BERLIN, im Dezember. Ein großes, mit wenigen Nägeln am schmucklosen Holzrahmen befestigtes Schwarzweißfoto dominiert das Wohnzimmer von Nadja Bunke im 18. Stock eines Hochhauses am Berliner Ostbahnhof. Aufgenommen im Jahre 1964, zeigt es eine attraktive Mittzwanzigerin in Milizuniform. Auf dem schulterlangen, welligen Haar sitzt sehr schräg eine Baskenmütze, um die Lippen spielt der Anflug eines spöttischen Lächelns. "Einige sind nachher uralt geworden wie der Budjonny, der sowjetische Reitergeneral", sagt Nadja Bunke. "Das ist sicher ein besonderes Glück. Aber wer in einen Befreiungskampf zieht wie Tamara, bei dem muß man auch damit rechnen, daß er dabei stirbt."Nadja Bunke hadert nicht mit dem Schicksal. Ihre Tochter ist tot, erschossen am Abend des 31. August 1967 am Vado del Yeso im bolivianischen Dschungel, wo eine Einheit der Armee der kleinen Gruppe von Guerrilleros aufgelauert hatte. Fragen nach dem Sinn ihres Todes wehrt die Mutter ab: "Tamara hat aus ihrem Leben gemacht, was sie daraus machen wollte. Es war ihr Wunsch, unter der Führung von Ernesto Che Guevara am Kampf in Lateinamerika teilzunehmen. Mein Sohn und mein Enkel sind beide mit 32 Jahren Mathematikprofessoren geworden. Und Tamara war eben Revolutionärin." Beruf: Revolutionärin? Für Nadja Bunke, Jahrgang 1911, ist an dieser Vorstellung nichts Außergewöhnliches. Umringt von Stapeln deutscher und spanischsprachiger Bücher und Zeitungen, mit denen sie selbst das Sofa teilen muß, breitet sie ihre Familiengeschichte aus: Vater und Großvater hatten in Rußland gegen den Zaren gekämpft und dafür Verbannung und Exil hinnehmen müssen. Sie selbst und ihr vor vier Jahren verstorbener Mann leisteten im Berlin der Nazizeit Widerstandsarbeit in der Gruppe von Kurt Steffelbauer, ehe sie 1935 nach Argentinien emigrierten. Dort arbeiteten sie in der illegalen kommunistischen Partei mit, bis die Familie 1952 in den Osten Deutschlands zurückkehrte. Keinen Buchstaben geändertHier brachte es Nadja Bunke zur Chefdolmetscherin im Ministerium für Außenhandel und wurde mit 54 Jahren noch im Fernstudium Diplom-Ökonomin. "Eine ganz feste politische Gesinnung, eine fortschrittlichste Gesinnung" habe in Tamaras Elternhaus geherrscht, will die Mutter festgehalten wissen. Bis heute ist sie stolz darauf, daß ihre Tochter wegen politischer Reife ein Jahr früher als andere in die SED aufgenommen wurde. Andere Menschen hätte die Trauer über den Tod eines Kindes möglicherweise in Selbstzweifel gestürzt. Nicht so Nadja Bunke. Von einmal gefaßten Überzeugungen abzurücken steht für sie außerhalb jeder Debatte. Gerade erst hat sie eine Neuauflage des Buches "Tania la Guerrillera" herausgebracht, in dem Freunde und Bekannte den Lebensweg von Tamara nachzeichnen: Die Kindheit in Buenos Aires, die Jugend in der DDR, die Arbeit als Dolmetscherin, bei der sie 1960 auch Che Guevara kennenlernte, die Übersiedlung nach Kuba, die Ausbildung zur Geheimagentin und schließlich das Partisanendasein. Es ist die erste Ausgabe seit der Wende, doch abgesehen von einigen zusätzlich aufgenommenen Dokumenten habe sich kein Buchstabe geändert, betont die Mutter mehrfach. Auch der Schutzumschlag gleiche der damaligen Ausgabe des Militärverlages aufs Haar. "Darauf habe ich Wert gelegt." Den Einwand, die Geschichte sei inzwischen weitergegangen und selbst einstige Kampfgefährten von Che Guevara urteilten heute, daß dessen bolivianisches Abenteuer von vornherein zum Scheitern verurteilt war, wischt Nadja Bunke beiseite. "Das ist allein Ihre Meinung. Der Che hatte große militärische Fähigkeiten bewiesen, Tamara hat ihn bewundert. Warum hätte sie ihm nicht glauben sollen, daß auch in Bolivien die Revolution möglich ist?" Auch den Begriff Abenteurerin will sie für ihre Tochter nicht so stehenlassen. "Schon weil sie eine ganz andere Erziehung genossen hatte."Mit einer Hartnäckigkeit, die Respekt abnötigt, wacht Nadja Bunke über das Bild ihrer Tochter. Wer bei ihr um Informationen nachsucht, muß sich zunächst hochnotpeinlich examinieren lassen. Ob sie dieses Buch über Tamara gelesen, jenen Film gesehen hätten, verlangt sie von ihren Besuchern zu wissen. "Meine Aufgabe als Mutter sehe ich darin, die Wahrheit über meine Tochter zu verbreiten", erklärt sie. Und dabei versteht sie keinen Spaß. Das bekam jüngst der Schriftsteller José A. Friedl Zapata, "dieser Giftling", zu spüren. In einem nicht sonderlich gründlich recherchierten Bändchen hatte er aus Tamara Bunke eine Dreifachagentin der Stasi, des KGB und des kubanischen Geheimdienstes und obendrein noch die Geliebte Che Guevaras gemacht. In ihrer Ehre als Mutter tief getroffen, flog Nadja Bunke mit ihren 86 Jahren nach Moskau, besorgte die notwendigen Dokumente und erwirkte schließlich vor Gericht, daß das Buch zurückgezogen werden mußte. "Beim Verlag hatten sie wohl nicht damit gerechnet, daß ich mich wehren werde. Na, da haben sie sich aber geirrt." Am kommenden Dienstag, mehr als drei Jahrzehnte nach ihrem Tod, werden die Überreste von Tamara Bunke im kubanischen Santa Clara beigesetzt werden, gleich neben den Gebeinen des Che. Zu der Feierstunde hat sich Kubas gesamte Staatsführung angesagt, auch die Mutter ist nach Kuba gereist. Die Suche hat ein Ende"In mir ist eine große Ruhe eingekehrt, seit man sie im September in Bolivien gefunden hat", sagt sie. Nicht zu wissen, wo die Tochter begraben liegt; ständig neue Gerüchte zu hören das habe sie sehr zermürbt, bekennt Nadja Bunke. Und gibt ganz zum Schluß doch noch eine Winzigkeit davon preis, was sie in ihrem Innersten bewegt. "In dem Moment, als ich hörte, daß Tamara getötet wurde bei einem Hinterhalt Stellen Sie sich vor, man hätte sie schon in La Paz entdeckt, wo sie als Kundschafterin tätig war. Und hätte sie in eine Zelle gesperrt und gefoltert oder vergewaltigt. So ist sie im Kampf gefallen, bis zum letzten Moment Schulter an Schulter mit ihren Kameraden. Das ist doch ein anderer Tod."