WASHINGTON/ISLAMABAD, 18. September. Eine Auslieferung des mutmaßlichen Terroristenführers Osama Bin Laden reicht den USA offenbar nicht aus, um auf einen Vergeltungsschlag für die Attentate von New York und Washington zu verzichten. "Das Problem ist eindeutig viel größer als Bin Laden", sagte US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld am Dienstag zu Berichten, wonach die Taliban-Führung in Afghanistan Bin Laden unter Umständen ausliefern würde. Er gilt als Drahtzieher der Anschläge in New York und Washington.Bei Gesprächen mit einer pakistanischen Regierungsdelegation sollen die Taliban Bedingungen für eine Ausweisung Bin Ladens in ein anderes Land als die USA gestellt haben, verlautete am Dienstag aus Regierungskreisen in der pakistanischen Hauptstadt Islamabad. Dazu sollen eine internationale Anerkennung des Taliban-Regimes in Kabul und die Aufhebung der UN-Sanktionen gegen Afghanistan gehören. Die Entscheidung über den Entzug der Gastfreundschaft für Bin Laden soll eine Versammlung von mehr als 1 000 afghanischen Religionsgelehrten fällen. Informationsminister Qudrutullah Jamal sagte, Bin Laden könne verantwortlich für die Anschläge den den USA sein, jedoch seien vor einer Auslieferung Beweise nötig. Nach Einschätzung von Experten gilt es jedoch als unwahrscheinlich, dass Bin Laden ausgeliefert wird. Der Beschluss wurde auf Mittwoch verschoben.Der amtierende Taliban-Regierungschef Mullah Mohammed Hasan drohte in der Nacht zu Dienstag, den "Heiligen Krieg" gegen die USA auszurufen: "Wenn Amerika unser Haus angreift, dann müssen alle Moslems, vor allem die Afghaner, einen heiligen Krieg führen. " In Pakistan, das den USA seine Unterstützung zugesichert hatte, demonstrierten am Dienstag Tausende gegen einen möglichen Angriff der USA auf Afghanistan. Die Demonstranten hielten Bilder von Bin Laden hoch und warnten vor neuen Selbstmordanschlägen in den USA. Die US-Regierung kündigte an, einen Teil ihres Botschaftspersonals abzuziehen.An der Grenze zu Pakistan bereiteten sich Zehntausende Afghanen auf eine Flucht vor. Die Vereinten Nationen warnten vor einer humanitären Katastrophe in Afghanistan. Für rund vier Millionen Menschen reiche die Nahrung höchstens noch zwei bis drei Wochen, sagte ein Sprecher des UN-Welternährungsprogramms (WFP) am Dienstag in Genf. Das WFP musste nach eigenen Angaben seine Lieferungen nach Afghanistan einstellen, weil sich keine Fahrer mehr fanden. (po. )Tagesthema S. 2, Politik S. 7 und 8"Wir haben bisher den Fanatismus der Täter unterschätzt. " Geoff Hoon, britischer Verteidigungsminister.AP/JEROME DELAY Flucht aus Afghanistan. Afghanische Flüchtlinge werden unter Bewachung mit Lastwagen von der pakistanischen Grenzstadt Quetta abtransportiert.