NEU DELHI, 31. Oktober. Ein paar einsame Sonnenstrahlen, die am Sonntagmittag endlich durch die dicke Wolkendecke über dem indischen Bundesstaat Orissa drangen, stellten den ersten Lichtblick nach 48 Stunden Regenflut und Sturm dar. Am Freitagnachmittag lokaler Zeit war ein Zyklon mit Windgeschwindigkeiten von bis zu 260 Stundenkilometern über die Hafenstadt Paradip hinweggefegt. Die Meteorologen des Landes nennen ihn einen "Superzyklon". Er hat das Gebiet an der Ostküste Indiens auf einer Länge von etwa 300 Kilometern verwüstet. "Es muss Tausende von Toten gegeben haben," fürchtete Girdhar Gamang, der Ministerpräsident des Bundesstaats, am Sonntagmorgen. 1,5 Millionen Menschen verloren nach Angaben der indischen Regierung ihr Heim, 250 000 Häuser und Hütten sollen zerstört worden sein. "Der Wind hat Wände einfach umgedrückt," berichtete ein Mann im Büro des Ministerpräsidenten am Telefon. Kein Strom, kein WasserDoch die Regierungsangaben sind reine Vermutungen. Denn der Sturm wütete so schlimm, dass 48 Stunden nach Einbruch der Naturkatastrophe immer noch fast nichts über seine Auswirkungen bekannt ist. Deshalb gab es auch am Sonntagabend noch keine verlässlichen Angaben über die Zahl der Verletzten und Toten. Bekannt ist nur, dass der Zyklon die komplette Infrastruktur zerstörte. "Es gibt keinen Strom und kein Trinkwasser," sagte ein Beamter in Indiens Hauptstadt Neu Delhi. Ein Satellitentelefon und drei in aller Eile zusammengeflickte Landleitungen stellten am Sonntag die einzige Verbindung des 35 Millionen Einwohner zählenden Bundesstaats Orissa zur Außenwelt dar. Die Straßen sind von umgestürzten Bäumen blockiert. Eisenbahnschienen wurden vom Regen weggespült. Die Flughäfen sind außer Betrieb alle Radareinrichtungen und Sprechfunkeinrichtungen sind weggefegt. Wegen des schlechten Wetters mussten Hubschrauber umkehren, mit deren Hilfe Indiens Streitkräfte sich ein erstes Bild von der Lage machen wollten. Selbst zu normalen Zeiten sind Ortschaften in Teilen der betroffenen Region Orissa nur nach mehrstündigen Fußmärschen zu erreichen.Bis zu zehn Meter hoch waren die Flutwellen, die der Jahrhundertsturm über die Küste schob. "Wir wissen nicht, ob die Hafenstadt Paradip noch existiert," erklärte ein Beamter in Orissa. Am Sonntag stand immer noch ein 15 Kilometer breiter Landstrich hinter der Hafenstadt Ort, 150 Kilometer nördlich der Bundesstaatshauptstadt Bubaneshwar, unter Wasser. 400 Fischer wurden mit ihren Booten noch vermisst; außerdem sank vor der Küste ein mit Stahl beladener Frachter. Die 23-köpfige Besatzung konnte von einem anderen Schiff gerettet werden.Die Verwüstungen sorgten dafür, dass erst am Sonntagnachmittag die erste Hilfe anrollen konnte. Meter für Meter mussten sich Pioniere der indischen Streitkräfte sprichwörtlich durch Straßen "durchsägen", die von umgestürzten Bäumen bedeckt waren, um den 5 000 zur Nothilfe nach Orissa beorderten Soldaten einen Weg zu bahnen.Doch die Hilfe kommt offenbar zu spät, um die Verzweiflung vieler Überlebender zu zähmen. Auf der gerade geräumten Straße zwischen Bubaneshwar und dem 25 Kilometer entfernten Ort Cuttack stoppten mit Stöcken bewaffnete Dorfbewohner vorbeifahrende Autos und plünderten Kartoffeln, Weizen und Mehl. Auch Geschäfte wurden ausgeraubt. In Bubaneshwar bildete sich sofort eine drei Kilometer lange Warteschlange, nachdem eine Tankstelle begann, Diesel für Generatoren zu verkaufen. Prasanna Kumar Hota, Verwaltungschef von Orissa, appellierte an das Ausland: "Wir rufen alle internationalen und privaten Organisationen zur Hilfe für die Opfer dieser beispiellosen menschlichen Tragödie auf." Späte EvakuierungEin weitaus schwächerer Zyklon hatte 1977 im benachbarten Bundesstaat Andhra Pradesh 10 000 Menschenleben gefordert. 1991 kamen in Bangladesch, das wie Orissa an der häufig von Zyklonen heimgesuchten Bucht von Bengalen liegt, sogar 120 000 Menschen ums Leben, als nach einem Zyklon eine riesige Flutwelle über die Küste hinwegraste.Orissas Behörden hatten erst am Donnerstag mit Evakuierungen begonnen weniger als 24 Stunden, bevor der Superzyklon die Küste erreichte. Viele der Bewohner von Inseln und tief gelegenen Küstenstrichen dürften von der Katastrophe überrascht worden sein. In einem Land, in dem rund 400 Millionen Menschen weniger als einen US-Dollar pro Tag verdienen, können sich viele weder TV-Geräte noch Radios leisten. Die Regierung konnte sie deshalb kaum mit Warnungen erreichen. Subash Gupta vom Roten Kreuz kritisierte außerdem: "Die Verlautbarungen waren so kompliziert, dass selbst Leute mit gehobener Erziehung Probleme hatten, die Warnungen zu verstehen."ZYKLON Tropische Wirbelstürme // In den Tropen werden Wirbelstürme Zyklon, Hurrikan oder Taifun genannt. Sie entstehen immer über großen, warmen Meeresflächen.Ihr Durchmesser kann 500 bis 1 000 Kilometer betragen. Im Auge des Wirbelsturmes (Durchmesser bei 20 bis 40 Kilometer) herrscht Windstille.Der Grund: Im Zentrum sinken die Luftbewegungen ab, während sie sich im äußeren Ringbereich aufwärts bewegen. Dort werden Geschwindigkeiten von bis zu 400 Stundenkilometern erreicht.Zyklone kommen in einem Gürtel rund acht bis zwölf Grad nördlich oder südlich des Äquators vor.Die Erdrotation ist dort stark genug, um Wirbel auszubilden; das Meerwasser muss mindestens 27 Grad warm sein. Schwere Wolkengebilde steigen in einem Ring in die Höhe, reißen von der Meeresoberfläche Luft und Wassertropfen nach oben. In wenigen Stunden stürzen bis zu 1 000 Liter Niederschläge pro Quadratmeter herab.Von dem Wirbelsturm im Osten Indiens war der Bundesstaat Orissa besonders betroffen. Es gab dort möglicherweise mehrere tausend Tote.