BERLIN. Fassungslos ist die Frau aus Bayern, als sie einen Abmahn-Brief erhält: Eine Kanzlei beschuldigt die 36-Jährige, einen Pornofilm mit dem Titel "Ohne Höschen Vol. 19" in einer Internet-Tauschbörse illegal verbreitet haben. Auf 30000 Euro legt die Kanzlei aus Baden-Württemberg den Streitwert fest - und bietet an, auf einen Rechtsstreit zu verzichten, wenn die Frau pauschal 650 Euro zahle. Die Abgemahnte beharrt auf ihrer Unschuld. Sie wendet sich an die Polizei, die sie zu Kriminalhauptkommissar Wolfgang Müller, Abteilung K 7 Computerforensik der Kripo Aschaffenburg vermittelt. Müllers Team untersucht den Rechner der Frau. Am Tattag war der Rechner nicht eingeschaltet und auf dem Rechner war nie eine Tauschbörsensoftware installiert, sagt Müller. Auch Fremde hätten keinen Zugang gehabt. Die Drahtlosfunktion sei abgeschaltet gewesen.Die Kriminalpolizei Aschaffenburg leitet daraufhin Ermittlungen gegen die Kanzlei ein wegen des Verdachts des Betrugs. Andere Betroffene haben die Kanzlei bei der Staatsanwaltschaft Karlsruhe angezeigt. Doch die Ermittlungen werden eingestellt, denn die Kanzlei kann nachweisen, dass sie sich die Daten der Betroffenen legal per Gerichtsbeschluss beschafft hat.Pro Monat 190000 IP-AdressenDie Kanzlei ist Teil der in den vergangenen Jahren gewachsenen Abmahnindustrie aus Anwälten und Firmen, die darauf spezialisiert sind, Urheberrechtsverletzungen im Internet zu verfolgen. Ein ganzer Geschäftszweig ist so entstanden. Firmen ermitteln die Computer-Adressen (IP) der Internetnutzer, dann beantragen die Anwälte mit Hilfe von Gerichten bei den Providern wie zum Beispiel der Telekom die Herausgabe der Daten. Und das massenhaft: "Wir sichern im Schnitt 200 000 IP-Adressen pro Monat und geben etwa 190 000 Adressen heraus", sagte eine Telekom-Sprecherin. "Wir haben die gesetzliche Verpflichtung und kommen dieser nach." Rund 2,4 Millionen Adressen müsse man jährlich auf diese Weise herausgeben, sagte die Sprecherin.Die Telekom erhalte jeden Monat Sicherungsanordnungen der Gerichte, die jeweils Tausende IP-Adressen umfassten. Die Anordnungen verpflichten die Telekom zunächst nur dazu, die Daten länger als sieben Tage aufzubewahren. Man suche die entsprechenden Adressen heraus und stelle Dateien her, die auf CDs gebrannt würden, so die Sprecherin. Während das Gericht prüfe, ob die Adress-Daten herausgegeben werden müssen, "verwahren wir diese Dateien in einem Panzerschrank". Doch in der Regel müsse die Telekom auf Geheiß des Gerichts 90 Prozent der gesicherten Daten herausgeben.Die Anwälte der Rechteinhaber von Musiktiteln, Filmen oder anderen urheberrechtlich geschützten Werken bekommen dann von der Telekom die CDs mit Adress-Daten zugeschickt. Erst mit diesen Daten können die Anwälte die Abmahnschreiben erstellen - und Tausende Internetnutzer erhalten höchst unangenehme Post.Inzwischen gibt es so viele Verfahren gegen Internetnutzer, dass beim für die Telekom zuständigen Kölner Landgericht zehn zusätzliche Richter eingestellt werden mussten. "Wir haben momentan rund 1000 Verfahren pro Monat", sagt der Sprecher des Gerichts, Dirk Eßer. Jedes dieser Verfahren umfasse mehrere Hundert, oft Tausende Adressen. "Es geht also um Hunderttausende Betroffene pro Monat", sagt Eßer. Das belaste das Gericht sehr. "Aber der Gesetzgeber hat uns das vorgeschrieben und wir müssen das umsetzen", sagt Eßer.Es mehren sich jedoch auch Hinweise, dass Viele zu Unrecht abgemahnt worden sind. Der Schwachpunkt liegt laut Experten in der Ermittlung der IP-Adressen. Nicht immer arbeitet die Software der IP-Ermittler-Firmen zuverlässig, sagt Kommissar Müller. In einem Beschluss des Landgerichts Köln heißt es, dass in einzelnen Verfahren deutlich über fünfzig Prozent der ermittelten IP-Adressen gar nicht zuzuordnen waren, in einem anderen Verfahren waren es sogar mehr als neunzig Prozent.Arbeitet die Spezialsoftware ungenau, wird schlimmstenfalls ein unschuldiger Benutzer als gesetzwidriger Urheberrechts-Verletzer identifiziert. Anwalt Alexander Wachs hat sich auf die Verteidigung der Internetnutzer spezialisiert. Er schätzt, dass diese Fehlerquote durchschnittlich bei acht bis zehn Prozent liegt. Stimmt das, wären massenhaft Bürger zu Unrecht abgemahnt worden. Wachs schätzt die Zahl der zu Unrecht Abgemahnten auf mehr als Hunderttausend.Unschuldig Abgemahnte haben kaum Chancen, sich zu wehren, sagt Hauptkommissar Müller. Denn anders als in einem strafrechtlichen Verfahren, in dem dem Verdächtigen die Schuld nachgewiesen werden muss, muss der Abgemahnte in einem zivilrechtlichen Verfahren selbst seine Unschuld beweisen. Und das sei praktisch unmöglich, sagt Müller. Kein Gutachter könne mit hundertprozentiger Sicherheit beweisen, dass die Abmahn-Anwälte falsch liegen.In der Hotline der Computerfachzeitschrift C'T nehmen die Hilferufe von Nutzern zu, die ihre Unschuld beteuern. "Oft mit glaubhaften Indizien", sagt C'T-Redakteur Holger Bleich, bei dem die Anrufer landen. Auch er ist überzeugt, dass es bei der Ermittlung der IP-Adressen immer wieder zu Fehlern kommt. Er hat selbst eine Software untersucht, die von IP-Ermittler-Firmen eingesetzt wird. Äußerst ungenau sei sie gewesen, so sein Urteil.Branchenkenner verwundert das nicht. Mehrere IP-Ermittler-Firmen konkurrieren um Aufträge, werben auf Messen etwa bei Musikfirmen oder Pornofilm-Herstellern um Kunden. Unter den Unternehmen herrscht ein Preiskampf, berichtet ein Insider. Bei Messen sei es schon zu tumultartigen Szenen gekommen, bei denen verschiedene Firmen damit werben, am günstigsten an IP-Adressen von Tauschbörsennutzern heranzukommen. Kampfpreise liegen inzwischen bei 20 bis 30 Euro für eine ermittelte IP-Adresse, andere Firmen verlangen 50 Euro und mehr, sagt ein Branchenkenner. Ein Preiskampf, der auf Kosten der ermittelten Daten geht, befürchtet Rechtsanwalt Wachs.Inzwischen schlagen auch Verbraucherschützer Alarm. Lina Ehrig, Referentin für Telekommunikation beim Bundesverband der Verbraucherzentralen, kennt Betroffene zuhauf. Neben eventuell berechtigten Forderungen gebe es auch viele missbräuchliche Abmahnungen, sagt Ehrig. "Viele Verbraucher werden mit horrenden Rechtsanwaltsgebühren konfrontiert." Oftmals würden dann Vergleichsangebote gemacht, die bei der Hälfte der verlangten Summe lägen. "Das ist rechtswidrig", sagt Ehrig. Die gesetzliche Deckelung für Gebühren bei Abmahnungen liege bei einfachen Fällen bei 100 Euro. Doch spezialisierte Kanzleien hätten im Abmahn-Geschäft eine lukrative Einnahmequelle entdeckt und konstruierten aus jedem banalen Verstoß einen schweren Fall von Internetkriminalität. "Bei vielen Abmahnungen wird übertrieben", sagt Ehrig. "Das sind keine verhältnismäßigen Kosten mehr."Oft lägen allein die Anwaltsgebühren bei 2000 bis 5000 Euro. "Das ist unverhältnismäßig", so Ehrig. "Es ist zu einem Massengeschäft von Anwälten geworden." Hinzu kämen Schadenersatzforderungen. "Neulich haben wir Eltern beraten, die rund 300 000 Euro Schadenersatz zahlen sollten, weil der Sohn Musikdateien heruntergeladen hatte", sagt Ehrig. Die Erfahrung der Verbraucherschützer: "Oft zahlen die Leute aus Angst vor noch höheren Kosten." Man beobachte eine massenhafte Kriminalisierung von Verbrauchern, kritisiert Ehrig. Um dieses Phänomen zu stoppen, müssten das Urheberrechtsgesetz modifiziert und die Anwaltsgebühren begrenzt werden.Datenschutzbeauftragter kritischAuch nach Ansicht des Bundesbeauftragten für Datenschutz, Peter Schaar, ist die "heimliche Erhebung der IP-Adressen von Tauschbörsenteilnehmern mit dem Ziel der anschließenden zweckfremden Verwendung dieser Daten" klärungsbedürftig. Musik- und Filmindustrie müssten sich fragen, ob ihre Mittel verhältnismäßig seien, ob das Fernmeldegeheimnis und andere Verfassungsgüter gewahrt bleiben. Die massenhafte Erhebung der Daten sei jedenfalls nicht verhältnismäßig, sagte eine Sprecherin des Bundesdatenschützers. Man habe mittlerweile "deutliche Zweifel an der datenschutzrechtlichen Zulässigkeit einer solchen Praxis".Zweifel, die der Frau aus Bayern wohl nicht helfen werden, sollte es zum Verfahren kommen. Dann will der Kriminalhauptkommissar ihr als Gutachter bereitstehen. Doch ihre Unschuld beweisen kann auch er nicht. Das kann niemand.------------------------------2,9 Millionen Musikpiraten4,5 Millionen Deutsche versorgen sich via Internet mit Musik, Filmen, Spielen und (Hör-) Büchern aus unlizenzierten Quellen. Zu diesem Schluss kommt die "Brennerstudie 2010" des Bundesverbands derMusikindustrie. Dafür wurden 10000 Deutsche ab zehn Jahren befragt.Musik wird demnach am häufigsten im Netz heruntergeladen: 2,9 Millionen Menschen haben sich im Jahr 2009 illegal Songs über das Internet besorgt; das ist im Vergleich zum Vorjahr ein deutlicher Rückgang: 2008 hat der Verband noch 3,8 Millionen Musikdiebe ausgemacht. Die Zahl der illegalen Musikdownloads sank im gleichen Zeitraum von 316 Millionen auf 258 Millionen. Der Musikindustrie-Bundesverband führt das auch auf verstärkte Abmahnungen zurück.Zur Schadenshöhe sagt der Verband, dass die heruntergeladene oder kopierte Musik nach Endverbraucherpreisen einen Wert von rund vier Milliarden Euro gehabt hat.Internet-Tauschbörsen sind der Studie zufolge besonders bei Männern zwischen 20 und 29 Jahren beliebt; jeder Vierte dieser Altersgruppe betreibe Filesharing. (ost.)------------------------------Grafik: Aus dem Internet heruntergeladene SongsGrafik: Personen, die legal / illegal Musik aus dem Internet ladenFoto: Per Mausklick zum Kriminellen. Tauschbörsen-Benutzer werden massenhaft abgemahnt. Dabei ist es umstritten, ob Filesharing illegal ist oder nicht.