Gerade sind die Klagen über den Handygebrauch abgeflaut, es werden weniger Zeitungskolumnen über das Laster des öffentlichen Telefonierens verfasst, und die meisten Menschen haben gelernt, ihr Telefon im Kino abzuschalten. Ein Zeitalter des telekommunikativen Friedens hätte anbrechen können - wäre da nicht das Smartphone. 2009 besaßen in Deutschland etwa sechs Millionen Menschen ein Handy, mit dem man schmerzfrei ins Internet gelangt. 2010 werden, so prognostiziert der Branchenverband der deutschen Informations- und Telekommunikationsbranche Bitkom, weitere 5,6 Millionen Smartphones angeschafft.Die dabei entstehenden Kommunikationskonflikte sind so neu, dass sie sich in den Medien bisher kaum widerspiegeln. Lediglich Fragen der Smartphone-Etikette im Businessbereich beschäftigen seit dem Auftauchen des iPhones - in Deutschland Ende 2007 - die Ratgeberkolumnisten. Tatsächlich aber greifen die Nutzer, wie das Marktforschungsinstitut Forsa im Auftrag von Accenture herausfand, mit diesen Geräten vor allem von zu Hause aus auf das Internet zu. Die meisten Smartphone-Phänomene sind nur verschärfte Versionen der Veränderungen, die wir aus der Internet- und Handybewältigungsgeschichte kennen. Der Smartphone-Nutzer aber klinkt sich nicht nur aus seinem Umfeld aus, um mal kurz die Börsenkurse anzusehen. Er twittert, chattet oder treibt sich bei Facebook herum, pflegt also andere Sozialkontakte - und zwar nicht selten, während er sich in Gesellschaft befindet. Dass unsere Mitmenschen ein eigenständiges Leben neben dem führen, das sie mit uns teilen, dass sie andere Freunde und andere Interessen haben, ist nicht neu. Aber das Smartphone macht diesen Sachverhalt unübersehbar und verschleiert gleichzeitig die Details. Für die Zuschauer ist unklar, was der Gerätebesitzer da gerade tut, anstatt sich mit ihnen zu unterhalten.An dieser Stelle liegt der Verdacht nahe, der andere habe mehr und großartigere Freunde als man selbst. Und nach allem, was man über den Menschen und sein Streben nach Status weiß, ist es Smartphone-Besitzern vermutlich gar nicht unlieb, dass dieser Eindruck entsteht.Hinzu kommt ein Effekt, den der Medienberater David Brotherton in der New York Times erklärt: Es sei mittlerweile gängige Praxis, vor einem Meeting die Blackberrys oder iPhones auf den Konferenztisch zu legen wie Kartenspieler im Western ihre Colts auf den Saloontisch. "Damit drückt man auf wenig subtile Art aus: ,Ich kenne Leute. Ich bin beschäftigt. Ich bin wichtig. Wenn dieses Meeting mich langweilt, kann ich mich stattdessen zehn anderen Dingen widmen.'" Was im Meeting vorteilhaft ist, weil es alle Beteiligten dazu anhält, die anderen Teilnehmer nicht zu langweilen, kann im Privatleben für Stress sorgen.Nebenbei macht das Smartphone einige bewährte Konfliktvermeidungstechniken obsolet. Wer keine Lust auf eine Verabredung hat, kann sich nicht mehr auf den Trick "Ich muss erst in den Kalender sehen und sag dir dann Bescheid" verlassen. Und wer seine Freunde via Google Latitude oder ähnliche Tools über seinen Standort informiert, für den wird auch die Ausrede "Da bin ich gar nicht in Berlin" hinfällig.Sieben von zehn Befragten fanden es im Herbst 2009 in einer von Intel in Auftrag gegebenen Umfrage inakzeptabel, in Gesellschaft nach der Mail zu sehen, Nachrichten zu verschicken oder - da war doch noch was - zu telefonieren. Über die in dieser Umfrage favorisierte Zwischenlösung "Smartphonenutzung nur heimlich auf dem Klo" wird man vermutlich schon bald lachen. Alles Weitere aber ist unklar: Wird das Smartphone ein Sandkorn im sozialen Getriebe bleiben?Es wäre nicht die erste Nicht-Lösung, mit der wir uns arrangieren; siehe etwa das so übliche wie konfliktträchtige Berliner Zusage-, Absage- und Anderswohingoing-Verhalten bei Silvesterpartys. Wird sich eine soziale Smartphone-Etikette herausbilden, bei der man beispielsweise vor dem Zücken des Handys erklärt, was man damit zu tun gedenkt und warum es unaufschiebbar ist? Oder werden wir uns in einigen Jahren vollständig daran gewöhnt haben, dass sich unsere Mitmenschen eben hin und wieder aus dem Kohlenstoff-Sozialleben ausklinken? Die bisher zu diesem Zweck eingesetzten Praktiken "Zeitunglesen" und "Ins Leere starren" wurden schließlich auch allgemein mit Verständnis aufgenommen.