Am Anfang stehen die Männer und Frauen aus dem kleinen spanischen Dorf auf ihren Feldern und säen. Am Ende sind sie zurückgekehrt, um zu ernten und einen Mord zu vergessen. Das ist kein glücklicher Schluß, aber auch keine Tragödie, denn das Leben kann für sie nach dieser Tat zu seiner alten Form zurückfinden."Fuenteovejuna", das Antonio Gades und seine Compa¤ia neben "Carmen" im Schiller Theater zeigen, basiert auf einem Theaterstück von Lope de Vega und erzählt recht nüchtern eine Geschichte aus dem 15. Jahrhundert; aus den Zeiten der Feudalherrschaft und von den Bewohnern Fuenteovejunas, die ihren tyrannischen Kommandanten Gomez (Candy Roman) dafür umbringen, daß er sein Recht der ersten Nacht wahrnimmt. Nachdem er Laurencia (Lola Guzman) von ihrer Hochzeit mit Frondoso (Jos Manuel Huertas) entführt und sein Begehr mit Gewalt vollzogen hat, töten ihn die Dorfbewohner. Ganz ohne zu lamentieren einfach, um ihn, der das Unrecht begangen hat, ein für allemal aus der Welt zu schaffen und sich wieder den Freuden menschlichen Zusammenlebens widmen zu können. Eine Utopie also, wenn man sarkastisch sein will. Als der Richter die Leute von Fuenteovejuna befragt, wer den Mord am Kommandanten begangen habe, da antworten sie "Wir alle!". Damit steht zwingend die Gußform der Choreographie da: Antonio Gades hat bei der Vierecksgeschichte "Carmen" (eine Frau, drei Männer) das Corps den besonderen Leistungen der Solisten unterstellt. Doch "Fuenteovejuna" ist, seinem Thema Gemeinschaft entsprechend, ein bis ins letzte Detail ungeheuer präzises, sich mal temperamentvoll und stark folkloristisch, mal sehr subtil und sogar mit Ballettfiguren entrollendes Glanzstück einer Ensembleleistung. Gades schickt es durch Bewegungsmuster, die so kompliziert herzustellen sind wie feinste Spitze. Dann wieder malt der Regisseur Stilleben für Augenblicke; die Tänzer in ihren Kostümen mit den matten Herbstlaubfarben sind Nuancen einer Palette. Nur einer trägt hier eine Farbe, die heraussticht: Gomez separiert leuchtendes Rot von allen anderen Tönungen. Es ist der seltsame Gegensatz von Stolz und Bescheidenheit, der diese Inszenierung so überragend macht. Der Stolz ist der der Bewohner des kleinen spanischen Dorfes, die ungebeugt die Schande von sich abwenden. Die Bescheidenheit ist das größte Können der Tänzer dieser Compa¤ia, die noch in der kleinsten Geste um Aufrichtigkeit und, immer wieder aufs Neue, um Präzision ringen. Wiederholung am 27.2., Karten: Tel. 311 3111.