Um herauszufinden, ob einem ein Roman sympathisch ist, genügt oft schon ein Blick auf die Danksagung am Ende. Angesiedelt zwischen der Fiktion des Textes und der Stilisierung des Autorenfotos, ist die Seite des Dankens der intimste Bereich jedes Buches, die Zone, in der ein Autor privat sein muss, aber doch nicht all zu viel von sich preisgeben will. Nichts kann an einem Buch berührender, aber auch beklemmender sein als diese paar Zeilen, in denen der Leser für kurze Zeit mit den Bedingungen des Schreibens konfrontiert wird. In Tanja Dückers s neuem Roman ist die Danksagung in etwa so lang wie der Abspann zu "Schindlers Liste" und endet folgendermaßen: "Dank auch post mortem an Mozart, Beethoven, Dvorak, Rachmaninow, Strawinsky und Townes Van Zandt - und ante mortem an Johnny Cash, Cowboy Junkies, The Thievery Corporation, Denzel&Huhn, Marie-Cécile Rebes und Jazzbo - ohne ihre Musik wäre die Arbeit an diesem Buch sehr viel beschwerlicher gewesen." In mancher Magisterarbeit hätte sich jetzt noch ein Hinweis auf den Lieblings-Weinbauern gefunden, aber auch so wird klar, dass die Arbeit am Humor ebenfalls recht beschwerlich sein muss. Alles in allem werden neben dem "Deutschen Haus", dem "Baltischen Zentrum", einem College in Pennsylvania, einer Stiftung und dem "feinfühligen Lektorat" 25 Leute aufgezählt, denen "ferner" der Dank der Autorin gilt. "Himmelskörper" selbst gibt es nicht viel billiger als die Danksagung. Eine Familiengeschichte wird verknüpft mit einer tragischen Geschwisterliebe, den Identitätsproblemen von Schwulen und dem Untergang der Wilhelm Gustloff. Dazwischen wird sehr lange über Meteorologie und Wolkenformationen philosophiert (und am Ende einem Richard Hamblyn für sein Buch "Die Erfindung der Wolken" gedankt). All das ist geschrieben im Brustton der Überzeugung, getragen von jenem Pathos manischer Selbstüberschätzung, bei dem man nie weiß, ob man das jetzt als Zumutung empfinden soll oder als Mitleid erregend.Es beginnt damit, dass eine Ich-Erzählerin in den Zug steigt und auf Entdeckungsreise zu sich selbst fährt. Der Leser wird dabei vor nichts verschont, weder vor den Märchen, die der Vater der jungen Frau erzählt hat, noch vor den Eheproblemen der Eltern und schon gar nicht vor den Kriegserlebnissen des Großvaters. Bis es so weit ist und Opa und Oma am Ende als Nazis geoutet werden, geht noch allerlei den Bach hinunter. Die Erzählerin wird von einem Jungen mit Nazi-Vater vor dem Ertrinken gerettet und verliebt sich in ihn. Doch ihr eigener Zwillingsbruder, ein junger Maler, spannt ihr den Freund aus, und sie wird von einem anderen schwanger. Ihr Lieblingsonkel und ihre Mutter bringen sich um, ihre Großmutter wäre, so erfährt man, fast an Bord der torpedierten Wilhelm Gustloff gewesen. Zwar nur fast, aber das hindert die Autorin nicht daran, sich seitenlang in historischen Exkursen zu verlieren, als ginge es um eine Materialsammlung für Guido Knopp (dem am Ende aber nicht gedankt wird).Tanja Dückers schafft es nicht nur, Wiedergekäutes über Dinge zu verbreiten, mit denen sie nichts zu tun hat, sondern auch die Dinge, die jeder kennen müsste, so zu beschreiben, als hätte sie nie etwas Dergleichen erlebt. So liest sich die Beziehung der Erzählerin zu ihrem Bruder und zu ihren Eltern wie aus Fernseh-Soaps und Fünf-Freunde-Büchern zusammengebastelt. Und die Schilderung ihrer - auch das muss ja sein - ersten Menstruation könnte genauso gut von einem Gynäkologen in Ausbildung stammen. Ausgespart wird trotzdem nichts, Banalitäten, Klischees und Halbwissen dürfen gleichberechtigt nebeneinander stehen. "Himmelskörper" ist die Buch gewordene Anmaßung, am eigenen Leben alles interessant und erzählenswert zu finden.Etwa zweimal pro Seite endet ein Satz mit ".", denn wo "Himmelskörper" nicht zum Punkt kommen kann, müssen eben drei Punkte her. Das bringt aber auch keine Geheimnisse in die Handlung, denn Tanja Dückers s Stil ist durchwegs der ersten Assoziation verpflichtet. Der Nazi hört Wagner, die Oma isst Plätzchen, die Mädchen am Schulhof sind Zicken. Ertragen wird "stoisch", Veränderungen sind "dramatisch", fasziniert ist man "vollkommen", und das Pärchen küsst sich "bei Kerzenschein". Wo es um Erinnerungen geht, darf natürlich auch das Proust-Zitat nicht fehlen: Eines Tages isst die Erzählerin einen Lakritz-Bonbon, und da tritt "plötzlich alles" wieder zu Tage, also noch mehr belangloses Zeug. Dazwischen gibt es allerlei Stilblüten: "Jos Gesicht fiel in sich zusammen, es war, als würde man in eine Torte schneiden, sie sah überraschend weich und jung aus." Oder: "In der unendlichen Familie der Tannen hörte ich mein festes Schuhwerk wie die Schritte eines Fremdlings." So geht es mehr als dreihundert Seiten dahin, und daher gilt unser Dank an dieser Stelle: den Lektoren, die in Zukunft hoffentlich etwas weniger feinfühliger sind, den Menschen, die dieses Buch nicht lesen werden, und natürlich Tanja Dückers - ohne sie wäre das Verreißen sehr viel beschwerlicher gewesen.Tanja Dückers: Himmelskörper. Aufbau, Berlin 2003. 319 S. , 16,90 Euro.BERLINER VERLAG Das am 30. Januar 1945 versenkte KdF-Schiff "Wilhelm Gustloff" vom Panzerschiff "Deutschland" gesehen.(KORREKTUR - In der Montagausgabe war auf Seite 15 der Blick von der "Wilhelm Gustloff" auf das Panzerschiff "Deutschland" zu sehen und nicht - wie irrtümlich geschrieben - umgekehrt. - 20.05.2003)