PEKING - Ein roter Kinderschuh liegt auf dem Weg. Ein Koffer steht herum, daneben Blut ist Blut zu sehen. Sanitäter bringen die Verletzten weg, legen Tücher über die Toten. Menschen weinen, schreien verzweifelt in die Fernsehkameras, die das Entsetzen am Bahnhof von Kunming, im Südwesten Chinas, aufnehmen. Mindestens 33 Reisende und ein Polizist sind am Sonnabend bei einem Angriff bewaffneter Männer auf die Reisenden im Bahnhof ums Leben gekommen, Mindestens 130 Menschen wurden verletzt. Die Polizei erschoss vier Angreifer und nahm eine Verdächtige fest. Etwa fünf weitere seien auf der Flucht.

Stunden vor dem Volkskongress

Es ist der blutigste Anschlag, den die Stadt je erlebt hat – in einer Zeit, da die Regierung die Sicherheitsbestimmungen verschärft hat, denn es sind politisch heikle Tage. Am Mittwoch beginnt in Peking der Nationale Volkskongress, diese knapp zweiwöchige Tagung des höchsten Staatsorgans des Landes. Einige Stunden nach der Tat in der Provinz Yunnan soll sich der Verdacht erhärtet haben, dass die Angreifer Uiguren gewesen sein sollen. „Beweise am Ort zeigen, dass es ein gut organisierter und brutal ausgeführter Terroranschlag und ein schweres Verbrechen gegen die Menschlichkeit war“, so die Nachrichtenagentur Xinhua. Am Sonnabend, kurz nach 21 Uhr halten sich im Bahnhof in Kunming viele Menschen auf. Plötzlich stürmen zehn Gestalten in schwarzer Kleidung auf den Vorplatz und dann in die Kartenverkaufshalle, so berichten später Augenzeugen im Fernsehehen . In der Halle rennen sie auf die Wartenden am Fahrkarten-Schalter zu und beginnen, mit Messern auf die Leute losgehen.

„Ich dachte zuerst, dass sich da irgendjemand streitet, hörte dann aber Schreie, sah Blut und lief nur noch weg“, zitiert Xinhua eine Studentin. „Wer nicht schnell genug war, fiel einfach zu Boden.“ Viele suchten Schutz in Supermärkten und Geschäften. Bilder von blutverschmierten Leichen sind zu sehen, die auf dem Boden lagen. Die chinesische Regierung sprach von einem Terrorakt und machte Separatisten aus der Unruheprovinz Xinjiang für das Attentat verantwortlich. Auch Präsident Xi Jinping reagierte prompt und versprach, dass die Regierung die Terroristen streng bestrafen werde. Eine solch schnelle Antwort ist ungewöhnlich. Als im Oktober ein mit Uiguren besetzter Jeep in einen Pfeiler vor der Verbotenen Stadt in Peking raste und fünf Menschen tötete, scheute die Führung jegliche Stellungnahme. Erst Tage später bezeichnete sie den Zwischenfall als Terroranschlag. Nun zeigt sie Entschlossenheit.

Die Regierung in Peking hat in der Vergangenheit oft Islamisten aus der westlichen Unruheprovinz Xinjiang für solche Anschläge verantwortlich gemacht. Kunming, die Hauptstadt der Provinz Yunnan, liegt allerdings Hunderte von Kilometer von Xinjiang entfernt und steht in keinem Zusammenhang mit den Unruhen dort. Xinjiang ist die Heimat muslimischer Uiguren, die sich immer wieder gegen Diskriminierung zur Wehr setzen.

Zweifel an der Schuld der Verdächtigen duldet die Partei jedoch nicht. Zensoren löschen jeden Blogeintrag, der die Spur nach Xinjiang anzweifelt oder nach Gründen sucht, sollten es tatsächlich Uiguren gewesen sein. „Jeder, der Verständnis für die Terroristen hegt und zeigt, sie als unterdrückt oder schwach bezeichnet, ermutigt solche Angriffe und hilft bei der Verübung von Verbrechen“, heißt es in einem Kommentar von Xinhua.

Hartes Durchgreifen

Uiguren sehen sich historisch und kulturell in Zentralasien verwurzelt, viele fühlen sich von der chinesischen Zentralregierung bedrängt. Immer wieder kommt es zu Gewalt zwischen Sicherheitskräften und der muslimischen Minderheit . Den Schlüssel für die Probleme in Xinjiang hat Chinas Führung stets im wirtschaftlichen Aufschwung der Region ausgemacht. Nun aber sprechen Funktionäre von einem „Strategiewechsel“. Es gehe um die „soziale Stabilität“. Im Verständnis der Partei steht das für ein hartes Durchgreifen.