Zehn Jahre nach dem Baubeginn kann das Land Berlin einen Schlussstrich unter die Finanz-Affäre um das Kulturhaus Tempodrom am Anhalter Bahnhof ziehen. Das Haus ist verkauft und wird in diesen Tagen an den neuen Eigentümer, die Bremer KPS-Gruppe übergeben. Eine offizielle Bilanz über die Kosten für die Steuerzahler liegt noch nicht vor, aber klar ist schon jetzt: Die Affäre hat der Politik nicht nur massive Vertrauensverluste und mit Peter Strieder (SPD) einen zurückgetretenen Bausenator beschert. Es stecken auch etwa 25 Millionen Euro öffentliche Mittel in dem eigentlich privaten Bauprojekt, mit dem sich die Tempodrom-Gründer Irene Moessinger und Norbert Waehl gründlich verkalkulierten. Beide haften persönlich und ruinierten sich finanziell auch selbst.Land bürgte für KrediteAus der Senatsverwaltung für Finanzen, die sich um die Abwicklung der Tempodrom-Immobilie kümmert, kommt derzeit keinerlei Stellungnahme zum Stand des Verfahrens. Die Landesbank Berlin (LBB), die einst einen 12,8 Millionen Euro hohen Baukredit vergab, soll das Gebäude für rund vier Millionen Euro verkauft haben. Die KPS kaufte zudem vom Land das gut einen Hektar große Grundstück - für 3,3 Millionen Euro, wie es heißt. Daraus lässt sich Folgendes schließen: Das Land bürgt für 80 Prozent, also 10,2 Millionen Euro, des Baukredits. Die LBB wird daher nach Abzug des Verkaufserlöses mit einer Forderung von rund 8,8 Millionen Euro ans Land als Bürge herantreten. Allerdings geht die Finanzverwaltung davon aus, dass das Land "nur einen Teil" erstatten muss. Denn schon im parlamentarischen Untersuchungsausschuss zur Tempodrom-Affäre stellte sich heraus, dass die LBB möglicherweise nicht ausreichend die Verwendung der eigenen Kreditmittel kontrolliert hat - sie wäre so mitschuldig am Verlust. Die Bank bestreitet dies.Sollte sich das Land nicht durchsetzen, schlagen aber nicht nur die knapp 8,8 Millionen Euro aus der Bürgschaft negativ zu Buche. Hinzu kommt weiteres Geld, das für den Bau längst ausgegeben wurde: Fünf Millionen Euro aus Lottomitteln und rund 4,8 Millionen Euro als Sponsoring der landeseigenen Investitionsbank Berlin (IBB), dazu 1,8 Millionen Euro als Zuschuss direkt aus dem Haushalt. Hinzu kommen 2,3 Millionen Euro als Berliner Kofinanzierung zu EU-Mitteln aus einem "Umweltentlastungsprogramm", die einst auf Initiative von Ex-Bausenator Strieder für das Projekt genehmigt wurden. Fast 23 Millionen Euro hat also allein das Land Berlin in das Projekt gesteckt, das sich nach ursprünglichen Plänen selbst tragen sollte.Wie gut dieses Geld angelegt ist, darüber mag man streiten. Arnulf Rating, der Kabarettist und Mitbegründer des Tempodrom, hält die Institution Tempodrom für einen entscheidenden kulturellen Impulsgeber für Berlin. "Wenn man bedenkt, dass das Schiller-Theater jetzt für ein paar Jahre Staatsoper-Betrieb für 20 Millionen Euro hergerichtet wird, dann relativiert sich vieles." Im Tempodrom-Skandal sieht Rating daher eine Skandalisierung.Den neuen Eigentümern sind die Wirren der Vergangenheit egal. "Wir wollen das Haus, in dem jährlich mehr als 150 Veranstaltungen stattfinden, für Berlin erhalten und noch erfolgreicher machen", sagte der Sprecher der KPS-Gruppe Rainer Appel der Berliner Zeitung. Die Gruppe aus Bremen will sich im Veranstaltungsgeschäft der Hauptstadt fest etablieren. KPS steht für den Namen Klaus-Peter Schulenberg. Dem 58-jährigen Bremer gehören unter anderem Druckereien, Anzeigenblätter, Callcenter und eine Messegesellschaft. Er ist Konzertveranstalter und Haupteigentümer der Ticketfirma CTS Eventim, die weltweit Millionen Eintrittskarten für Veranstaltungen verkauft. Eventim ist auch Mehrheitseigentümer mehrerer Konzertveranstalter und betreibt seit 2009 die Waldbühne. Letzteres bislang mit eher mäßigem Erfolg - ganze acht Veranstaltungen sind bislang für dieses Jahr fest gebucht. Aber, so KPS-Sprecher Appel: "Wir versprechen uns Erfolg durch Synergien zwischen Tempodrom und Waldbühne." Was im Sommer draußen gut läuft, kann im Winter drinnen funktionieren. Dabei werde man mit Events der eigenen Veranstalter bevorzugt die eigenen Bühnen bespielen. Im Tempodrom wird auf Kontinuität gesetzt. Traditionen wie Gastspiele des Circus Roncalli oder von Holiday on Ice sollen fortgeführt werden. Ebenso das noch junge Geschäft mit Kongressen. Doch KPS will auch Neues ausprobieren: "Wir wollen mehr klassische Musik dort haben", so Appel. Die Akustik unter dem zeltförmigen Dach sei hervorragend, außerdem gebe es in Berlin keine Veranstaltungsstätte für klassische Musik in dieser Größe. Der große Saal der Philharmonie hat 2 440 Sitzplätze - gut tausend weniger als das Tempodrom.Team wird übernommenKontinuität verspricht der neue Eigentümer auch beim Betrieb des Hauses. "Der Pächter des Liquidrom bleibt natürlich, wir übernehmen auch den Vertrag der Firma Einhorn, die das Restaurant betreibt", sagte Appel. Übernommen wird auch das Team, das seit 2005 die Veranstaltungen organisiert hat. Es soll sich jetzt auch um die Waldbühne kümmern.Dass das Konzept aufgeht, davon ist man bei KPS überzeugt: "Beide, Tempodrom und Waldbühne, sind attraktive Arenen. Wir gehen davon aus, dass sich das Ganze erfolgreich führen lässt", so Appel. Arnulf Rating, der Tempodrom-Mitbegründer, will in seinem Ex-Haus nicht mehr auftreten. Zu sehr schmerzt ihn die Erinnerung. "Das Tempodrom hätte die alternative Philharmonie Kreuzbergs werden können. Jetzt ist es eine normale Mehrzweckhalle", sagte er.------------------------------Am Anfang stand eine Erbschaft1980 kauft die Krankenschwester Irene Moessinger, die 800 000 Mark geerbt hat, ein Zirkuszelt und stellt es auf den Potsdamer Platz. Das Tempodrom ist gegründet.1984 zieht der Kulturzirkus in den Tiergarten, wo er 15 Jahre erfolgreich ist. Als nebenan das Bundeskanzleramt geplant wird, muss es weg.1999 kommt der Umzug an den Postbahnhof am Ostbahnhof. Dort wird gespielt, bis der Neubau am Anhalter Bahnhof in Kreuzberg fertig ist. Der Bund zahlt dem Tempodrom gut drei Millionen Euro Entschädigung.2000 ist Baubeginn, Ende 2001 wird Eröffnung gefeiert. Noch vor der Eröffnung billigt der Senat einen Zuschuss von knapp sieben Millionen Euro. Davon sind 3,1 Millionen als Sponsoring der Investitionsbank Berlin (IBB) verbucht.2002 gibt die IBB auf Drängen von Bausenator Peter Strieder (SPD) noch mal 1,7 Millionen Euro und verlängert das Sponsoring. 2003 verweigert das Abgeordnetenhaus weitere Zuschüsse.2004 übernimmt der Insolvenzverwalter das Haus. Strieder tritt zurück und gibt auch sein Amt als SPD-Chef auf.2005 muss sich Tempodrom-Gründerin Irene Moessinger aus dem Geschäft zurückziehen. 2008 steht sie wegen des Verdachts der Untreue vor Gericht. Sie wird freigesprochen, aber zur Zahlung einer Privatbürgschaft von 1,2 Millionen Euro verurteilt.2006 soll das Haus verkauft werden. Eine erste Ausschreibung scheitert, bei der folgenden erhält die Bremer KPS-Gruppe den Zuschlag.2009 kauft die KPS-Gruppe die Immobilie. Anfang März 2010 stimmen Hauptausschuss und Abgeordnetenhaus zu.------------------------------"Das Tempodrom hätte die alternative Philharmonie Kreuzbergs werden können. Jetzt ist es eine normale Mehrzweckhalle." Arnulf Rating, ComedianFoto: Manege frei: bejubelte Premiere des Circus Roncalli im Jahr 2004 im großen Saal des Tempodroms.Foto: Die große Flasche markierte den Eingang: das Tempodrom im Jahr 1988 an seinem alten Standort im Tiergarten.