Stockholm, Hammarby-Kanal, Kaiplatz 130. Ein heruntergekommener Lastkahn verrottet am Pier, Bagger rattern auf der nahen Baustelle, ein moderner Wohnkomplex erhebt sich dort, wo noch vor wenigen Jahren alte Lagerhallen standen.Mitte der achtziger Jahre hatten die Hafenanlagen am Hammarby-Kanal, der die Ostsee mit den schwedischen Binnenseen verbindet, längst an Bedeutung verloren. Statt dessen beherrschten Drogendealer und Schmuggler die Szene, in dunklen Speichern stapelten sich anonyme Kisten, kleine Frachter wurden des Nachts für ihre Fahrt über die Ostsee beladen. "Es war kein Ort, wo man sich nach acht Uhr abends gefahrlos aufhalten konnte", erinnert sich ein Stockholmer Journalist, "eine finstere Gegend."Ab und zu trainierten Taucher des schwedischen Küstenschutzes in den trüben Wassern des Kanals. So auch am Abend des 30. Mai 1985. Um 20.40 Uhr meldet ein Taucher, er habe soeben unter Wasser das Wrack eines Autos entdeckt. Zweieinhalb Stunden später hebt ein Kran das Fahrzeug aus dem Kanal. Erst auf dem Abschleppwagen bemerken die Arbeiter, daß zwei Leichen im Fond sitzen: die schwedische Fernsehreporterin Cats Falk und ihre Freundin Lena Graens. In der Nacht auf den 19. November 1984 waren die beiden Frauen nach einem Restaurantbesuch verschwunden. Eine großangelegte Suchaktion der Polizei, eine der größten in der Geschichte Stockholms, lief an. Dabei hatten sich schon bald zwei Anrufer bei den Eltern der Vermißten gemeldet und erzählt, in der "Szene" werde von einem Mordanschlag am Hammarby-Kanal gegen zwei Frauen erzählt. Doch die Suche, bei der auch Taucher eingesetzt werden, blieb erfolglos - bis zu jenem Zufallsfund im Mai '85.Die Polizei schloß nach einigen Monaten Ermittlungsarbeit den Fall ab: Tod durch Unfall. Cats Falk habe ihrer Freundin am menschenleeren Kai Fahrunterricht geben wollen und sei dabei in den Kanal gefahren.Die Akten im Zentralregister des "Stockholms Polisdistrikt" lassen Zweifel an dieser Version entstehen. Denn die Spuren, die zu jenem Auto im Hammarby-Kanal führen, sind nie zu Ende verfolgt worden.Diese Spuren führen auch zu dem Kieler High-Tech-Schieber Richard Müller, der sich Ende 1983 hinter den Eisernen Vorhang nach Ost-Berlin abgesetzt hatte. Mit seiner Flucht entwischte er den bundesdeutschen Behörden, die auf Druck der Amerikaner Ende 1983 einen Haftbefehl gegen Müller erlassen hatten, nachdem sie jahrelang stillschweigend seine Schmuggelgeschäfte geduldet hatten.Doch auch in Südafrika, wo der Kieler Geschäftsmann seine Firma Optronix unterhielt, war Müller in jenem Jahr in Schwierigkeiten gekommen. Sein Freund Dieter Felix Gerhardt, Werftkommandant der Marinebasis Simonstown, war als KGB-"Superspion" aufgeflogen. Seit 1962 hatten er und seine Frau Ruth geheime Informationen unter anderem über die südafrikanische Verteidigungsbereitschaft sowie das Waffenentwicklungs- und -beschaffungsprogramm nach Moskau geliefert - beiden drohte damit die Todesstrafe. Müller, von dem man am Kap wußte, daß er Beziehungen nach Moskau unterhält, war damit der Rückzug auf sein Weingut Buitenverwachting nahe Kapstadt abgeschnitten.Doch die "Eiszeit" zwischen Müller und den südafrikanischen Sicherheitsbehörden währte nicht lange. Möglicherweise, weil Richard Müller als "Wiedergutmachung" seine Hilfe bei dem U-Boot-Deal zwischen der Kieler HDW-Werft und Kapstadt angeboten und den Transport von U-Boot-Komponenten organisiert hatte. Wurde mit dieser "Zusammenarbeit" die Spionageaffäre um Richard Müller und seinen Freund Dieter Gehrhardt im Interesse aller Beteiligten aus der Welt geschafft?Es wäre nicht das erste Mal, daß Müller großen Konzernen bei der Umgehung der restriktiven CoCom-Bestimmungen ausgeholfen hätte. Anfang der achtziger Jahre hatte der schwedische Industriekonzern ASEA Stahlwerke in das sowjetische Kursk und in die CSSR geliefert. Aus dem Vertrag wurden offiziell die Computersteuerungen der Anlagen herausgenommen - sie standen auf der von den USA eifersüchtig überwachten CoCom-Liste. Diskret ließ ASEA die Rechneranlagen aber doch in den Osten liefern - über Müller und seinen schwedischen Partner Sven-Olof Haakansson. Damit war das 100-Millionen-Mark-Geschäft gesichert. Für die Tricks und Bandagen, mit denen auf dem internationalen Technologiemarkt gekämpft wurde, interessierte sich im Herbst 1984 die schwedische Fernsehjournalistin Cats Falk. Sie recherchierte für einen Filmbericht, auf welchem Wege Computer und Rechneranlagen, die auf der CoCom-Liste stehen, via Stockholm in den Osten gelangen. Dabei untersuchte sie auch die Verbindungen zwischen Kiel und Stockholm, zwischen Müller und seinem schwedischen Partner Haakansson.Ungeklärt ist bis heute, was Cats Falk bei ihren Recherchen tatsächlich entdeckt hatte. In den Stockholmer Polizeiakten findet sich neben Aufzeichnungen über Müller, Haakansson und deren Firmen Fannyudde und Isotronic lediglich die Notiz eines Kriminalinspektors Skoglund, wonach sich die Journalistin einen Monat vor ihrem Verschwinden einer Freundin "geradezu euphorisch" anvertraut habe: Sie hätte endlich etwas aufgedeckt, was noch kein Journalist vorher gefunden habe.Davon hatten möglicherweise auch noch andere Kreise Wind bekommen. Tatsache ist, daß Cats Falk kurz vor ihrem Verschwinden mit einem amerikanischen Fernseh-Team zusammentraf, das den Kontakt zu ihr gesucht hatte. Dieses TV-Team blieb später unauffindbar. Ein Stockholmer Ermittlungsbeamter, der sich für die Amerikaner interessierte, notierte nach der Befragung eines anonymen Zeugen: "Von Quelle wird angedeutet, daß TV-Leute eine ,doppelte Funktion` haben." Im Klartext: Es ist nicht auszuschließen, daß die Fernsehkollegen aus Übersee für einen Geheimdienst arbeiteten.Kamen Cats Falk und ihre Freundin Lena Graens Geheimdiensten in die Quere, störten sie die Kreise international operierender Waffen- und Technologieschmuggler? In einem vor zwei Jahren offenbar von ehemaligen Stasi-Leuten verfaßten Papier wird dieser Verdacht genährt. Der Tod der beiden Frauen wird dabei in eine nicht näher erläuterte "Rostock-Kiel-Stockholm-Connection" eingeordnet, zu der neben der Kieler HDW auch der schwedische Rüstungskonzern Bofors gehören soll. Erwähnt werden in diesem Zusammenhang auch bislang unbekannte Besuche Uwe Barschels in Rostock in den Jahren 1982 und 1985.Den Hinweisen auf eine Verbindung Kiel-Rostock-Stockholm sind die deutschen Ermittler bislang noch nicht nachgegangen. Im Gegensatz zur schwedischen Staatsanwaltschaft, die nach der Wende in der DDR die Rüstungsgeschäfte des Bofors-Konzerns unter Einbeziehung der KoKo-Waffenhandelsfirma IMES aufklären wollte. Ihrem 1990 geäußerten Wunsch, dazu den in die Bundesrepublik geflohenen KoKo-Chef Alexander Schalck-Golodkowski zu befragen, lehnten die Deutschen jedoch ab. +++