Wer Ferdinand Möller war, ist eine nicht ganz unwesentliche Frage, wenn heute abend im Hamburger Bahnhof die nach dem vormaligen Berliner Kunsthändler benannte Möller-Stiftung ein dreitägiges Kolloquium zur nationalsozialistischen Kulturpolitik im Umfeld der "Entarteten Kunst" veranstaltet. "Nach wie vor wenig beachtet ist die Tätigkeit der Kunsthistoriker, ­händler und -publizisten, nicht zuletzt der Künstler selbst" angesichts dieser Erklärung der Veranstalter fällt um so mehr auf, daß unter den Referaten keines die Person Möllers zum Gegenstand hat.Die Stiftung, so heißt es weiter in der Erklärung, wurde 1995 gegründet "in Erinnerung an den Kunsthändler Ferdinand Möller (1882­1956) und seine Verdienste um die Rettung und Durchsetzung expressionistischer Kunst". In der Broschüre der Stiftung heißt Möller schlicht der "Herold der Brücke".Ob die Künstler der "Brücke" Möller tatsächlich als Herold verklärten, sei dahingestellt; gewiß ist, daß er zu den wichtigsten Kunsthändlern der Expressionisten gehörte. Ebenso gewiß bestimmten ihn die Nazis 1937 bis 1941 nebst drei weiteren Berliner Kunsthändlern zum Treuhänder der von ihnen aus den Museen "gesäuberten" Werke der sogenannten Entarteten Kunst. Möller zahlte dafür geringe Summen oder ging ungleiche Tauschgeschäfte ein. Die Auflage war, daß er die Erwerbsstücke ausschließlich ins Ausland verkaufte.Ernstzunehmende Forscher erkennen allerdings in dieser Verstrickung Möllers mit den Nazis den ehrlichen Willen, der Kunst ein der Bücherverbrennung vergleichbares Schicksal zu ersparen. Möllers Verhalten nach dem Krieg aber macht eine wohlwollende Beurteilung sehr schwer. Gegen die Absprachen behielt er in seinem Haus in Zermützel erstrangige Werke zurück. Nach 1945 begann er, diese Bilder deutschen Museen anzubieten, nicht unbedingt denen, aus denen sie ursprünglich stammten. Es ist zu vermuten, daß Möller astronomische Renditen auf seine ursprünglichen Auslagen erzielte. Der Möller wohlgesonnene Biograph Eberhard Roters läßt unbewußt die kalkulierende Ader des Kunsthändlers durchblicken: Ihm sei "durchaus daran gelegen, das ihm anvertraute Kunstgut zur rechten Zeit den deutschen Sammlern und Museen wieder zuzuführen. Wann, wie und zu welchem Preis das zu geschehen habe, behält er seiner eigenen Entscheidung vor."Lange nach Möllers Tod macht die Stiftung von dieser Maxime Gebrauch. 1994 erhoben sie und die Tochter Möllers über einen Frankfurter Anwalt Anspruch auf vier Gemälde in der Staatlichen Galerie Moritzburg Halle. Möller hatte sie ihr 1948 zum Kauf angeboten, doch nach der Teilung erfüllte die DDR den Vertrag nicht. Der enteignete Kunsthändler floh nach Düsseldorf, die Bilder blieben in Volkseigentum.In den Verhandlungen mit der Stadt Halle ließ die Stiftung von Anfang an keinen Zweifel daran, daß sie für die Bilder Höchstpreise fordern würde. Sie erzwang sogar die Herausgabe von zwei der strittigen Bilder. Aus öffentlichen Mitteln verschiedener Quellen bezahlte die Stadt zunächst 2,2 Millionen Mark für "Akte im Strandwald" von Ernst Ludwig Kirchner, bekam dafür allerdings die "Barbierstube" von Ernst Heckel geschenkt (wofür Möller 1940 die Summe von 30 Dollar ­ verlangt waren Devisen ­ bezahlt hatte). Vor wenigen Tagen schloß die Stiftung mit der Stadt einen Vertrag ab, der für den "Dom in Halle" von Lyonel Feininger die Kaufsumme von 3,65 Millionen Mark vorsieht. Da die Stiftung aber einen Anteil von 20 Prozent an dem Gemälde weiter behält, waren nur 2,92 Millionen Mark zu zahlen. Die Ferdinand-Möller-Stiftung, in deren Vorstand ein Kunsthändler sitzt, hält auf diese Weise einen Fuß in der Tür einer öffentlichen Einrichtung.