MOSKAU, im April. Dieses Stadtviertel ist die Erfindung eines Dichters. Der schrieb einmal einen Roman, und der beginnt genau hier: an einem Frühlingsabend an den Moskauer Patriarchenteichen. Zwei Männer spazieren den Boulevard an der Malaja Bronnaja entlang, die Linden blühen, es ist heiß. Sie steuern eine Bude an mit der Aufschrift "Bier und Mineralwasser" und man kann sich fragen, ob die Geschichte einen anderen Ausgang genommen hätte, wenn die Verkäuferin den beiden Männern tatsächlich Bier oder Mineralwasser angeboten hätte, anstatt zu sagen: "Haben wir nicht." So müssen sie warme Aprikosenlimonade trinken, die ihnen einen Schluckauf verursacht und den Fortgang der Handlung nicht unerheblich beeinflusst. Im Viertel um die Patriarchenteiche, in dem Michail Bulgakows Roman "Der Meister und Margarita" seinen Anfang nimmt, gibt es heute genug Bier und Mineralwasser. Die Zeiten haben sich ein bisschen geändert. Dem Namen Bulgakow aber ist das Viertel verbunden geblieben. "Er lockte sie alle an, die Einheimischen und die Touristen", sagt Lena. Lena ist Serviererin im "Margarita". Das Café an der Malaja Bronnaja war eines der ersten, die in Moskau eröffneten, als die Zeit des Mangels zu Ende ging. Bis 1991 hatten Restaurants und Cafés in Moskau einen stetigen Niedergang erlebt. Wer essen gehen oder nur einen Kaffee trinken wollte, musste sich in Schlangen einreihen, die nicht selten um mehrere Häuserecken reichten. "Es gab entweder nichts zuzubereiten oder es fehlte an Gas, um zu kochen", sagt Lena. Doch dies ist lange vorbei. Es gibt heute alles in Moskau. Fast täglich eröffnen neue Restaurants, Starbucks ist der letzte Schrei. Die Stadt hat ihr Gesicht gewandelt, man könnte sagen, sie hat sich viele Gesichter zugelegt - und mancherorts auch Masken. In den Außenbezirken herrscht immer noch die Tristesse der Plattenbauten, und hinter den Fassaden der Nobel-Boutiquen am Boulevard Twerskaja sind die Hinterhöfe so grau wie sie schon immer waren. Aber das Viertel um die Patriarchenteiche ist anders. Der weiträumige Platz, die Parkanlagen um den Teich, die hohen, fünfstöckigen Häuser aus der Zeit der Jahrhundertwende haben etwas von großstädtischer Kultiviertheit, und seit sie nach und nach restauriert werden, wollen immer mehr Moskauer hier wohnen. Gegen das lärmende Großstadtgehabe hat sich das Viertel bislang erfolgreich abgeschottet. Während überall aus den Cafés die Bässe russischer Popmusik wummern, findet man an den Patriarchenteichen noch einen Ort, an dem sich in Ruhe eine Zeitung lesen lässt, wo man entspannen kann, und das ist sehr selten in Moskau. "Ein Viertel für Prominente war es schon immer", sagt Lena. "Aber hier mischen sich Künstler und Bohemiens unter die Reichen und Schönen." Auch das mag mit Bulgakow zu tun haben. Seine Wohnung, nicht weit von hier, an der Bolschaja Sadowaja, war lange Jahre ein Ort hymnischer Verehrung. Nach der Veröffentlichung des Romans "Meister und Margarita" 1966 war Bulgakow plötzlich ein Kultautor für viele Moskauer. Seine Wohnung wurde zum Veranstaltungsort, offen für Künstler und Theaterleute. Heute wird hinter den schweren Eichentüren gehämmert und gesägt. Am 15. Mai, zum 111. Geburtstag Michail Bulgakows, wird ein Museum eröffnet. Einige Räume der weitläufigen Sieben-Zimmer-Wohnung sind bereits fertig gestellt. Sie vermitteln einen Eindruck davon, wie es hinter den Fassaden der Bürgerhäuser um den Patriarchenteich einmal ausgesehen haben muss, bevor die sowjetische Wohnkultur dort Einzug hielt und drei oder vier Familien sich ein Badezimmer und eine Küche teilen mussten. Kommunalwohnungen gibt es hier kaum noch, sagt Ljubow Alexejewna. "Die sind alle an Privatleute verkauft worden. Dann haben die neuen Besitzer sie renovieren lassen, nach europäischem Standard." Ewro-Remont heißt das auf Neurussisch und bedeutet, dass Fenster und Türen nicht irgendwie, sondern gerade eingesetzt und Leitungen unter Putz gelegt werden. Ljubow ist Verkäuferin in einem Feinkostladen an der Malaja Bronnaja. Die 45-Jährige lebt mit ihrer Familie seit zwanzig Jahren hier im Viertel. Die Umwandlung der Kommunalwohnungen in Eigentumswohnungen war nicht für alle Anwohner angenehm, sagt sie. Viele, die schon seit Jahrzehnten hier lebten, mussten ihre Wohnungen verlassen. Aber den "Kommunalkas" mag sie nicht nachtrauern. Die neue Zeit hat schließlich auch ihre Vorteile. Der Feinkostladen, in dem Ljubow hinter der Käsetheke steht, war früher ein Obst- und Gemüseladen. Vor zehn Jahren hat ihn eine holländische Lebensmittelkette aufgekauft. "Das erste russisch-holländische Joint-Venture", sagt Ljubow. Hier kauft jetzt der gehobene Moskauer Mittelstand. Er kauft französische Weine, Käsespezialitäten und italienische Kaffeesorten. Ljubows Kunden sind Geschäftsleute, die ihre Büros in den umliegenden Straßen haben, Anwohner oder deren Haushälterinnen. Auch Berühmtheiten zählen zur Kundschaft, der Regisseur Nikita Michalkow etwa, der um die Ecke wohnt, und die Operndiva Jelena Obraszowa. Aber darüber spricht Ljubow nicht gern. Die Prominenz soll ihre Ruhe haben und es soll kein falsches Bild entstehen von dem Viertel an den Patriarchenteichen. Schließlich kaufen auch ganz normale Leute ihren Käse bei Ljubow Alexejewna und nicht alle Bewohner des Viertels sind reich und berühmt. Gegenüber auf der anderen Straßenseite gibt es ein Lebensmittelgeschäft. Unter dem Ladenschild "Produkty" ziert eine vergilbte Fotomontage die gesamte Auslagefläche, die Südfrüchte haben mit der Zeit eine grünlich-graue Farbe angenommen. Der Laden wirkt wie ein Gruß aus einer vergangenen Zeit. Einer Zeit, in der es kaum etwas zu kaufen gab und man die Kunden mit Fotos von all den schönen Dingen vertröstete, die nie im Angebot waren. Diese Zeit hat Sergej hier noch erlebt. Er wohnte lange in der Gegend, vor vier Monaten wurde dann seine Wohnung privatisiert, er zog weg. Sergej wäre gerne im Viertel geblieben, aber auch er findet, dass das Ende der "Kommunalkas" kein Verlust ist. Und er arbeitet ja schließlich immer noch hier. Sergej verkauft teure Dekoration im Designerstudio "Details". Es gehört einer schwedischen Designerin, die sich in Moskau niedergelassen hat und Sergej, den Studenten der Kunstakademie, für vierhundert Dollar im Monat angestellt hat. "Plus Provision", sagt Sergej und damit geht es ihm nicht schlecht. Sergej wundert sich allerdings, was die Kunden so alles kaufen und wie viel Geld sie dafür ausgeben. Neben Stahlrohrmöbeln aus eigener Produktion verkauft das Geschäft auch Dekorationsgegenstände aus Thailand und Indien. "Ein Kunde ist hier mit Geschenken für über fünftausend Dollar aus dem Laden gegangen, darunter ein zwei Meter hoher bemalter Holzhase für seine Tochter", sagt Sergej. Viel Geld muss auch haben, wer in der Armani-Boutique einkauft. Die Jeans kostet 390 Dollar, das Lederjäckchen 850. Die Preise sind der Einfachheit halber gleich in amerikanischer Währung ausgezeichnet. Der Laden verkauft seine Mode zwischen Marmor und Glas, die Verkäuferinnen sind von ausgesuchter Eleganz. Der moderne Moskauer kauft nicht mehr bei Versace. Gold und Glitter sind out, man kleidet sich bei Armani ein. Dezenz, sagt Anja Andrejewna, ist gefragt. Die Verkäuferin wohnt, wie fast alle, die hier in den Geschäften arbeiten, weit außerhalb in den Randbezirken Moskaus. Aber Anja will auch gar nicht hier wohnen. Das Viertel sei schön, aber die Luft schlecht. Wenn sie wählen dürfte, würde sie lieber in einer modernen Neubauwohnung leben, nahe der Universität. "Dort ist es grüner und die Luft nicht von Abgasen verpestet, wie hier in der Innenstadt", sagt Anja. Sie ist 31 Jahre alt und findet, dass die Patriarchenteiche etwas für ältere Leute sind. Gesetzter irgendwie. Armani verkauft hier seit 1997 und das Geschäft läuft gut. "Wir machen keine Werbung, aber wir haben einen festen Kundenstamm", sagt Anja. Vitalij Leba zum Beispiel, der Besitzer einer bekannten Modelagentur. Und auch die Tochter von Schlagerstar Alla Pugatschowa trägt Armani. Doch nicht nur die Prominenz kauft hier ein, auch gut verdienende Angestellte und Unternehmer. "In Moskau entsteht jetzt so etwas wie eine gehobene Mittelschicht", sagt Ira Beregowa. Die Journalistin, die in Moskau geboren ist und in Deutschland studiert hat, ist zu Besuch in ihrer Stadt. Moskau entwickelt sich zu einer modernen europäischen Metropole, glaubt sie. "Die Leute im Viertel wedeln nicht mit Dollarbündeln, hier fahren keine Superreichen im Landrover mit abgedunkelten Scheiben durch die Straßen und es stehen auch keine Bodyguards herum. "Wahrscheinlich sind diese Leute die Zukunft unseres Landes", sagt Ira. "Sie schicken ihre Kinder auf gute Schulen und es wächst eine neue Elite heran." Vielleicht entspricht dies nicht der Vorstellung, die man im Westen hat, sagt Ira. "Moskau ist entweder grau und hässlich oder neureich und kriminell. Dass ist das Klischee von dieser Stadt." Aber es stimmt nicht mehr, sagt Ira. Mit Freunden trifft sie sich gerne im italienischen Café Donna Klara. Um die Mittagszeit ist hier auch die neue Elite zum Essen verabredet, von der Ira spricht. In den kleinen Fensternischen sitzen Herren im dunklen Anzug, die neuesten Handy-Modelle griffbereit neben der Kaffeetasse. Leise Jazz-Musik spielt im Hintergrund, in Abständen ist das Zischen der Espressomaschine zu hören. Hierher kommen auch Künstler, die ihre Ateliers oder Musikstudios in den Seitenstraßen der Malaja Bronnaja haben, Studenten und solche, die dem Studentenalter gerade entwachsen sind. Schrille Siebziger-Jahre-Mode sitzt neben kostbarem Pelz. Die Atmosphäre ist entspannt, die Serviererinnen haben lächeln gelernt."Man kann kaum glauben, dass sich einen Kilometer Luftlinie von hier der Berufsverkehr über die achtspurige Bolschaja Sadowaja schiebt", sagt Andrej. Der Manager des Donna Klara hat früher einen Nachtclub geführt. Seit vier Monaten arbeitet er jetzt hier und wirkt erleichtert, als habe man ihn einer schweren Pflicht entbunden. "Hier im Viertel ist es ruhig", sagt Andrej. "Die Atmosphäre ist wunderbar. Die einzige Aufregung der vergangenen Monate war der Streit um das Bulgakow-Denkmal." Das Denkmal an den Patriarchenteichen war eine Lieblingsidee von Moskaus Bürgermeister Jurij Luschkow. Der Stadtvater, bekannt dafür, ausgesuchte Orte Moskaus mit monumentalen Statuen befreundeter Bildhauer zu verunzieren, wollte unter dem Teich ein Parkhaus und in der Grünanlage ein überdimensionales Denkmal für Michail Bulgakow entstehen lassen. Vor zwei Monaten musste er erfahren, dass das Viertel um die Patriarchenteiche anders ist als viele Orte in Moskau. Und dass auch die Menschen hier anders sind.Der Teich hatte sich schon in eine Baugrube verwandelt, als es Proteste der Bewohner gab. "Hier entsteht kein Parkhaus", war die Devise der folgenden Wochen. Das Viertel, das hat nun auch Bürgermeister Luschkow verstanden, ist nicht nach den bewährten Regeln zu regieren. "Die Gutsherrenart, mit der die alte Nomenklatura die Stadtviertel verwaltete, wird hier nicht geschätzt", sagt Andrej.Ein Denkmal für den Dichter wird nun gebaut - allerdings in einer Form, die vielleicht auch Bulgakow für angemessen gehalten hätte. Der Dichter wird, in Bronze gegossen, auf einer Parkbank sitzen.Fast täglich eröffnen neue Restaurants, Starbucks ist der letzte Schrei. Die Stadt hat sich gewandelt, sie hat sich viele Gesichter zugelegt - und mancherorts auch Masken.VISUM/GERD LUDWIG An der Mütze erkennt man noch den Moskauer - ansonsten ist auch hier schon vieles wie im Westen.

Lesen oder hören Sie doch weiter.

Erhalten Sie unbegrenzten Zugang zu allen B+ Artikeln der Berliner Zeitung inkl. Audio.

1 Monat kostenlos.

Danach 9,99 € im Monatsabo.

Jederzeit im Testzeitraum kündbar.

1 Monat kostenlos testen

Sie haben bereits ein Abo? Melden Sie sich an.

Doch lieber Print? Hier geht’s zum Abo Shop.