Eine junge Frau auf einer Trage, Hose und T-Shirt blutdurchtränkt. Den linken Arm reckt sie hoch, zeigt mit zwei Fingern das Victory-Zeichen. Mit sich überschlagender Stimme schreit sie ihren schwerbewaffneten Bewachern ins Gesicht: "Kill me, kill me" - Tötet mich!Eine gutaussehende, frisch frisierte Frau in einem Sessel. Sie trägt Schmuck, silberne Ohrringe und sitzt in einer gepflegten Wohnung. Manchmal lächelt sie, dann wieder ersticken Tränen ihr die Stimme. "Noch heute wünsche ich mir manchmal, sie hätten mich getötet", sagt sie leise. "Ich wußte damals nicht, wie ich weiterleben soll, nachdem soviel Menschen bei der Aktion gestorben sind."Fast zwei Jahrzehnte liegen zwischen den beiden Fernsehbildern ein und derselben Frau: Souhaila Sami Andrawes Sayeh, Palästinenserin, Kampfname: Soraya Ansari. Die heute 43jährige ist die einzige Überlebende des Palästinenserkommandos, das im Oktober 1977 die Lufthansa-Maschine "Landshut" nach dem somalischen Mogadischu entführt hatte. Im Kugelhagel der Kampftruppe GSG-9 sterben ihre drei Terroristenfreunde, die 24jährige Soraya alias Souhaila überlebt schwerverletzt.Seit gestern steht sie in Deutschland vor Gericht. Der Vorwurf: Mord. Am ersten Verhandlungstag vor dem Hamburger Oberlandesgericht verlas die an zwei Krücken gehende Souhaila eine Erklärung, in der sie sagte, sie fühle sich vorverurteilt. Sie wies auf die Situation in den 70er Jahren hin. Gewalt sei in dieser Zeit akzeptiertes Mittel zwischen Israelis und Palästinensern. Von den Friedensnobelpreisträgern Izchak Rabin und Jassir Arafat wisse "alle Welt, wie schwere Verbrechen sie sich zu Schulden haben kommen lassen". Arafat und Rabin würden geehrt, "ich werde zum zweiten Mal bestraft". Dennoch räumte die Palästinenserin ihre Mitschuld ein. "Ich glaube nicht, daß ich unschuldig bin am Tod des Piloten." Heißer Herbst '77 Oktober 1977: Die RAF hält bereits seit mehreren Wochen den Arbeitgeber-Präsidenten Hanns Martin Schleyer als Geisel, um mit ihm elf Gesinnungsgenossen, darunter die RAF-Spitzen Andreas Baader, Jan-Carl Raspe und Gudrun Ensslin, freizupressen. Unterstützung erhalten sie am 13. Oktober von palästinensischen Terroristen: Ein vierköpfiges Kommando der PFLP-SC kapert die Lufthansa-Maschine "Landshut" kurz nach dem Start in Palma de Mallorca. Der Anführer der Hijacker, der 23jährige Zohair Yousif Akache, erschießt bei einem Zwischenhalt den Flugkapitän der Maschine, Jürgen Schumann, um die Entschlossenheit der Terroristen zu unterstreichen. Doch Bonn setzt weiter auf Härte und weigert sich, mit den Entführern zu verhandeln. Kanzler Schmidt läßt die GSG-9 aufmarschieren. In der Aktion "Magic Fire" befreit die Eliteeinheit die Geiseln.In Deutschland hat die Nachricht aus Mogadischu fatale Folgen. Am Morgen nach der GSG-9-Aktion werden Baader, Ensslin und Raspe tot in ihren Zellen in Stuttgart-Stammheim aufgefunden. Selbstmord, so das Ergebnis der Ermittlungen. Einen weiteren Tag später findet die Polizei in der Nähe von Mulhouse die Leiche von Hanns-Martin Schleyer. Der Arbeitgeber-Präsident wurde mit drei Schüssen in den Kopf getötet. Souhaila Andrawes, der die GSG-9-Kämpfer die Beine zerschossen haben, kommt vor ein somalisches Gericht. Sie wird zu zwanzig Jahren Haft verurteilt, jedoch nach knapp zwei Jahren begnadigt und abgeschoben. Irgendwo im Nahen Osten beginnt sie ein bürgerliches Leben. 1991 bezieht sie, verheiratet und Mutter einer kleinen Tochter, eine Wohnung in Oslo.Deutsche Fahnder haben ihre Spur nie aus den Augen verloren. Im Oktober 1994 geben sie ihren norwegischen Kollegen schließlich den entscheidenden Tip. Am 13. Oktober, auf den Tag genau siebzehn Jahre nach dem Beginn der "Landshut"-Entführung, wird Souhaila in Oslo festgenommen.In den Vernehmungen zeigt sie sich zunächst noch standhaft und verweigert die Aussage. Dann aber rückt sie zögernd mit Details und Hintergründen über die internationale Terroristenszene heraus. Die deutschen Ermittler interessieren sich vor allem für die bis heute nicht restlos geklärte Frage, wer das Terrorkommando in Palma de Mallorca mit den Waffen für die Entführung versorgt hat. Waffen in Bonbondosen Souhaila Andrawes bestätigt schließlich, daß es die heute 46jährige Deutsche Monika Haas war, die die Waffen nach Palma schaffte. In einem Kinderwagen habe sie Bonbondosen versteckt, die Pistolen, Handgranaten, Sprengstoff und ein Radio enthielten.Souhailas Aussage führt zur Verhaftung von Monika Haas. Im Januar macht ihr der Frankfurter Staatsschutzsenat wegen Beihilfe zum Mord den Prozeß.Die Causa hat beide Frauen in eine seltsame Beziehung zueinander gebracht. Beide sind Mütter - Monika Haas hat drei Kinder, das jüngste ist vierzehn Jahre alt; Souhailas Tochter daheim in Oslo zählt gerade mal zehn Jahre. Hat die Sorge um sie die Palästinenserin dazu veranlaßt, sich auf einen Kronzeugen-Deal mit der Bundesanwaltschaft einzulassen? Doch im Prozeß gegen Monika Haas will Souhaila Andrawes, die im November 1995 nach Deutschland ausgeliefert wurde, plötzlich nicht mehr aussagen. Sie zieht überraschenderweise sogar ihre schriftliche Aussage zurück, weil sie ihr Leben und das ihrer Familie "nicht unnötigerweise einem möglichen und zusätzlichen Problem" aussetzen wolle. In einem Fernseh-Interview spricht Souhaila noch einen anderen Grund für ihre Entscheidung an: "Man kann zwei Mütter doch nicht so aufeinander hetzen. Ich werde mich nicht auf diese Weise benutzen lassen." Tage des Terrors Der gestern in Hamburg begonnene Andrawes-Prozeß aber wird auch noch einmal für die noch lebenden Geiseln zum seelischen Martyrium, wenn einige von ihnen im Zeugenstand stehen und jene fünf Tage vor dem geistigen Auge auferstehen lassen müssen. Der Terror hat in der Psyche der meisten Beteiligten seine Spuren hinterlassen - Angst vorm Fliegen, vor geschlossenen Räumen, Schlafstörungen, Beziehungskrisen. Viele mußten sich nach ihren traumatischen Erlebnissen in psychiatrische Behandlung begeben.Nicht nur deshalb ist der Andrawes-Prozeß mehr als nur ein "normales" Verfahren gegen eine Terroristin. Mit ihm wird auch der "deutsche Herbst" 1977 noch einmal auferstehen, jene mit noch soviel Geheimnissen und Schicksalen befrachtete bleierne Zeit, die eine tiefe Zäsur in der westdeutschen Nachkriegsgeschichte hinterließ. Der schwere Schatten der Vergangenheit holt damit nicht nur zwei Frauen und Mütter ein, die mit dem Terror längst gebrochen haben. Er kommt auch noch einmal über dieses Land und eröffnet - vielleicht zum letzten Mal - die Chance, ehrlich und kompromißlos eine Zeit aufzuarbeiten, deren Geschichte noch immer zwischen Aktendeckeln eingesperrt ist. +++