NEW YORK. Tara Stiles singt ihre Kommandos mehr, als dass sie sie spricht, sorgsam darauf bedacht, jeglichen Befehlston zu vermeiden. Der Fluss ihrer Anweisungen wogt sanft durch den Raum und geht immer wieder in den Soft-Pop-Klängen aus den Minilautsprechern in der Mitte des Lofts am unteren Broadway unter."Jetzt öffnet ihr eure Hüften zum Halbmond", flötet sie, "ganz entspannt, ganz locker, die Fingerspitzen berühren den Boden, und die Augen gehen nach links an die Decke, und mit der linken Hand versucht ihr, eure Fußspitzen zu greifen - aber wenn ihr das nicht schafft, dann ist das auch okay; ein klein wenig Anstrengung ist das Wichtigste, das bringt euch weiter." Dabei schreitet Stiles barfuß mit bis zu den Knien hochgerollten Jogginghosen und einem lose fallenden T-Shirt durch die Reihen der Gymnastikmatten, welche die karge Etage füllen, kontrolliert ihre rund 40 Schüler, legt angelegentlich Hand an, wo nur ein paar Zentimeter an Dehnbarkeit fehlen, um die Pose zu vollenden. Im Hintergrund läuft Van Morrisons Lied "Sweet Thing".Keine Religion, kein RespektStiles ist kein Guru, keine strenge Vorturnerin, die von ihrer Klasse Perfektion fordert. Die Yoga-Sessions im Studio der 29-jährigen, gertenschlanken Blonden sind eine Dienstleistung, kein Gottesdienst. Der Kunde soll sich am Ende der 90 Minuten wohlfühlen. Ansonsten zählt nichts, schon gar nicht wird irgendwer zu einer Yoga-Philosophie oder einer Weltanschauung bekehrt. "Die Leute brauchen Yoga", sagt sie, "und keinen religiösen Anführer. Viele Yoga-Lehrer hier in New York wollen Sektenführer sein. Das ist nicht hilfreich."Ironischerweise ist Stiles derzeit dabei, genau das zu werden - eine Art Sektenführerin. Ihr Übungsbuch "Slim, Calm, Sexy" war anderthalb Jahre lang das auf Amazon am besten verkaufte Yoga-Buch. Die Trainingsvideos, die sie regelmäßig auf Youtube stellt, werden von bis zu 100000 Besuchern angeklickt, ihr Blog auf dem News-Portal Huffington Post ist ähnlich erfolgreich. Die 40 Stunden, die sie wöchentlich in ihrem Studio Strala mit einer Handvoll Angestellter gibt, sind regelmäßig ausgebucht und kosten pro Teilnehmer pauschal zehn Dollar.Ihren Kultstatus bezieht das ehemalige Model, das heute kategorisch jegliches Make-Up ablehnt, aus ihrer Respektlosigkeit gegenüber dem Yoga-Establishment. So ist ihr Bestseller im Kern eine Anleitung, wie man 15 Minuten Yoga in einen hektischen Alltag zwängen kann, dabei abnimmt, sein Intimleben aufpeppt und ausgeglichener wird. Von einer spirituellen Reise oder Ähnlichem ist keine Rede.Stiles instrumentalisiert Yoga hemmungslos, sie macht die indische Heilsgymnastik den Bedürfnissen des modernen amerikanischen Großstadtmenschen gefügig. Ihre populärsten Videos auf Youtube sind "Yoga gegen den Kater" und "Yoga auf dem Sofa". Chaturangas sind bei ihr einfach nur Liegestütze, das Ziel dabei ist unverhohlen eine besser definierte Oberkörpermuskulatur. Die Einheit von Körper und Geist soll dabei zwar auch erreicht werden, aber eher als Nebenwirkung denn als Trainingsziel. Stiles will aus ihren Kunden nicht bessere Menschen formen, sondern nur ihr Leben ein wenig besser machen. So macht sie auch keine Anstalten, den Trainingscharakter ihre Stunde, programmatisch "Strong" genannt, zu verbergen. Abnehmen, schöner sein, sich sexy fühlen, das kommt nicht vom Meditieren allein, sondern davon, bestimmte Bewegungsabfolgen zu wiederholen."Wir gehen in den 'Herabschauenden Hund'", kündigt Tara nun an. Womit gemeint ist, dass man den Körper im Vierfüßerstand wie ein umgekehrtes V ausrichtet. Es folgt der "Heraufschauende Hund", bei dem man auf dem Bauch liegt und mit in den Boden gestemmten Armen den Oberkörper anhebt. Danach kommt der "Gedrehte Halbmond", eine wackelige Haltung, bei der alle Muskeln im Körper vor Anstrengung zittern: Tara Stiles' Eleven stehen auf einem Bein, neigen sich in eine seitliche geöffnete Standwaage, die mit Wechseln des Stützarms noch in die andere Richtung verdreht wird.Danach geht die Sequenz von vorne los, so lange, bis sie sitzt. Der Schweiß tropft auf die Matte, es geht ein Stöhnen und Ächzen durchs Loft. Taras beschwichtigender Singsang beginnt, wie Hohn zu klingen: "Ein klein wenig Anstrengung bringt dich sehr weit..."Tara Stiles kommt aus einer Kleinstadt im mittleren Westen, sie entdeckte Yoga während ihres Ballett-Studiums in Chicago. Doch die Tänzerinnenkarriere endete, als sie von der Bühne weg von einer Modelagentur angeheuert wurde. Übrig blieb Yoga als Mittel, um sich für lange Fotosessions fit zu halten.Bald brachte der Modeljob Stiles nach New York, in die US-Hauptstadt der Mode und der Werbung. Das war vor zehn Jahren, sie war gerade 20 und fühlte sich wie in einem Traum: Sie wurde auf die besten Partys eingeladen, ging in schicke Nachtclubs, wurde in die New Yorker Society eingeführt - ganz so wie Carrie Bradshaw und deren "Sex And the City"-Freundinnen. Doch wie so oft ist das, was man sich wünscht, in der Realität anders, als man es sich vorgestellt hat. Das Einzige, was bei ihr gegen dieses Gefühl der Leere half, war Yoga. Sie begann zu unterrichten, hielt Stunden in ihrem Wohnzimmer ab, gab gestressten Managern für 200 Dollar Privatunterricht. Auf eine spirituelle Reise wollte sie schon damals niemanden schicken. Yoga sollte für ihre Kunden das sein, was es für sie auch war: eine Hilfe, den Alltag besser zu bewältigen, sich wohler zu fühlen. Nicht mehr und nicht weniger.Natürlich ist Tara Stiles nicht die erste, die Yoga in Amerika auf seine Workout-Funktion reduziert. Schon in den 80er-Jahren benutzte die erste Generation der Yuppies Yoga, um sich für den Kampf um Ruhm und Geld in den Führungsetagen zu stählen. Mit der Esoterik ihrer Hippie-Eltern, die Yoga als Gegenentwurf zum entseelten westlichen Denken entdeckt hatten, konnten sie nichts anfangen. Aber genauso, wie sie auf dem Weg zur Wall Street auf ihrem Walkman Grateful Dead hörten, übernahmen sie auch Yoga. Der Utopismus der 60er-Jahre war tot, die Gegenkultur wurde vom Mainstream vereinnahmt.Laut Stefanie Syman, Autorin des Buches "The Story of Yoga in America", verlor das entspiritualisierte Yoga im Verlauf der 80er- und 90er- Jahre dann aber gegenüber anderen Fitness-Trends wie Aerobic wieder an Boden. Erst Ende der Neunziger gelang Yoga dann das Comeback.Im zweiten Anlauf eroberte Yoga jedoch die USA und von da aus den Rest der westlichen Welt. 15 Millionen Amerikaner sind heute praktizierende Yogis, weitere 25 Millionen geben an, dass sie Yoga innerhalb des nächsten Jahres einmal ausprobieren möchten. Prominente von Sting über Lindsay Lohan bis Oprah Winfrey üben eifrig, die Yoga-Industrie ist eine Multimilliarden-Dollar-Branche mit Produkten von Videos und Büchern bis hin zu Yoga-Kreuzfahrten durch die Karibik.Yoga ist in den USA zum Statussymbol einer bestimmten Schicht geworden - der gut situierten, oberen Mittelklasse, die meist in kreativen Berufen arbeitet und sich in gentrifizierten Nachbarschaften im ganzen Land breitmacht. Überall, wo sie hinkommt, ob nach Brooklyn oder nach Austin in Texas, entsteht dieselbe Infrastruktur: Cappuccino-Bars, Bioläden, gehobene Restaurants und eben Yoga-Studios.Doch trotz dieser offenkundigen Kommerzialisierung und Verwestlichung von Yoga ist die Community noch überaus sensibel, wenn Leute wie Tara Stiles die Dinge beim Namen nennen. So schreibt die Bloggerin Jennilyn Carson alias Yogadork zu Tara Stiles: "Ernsthafte Praktiker sehen das, was Tara Stiles macht, als Respektlosigkeit. Man macht Yoga nicht ein paar Minuten am Tag, es ist nicht Fitness, es ist eine Lebenseinstellung."Die Tatsache, dass Yoga längst eine durchorganisierte Massenbewegung ist, stört die ernsthaften Yogis in ihrem spirituellen Kern allerdings nicht. Im Gegenteil. "Amerika hat das Fitness-Studio und die Kirche zusammengelegt", schreibt Hanna Rosin in der Monatszeitschrift Atlantic. Yoga, so Rosin, sei die perfekte Lösung für das amerikanische Temperament, das einerseits überaus ungeduldig ist, aber andererseits ein tiefes Bedürfnis nach metaphysischer Beheimatung hat. "In älteren Religionen muss die Erlösung bis nach dem Tod warten", befindet sie. "Beim Yoga kommt sie gleich nach der Unterrichtsstunde."Metaphysik und PatriotismusKulturkritiker sehen sogar eine noch tiefere historische Affinität zwischen Yoga und dem amerikanischen Nationalcharakter. So weist Robert Love in seinem Buch "The Great Oom" darauf hin, dass schon im 19. Jahrhundert amerikanische Romantiker wie Ralph Waldo Emerson vom Hinduismus und von Yoga fasziniert waren. Die Yoga-Philosophie, wonach der Einzelne einen göttlichen Funken in sich trage und dazu Meditation und meditative Übungen Kontakt herstellen könne - das entsprach nur zu gut der Ideologie, dass Amerika ein auserwähltes Volk sei, dem es aufgetragen wurde, ein Paradies auf Erden zu errichten, indem es das volle Potenzial des von Gott gesandten Individuums entfaltet.Immer mehr Angehörige von Tara Stiles' Generation haben zu all diesem metaphysisch-patriotischen Überbau jedoch keinerlei Bezug. So findet sich auf der New Yorker Lower East Side, dicht beim Strala-Studio, ein Laden mit dem Namen "Fuck Yoga". Dort gibt es T-Shirts mit dem entsprechenden Aufdruck, Kaffeetassen und Radkuriertaschen. Yoga-Kurse werden dort allerdings auch angeboten, nur eben völlig ideologiefrei - so wie bei Tara. "Yoga ist super, es macht dich schön und gesund und all das, aber, verstehst du, es ist einfach zu viel", sagt der Ladenbesitzer Barnaby Harris.Bei Strala geht derweil die Session langsam zu Ende. Die Scheiben sind vom ausgedünsteten Schweiß beschlagen, die einzige Kerze im Raum flackert schwächelnd im Fenster. Die Teilnehmer liegen in Shavasana, der "Leichen-Haltung", auf dem Rücken, nehmen zehn ruhige, tiefe Atemzüge, bevor sie gelöst lachend und plaudernd in den Umkleidekabinen verschwinden.Auf dem Weg hinaus in die hektische, lärmende Stadt verabschiedet Tara jeden Einzelnen mit einem Händedruck. "Du bist das genaue Gegenteil eines Yoga-Nazis", sagt ihr ein Kunde, ein asiatischer Mittzwanziger. Tara nimmt das Kompliment still hin und strahlt.------------------------------Foto: Tara Stiles hält ihr Yoga frei von Sektierertum.Foto: In New York wird die Sommersonnenwende mit Yoga begangen - von Tausenden auf dem Times Square.