerkranke Rohde - er litt an der Parkinsonschen Krankheit - Angst, an die Wand gestellt zu werden, wenn er geradeheraus gesagt hätte, das Bernsteinzimmer sei verbrannt. Warum er dann in Königsberg geblieben war? Ich kenne keinen deutschen Museumsbeamten, der sein Museum 1945 im Stich gelassen hat. In der Ausgabe Nr. 5/6 1995 einer Moskauer Zeitschrift mit dem Titel "Nachrichten aus der Aufklärung und Gegenaufklärung" wird der ehemalige Generalstabsoffizier Gerd Seiler zitiert, der Augenzeuge war, als siegestrunkene Sowjetsoldaten die Kisten im Großen Saal der Königsberger Schloßruine mit Schüssen und Handgranaten vernichteten. Welcher Beweise bedarf es noch? Die Mär wird leben Letztlich erhebt sich auch die Frage, weshalb die Sowjetregierung 1980 anwies, das Bernsteinzimmer nachzubauen, wenn sie nicht davon überzeugt gewesen wäre, daß es verbrannt ist. Immerhin ist das Projekt nicht nur aufwendig, sondern auch extrem teuer. Ein Kilo guten Bernsteins kostet heute 500 Dollar, für die Rekonstruktion sind mehrere Hundert Kilo nötig. Unter dem Strich ist das "Achte Weltwunder" als Kriegsverlust zu verbuchen, auch wenn es von Sowjetsoldaten vernichtet wurde. Die Mär vom verschwundenen Schatz wird unser Jahrhundert dennoch überleben, es sei denn, die KGB-Archive geben vorher die Wahrheit preis. +++