In der Fünfeinhalb-Zimmer-Wohnung ist es still. Nur ein leises klack, klack, klack dringt unaufhörlich aus dem Esszimmer. Dort sitzt Jana Brüchmann mit konzentriertem Blick vor ihrem Laptop. Das Telefon klingelt. Das Klappern der Computer-Tasten erlischt. Jana Brüchmann geht ans Handy. Es ist elf Uhr vormittags. Zu dieser Zeit ist die 35-Jährige immer erreichbar - egal ob online oder über das Mobiltelefon. Das wissen ihre Mitarbeiter: zwölf Projektleiter, die in Erfurt und Leipzig sitzen und deren Chefin Jana Brüchmann ist. Eine virtuelle Chefin quasi.Die Wohnung in Siemensstadt ist zu dieser Zeit das Homeoffice der Computerspezialistin, ihr Zu-Hause-Büro. Jana Brüchmann könnte mit ihrem tragbaren Computer ebenso gut im Arbeitszimmer sitzen, das auch ihr Mann nutzt. Doch in dem Esszimmer mit dem großen rustikalen Tisch aus Holz, den vier Stühlen drum herum, den Blumen und den vielen Büchern in den Regalen ist es heller und irgendwie wohl auch wohnlicher. Obwohl die Frau am Rechner für das Wohnliche derzeit keinen Sinn hat. Jetzt ist die Arbeit dran. Jana Brüchmann ist beim IT-Unternehmen IBM angestellt, arbeitet dort als Führungskraft mit Personalverantwortung, wie sie sagt.Große Disziplin erforderlichAls vor 17 Monaten ihre Tochter Alina Sophie geboren wurde, wusste die Managerin sofort, dass sie sehr viel Zeit mit ihrer kleinen Tochter verbringen, sie aufwachsen sehen wollte. Aber sie hatte auch nicht vor, ihre Arbeit aufzugeben. Sie sei ehrgeizig, brauche die Anerkennung im Beruf, gibt sie zu. Was unmöglich schien, ging bei IBM - schon lange. Das Unternehmen startete 1991 mit der Betriebsvereinbarung über "außerbetriebliche Arbeitsplätze" das erste Pilotprojekt zur Telearbeit in Deutschland. Im Zeitalter von Computertechnik und Mobiltelefon gibt es heute in fast allen Branchen Telearbeitsplätze.Die ersten fünf Monate nach dem Mutterschutz arbeitete Jana Brüchmann 20 Stunden in der Woche in ihrem Homeoffice und betreute dabei ihre Tochter. Jetzt ist sie bei einer Wochenarbeitszeit von 30 Stunden. Alina ist in dieser Zeit in der Kita, ihr Mann unterwegs. Auch er arbeitet für den amerikanischen Computerkonzern. "Die Arbeit zu Hause erfordert eine große Disziplin", erzählt Jana Brüchmann. Nicht etwa, weil sie anderen Dingen als der vertraglich vereinbarten Arbeit nachgehen könnte. Einkaufen gar, mit Freundinnen telefonieren oder einfach nur bequem im Sessel sitzen und lesen. Schließlich gibt es ja keine Stechuhr, die wie in vielen Behörden verrät, wann sie am Arbeitsplatz war. "Ich mache in den sechs Stunden Arbeit nichts als arbeiten", sagt Jana Brüchmann.Disziplin, damit meint Jana Brüchmann die Überwindung, die sie benötigt, um von ihren Aufgaben loszulassen. "Die Arbeit macht Spaß, da komme ich schon in Versuchung, ein paar Stunden dranzuhängen", sagt sie. Doch sie will den Computer einigermaßen pünktlich in den Ruhezustand versetzen. Jeden Tag. Auch an den Wochenenden. Denn die gehören der Familie, sagt sie. "Das haben wir, mein Mann und ich, beschlossen." Ihrer Firma ist es recht. Es gehe nicht nach der Arbeitszeit, sagt Firmensprecher Markus Tofote. "Es kommt einzig und allein auf die Ergebnisse an."Der Tag bei den Brüchmanns ist genau strukturiert. Zwischen 6.30 Uhr und 7.30 Uhr wird aufgestanden. "Wichtig ist, nicht vor dem Frühstück an den Rechner zu gehen und dann vielleicht schon Mails zu lesen. Denn dann ist es vorbei", sagt die Computerspezialistin. Tochter Alina wird nach dem Frühstück in die Kita gebracht, von ihr oder Ehemann Ralf. Um 9 Uhr beginnt der Arbeitstag von Jana Brüchmann: Telefonkonferenzen mit den Kollegen, chatten mit Mitarbeitern, Mails schreiben, telefonieren, Projekte betreuen, Probleme lösen, organisieren. Sechs Stunden ohne Pause, ohne Essen, nur mit dem Bildschirm und einem Glas Wasser vor der Nase. Auch das ist Disziplin.Gegen 15.30 Uhr holt Jana Brüchmann ihre Tochter von der Kita ab. Von da an hat sie nur noch Augen und Ohren für das Kind. "Alina braucht viel Aufmerksamkeit, das geht nicht so nebenbei", sagt die Mutter. "Quality Time" nennt Jana Brüchmann die Nachmittage mit ihrer Tochter: Intensiv genutzte Zeit. "Erst mal gibt es etwas zu essen. Manchmal bei unserem Lieblings-Italiener. In dem Imbiss gibt es leckere Pizza und Nudeln mit Tomatensauce - Pasta Alina eben", sagt die 35-Jährige.Mutter und Kind nehmen sich jeden Tag etwas vor. Doch ob auf dem Spielplatz, beim Kinderturnen oder dem Schwatz mit anderen Müttern - Jana Brüchmann hat stets das Handy dabei. Denn manchmal ruft ein Kollege auch noch außerhalb "ihrer Bürozeit" an - doch dann weiß die Chefin, dass es ein echtes Problem gibt, dessen Lösung sich nicht auf morgen verschieben lässt. "Klar, schalte ich da nicht einfach ab", sagt die Managerin.Gespräche auf dem Flur fehlenNach dem Abendessen hat sie dann endlich Zeit für sich und ihren Mann. Jana Brüchmann sagt, ohne Weiteres könnte sie einen Teil ihrer Arbeit auch auf 23 Uhr verlegen. Doch da sind die zwölf Projektleiter, die ihr unterstehen und die in einem "normalen" Büro sitzen, längst im Feierabend bei ihren Familien. "Ich kann doch nicht jedem meinen Rhythmus aufzwingen."Als Alina noch nicht geboren war, da fuhr Jana Brüchmann drei, vier Tage die Woche nach Erfurt und Leipzig. Jetzt ist sie nur noch einmal im Monat für zwei Tage bei ihren Mitarbeitern - denn keine Mail und keine Telefonkonferenz können den persönlichen Kontakt ersetzen. Das weiß auch Jana Brüchmann. "Ich empfinde meine Freiheit, zu Hause zu arbeiten, toll, aber auch als normal. Aber es stimmt schon, die kurzen Gespräche auf dem Flur mit Kollegen über ganz einfache Sachen, die fehlen mir schon", sagt die Computerspezialistin. Darum fährt sie auch einmal in der Woche in Berlin ins richtige Büro. "Mein Netzwerk pflegen", nennt sie das.Jana Brüchmann kann sich keinen anderen Job als den ihren vorstellen. "Vielleicht noch mit Stechuhr, nein. Da sind wir schon einen Schritt weiter", sagt sie. Die virtuelle Welt war ihr schon immer nah. Sie hat Wirtschaftsinformatik studiert, dabei bereits bei IBM ihre Praktika absolviert, bevor sie im November 1995 fest von dem Computerkonzern eingestellt wurde. Sie hat in ihrer Freizeit ihren Master of Business Administration gemacht und ist für das Unternehmen viel gereist. Sie sagt, sie hat auch schon in Paris in der Europazentrale von IBM gearbeitet. "Zwei Jahre lang", erzählt sie und fügt hinzu: "Virtuell natürlich, ich bin zwar ab und an nach Paris gefahren, mein Arbeitsplatz war aber hier in Berlin."Alle Texte dieser Serie im Internet: www.berliner-zeitung.de/arbeitsserie------------------------------Foto: Jana Brüchmann, 35, stammt aus Nordrhein-Westfalen. Mit sieben Jahren kam sie nach Berlin. Hier studierte sie an der Technischen Fachhochschule Wirtschaftsinformatik. Ihre Praktika absolvierte sie bei IBM. Dort wurde sie nach dem Studienabschluss im November 1995 eingestellt.Seit zweieinhalb Jahren ist sie bei IBM Führungskraft im Servicebereich. Ihr unterstehen zwölf Projektleiter in Erfurt und Leipzig. Die wiederum betreuen Firmen, bei denen IBM-Geräte und -Software verwendet werden.Vor 17 Monaten kam Tochter Alina Sophie zur Welt. Seitdem arbeitet Jana Brüchmann zu Hause in Siemensstadt.------------------------------Foto: Das Zuhause als Büro. Wo hört der Arbeitsplatz auf und wo fängt das Zuhause an? Die Grenzen verwischen sich bei der Telearbeit.------------------------------Arbeitsplatz Berlin: Erfolgsgeschichten sind fix geschrieben, wenn der Aufschwung kommt. Doch im Arbeitsalltag sieht es sehr oft anders aus: Wie hoch ist der Druck? Wer wird abgeschrieben? Wer bekommt neue Chancen? Die Berliner Zeitung berichtet in zwanzig Porträts vom Strukturwandel in der Hauptstadt - aus der Sicht der Betroffenen.Morgen: Leben mit Hartz IV - trotz Promotion