Der Performance-Künstler Jonathan Meese und der Schauspieler Martin Wuttke folgen in dem zum Theaterraum umdefinierten Park von Schloss Neuhardenberg den Wegen und Abwegen Friedrich Nietzsches und seines "Zarathustra". Ein Theaterspiel zu Lande und zu Wasser mit Objekten von Jonathan Meese. Eine theatralische Maskerade: die Geburt der Komödie aus dem Geist der Tragödie.Der Denker auf der BühneNietzsches "Zarathustra" ist ein Hymnus auf die Einsamkeit. Die Grundkonzeption des Werkes mit dem Gedanken von der ewigen Wiederkehr des Gleichen überfiel Nietzsche 1881 beim Gang durch die Wälder von Sils Maria am See von Silvaplana.Meditation, Performance und Diskurs: Nietzsche, der sich vor allen Gedanken in acht nahm, die nicht beim Gehen im Freien gedacht wurden, hat seine Philosophie im Selbstgespräch, einem hin und her wechselnden Gespräch entworfen. Den Stationen dieser Denkprozession folgen der Aktionskünstler Jonathan Meese und der Schauspieler Martin Wuttke in der Landschaft des Parks von Schloss Neuhardenberg entsprechend Nietzsches Devise vom Leben als dem "Experiment des Erkennenden".Zarathustra, der Herold des Immoralismus, tritt zugleich als Wiederentdecker der prophetischen Rede auf. Dem Philosophen Peter Sloterdijk bedeutet "Also sprach Zarathustra" ein bis heute nicht zu Ende gedachtes Experiment über die Möglichkeiten des Theaters nach dem Ende der "Darstellung" der Wahrheit auf dem Theater: "Zarathustra ist die erste Hypothese über die Möglichkeiten des absoluten Spiels in der Form ungedeckter purer Selbstaussage." Zarathustra inkarniert den Übergang vom repräsentierenden zum präsentierenden Spiel: "Zarathustras Lied sind die tollkühnen Selbstinszenierungen der dionysischen Enthemmung, die als ungedeckte Selbstaffirmation einer Sprache auf der Bühne herausplatzt."Redner der Wahrheit"Wir haben die Kunst, damit wir an der Wahrheit nicht zugrunde gehen", sagte Friedrich Nietzsche. Martin Wuttke und Jonathan Meese, die Weitersager und Wortführer seiner theatralischen Selbsterfahrung, treten im Gedanken-Theater des Zarathustra als Evangelisten und Doppelgänger der ewigen Verwandlungen auf: Rollenspiel und Rollentausch. Von Sils Maria nach Neuhardenberg. Die Akteure treiben die Gestalten des Künstler-Philosophen Nietzsches bis zur letzten Verstellung. Das Spiel als Endspiel. Ein Wechsel der Rollen und Figuren vom Wanderer und seinem Schatten bis zu Dionysos den Frauen in seiner Gesellschaft: "Ich bin Dynamit." (Friedrich Nietzsche)Analyse findet, sagt Heiner Müller, "nicht mehr in der Philosophie, sondern auf dem Theater statt". Auf dem Nietzsche-Theater, dieser mirakulösen Institution, wird eine Art von ästhetischem Orakel präsentiert, das den poetischen Philosophen und das in Kunstwerke investierte Denken offenbart.Die Wanderer und ihre SchattenDie in der Hochsaison in Sils Maria herbeigespielten Damen - vornehmlich das russische Fräulein Lou von Salomé - nehmen im Rollenspiel von Neuhardenberg jene Gestalt an, in der Nietzsche sie als erstaunlichen Quell der Inspiration vorfand.Auf diese Weise setzen sich die Wechselbälger Nietzsches mit dem Pathos der Distanz selbst aufs Spiel. "Zarathustra" im Wechselspiel der Rollen und Figuren: Der Schauspieler und Regisseur Martin Wuttke mit seinen Satzeskapaden, Tiraden und Lamentis - himmelhochjauchzend und zu Tode betrübt - ein alles und alle Herbeizitierer im theatralischen Bündnis mit dem Performer Jonathan Meese, dem Mythomanen und Pyromanen, dem Brand- und Ideenstifter, der mit seinen Werkwelten Politik und Kunst zu verhöhnen und versöhnen sucht. Eine theatralische Klage und Anklage zugleich. Beide sind sie würdige Vertreter des Provokationstherapeuten Nietzsche, der seinen Zarathustra zur Menge sagen lässt: "Ich impfe Euch mit dem Wahnsinn."Martin Wuttke, der mit dem Parcours seiner Dostojewskij-Verkörperungen an der Berliner Volksbühne Gestalten geschaffen hat, in denen Nietzsche sich wiedererkennen konnte, tritt als Denker auf dem Theater auf - sein Ingenium ist das Gedankenlesen. Seinem Kompatrioten und Mitstreiter Jonathan Meese ist die Rolle des Sehers in der Einbildenden Kunst auf den Leib geschrieben - sein Sensorium ist das Geistersehen: "RITTERTUM NIETZSCHE - PROPAGANDAGOTTYR - dringe in's Erzgebirge ein - NOTNULL - DAS GRALSMÄDCHENTUM - Von einem der auszog, die politische Ideologie der Sache an sich zu ernennen - ICH WILL DEINE LÄNDEREIEN ERZSEHEN - DR. MÜDHEIT - sei das Ausgespielte." Meese spricht so wie Zarathustra vor Sonnenaufgang zu sich selbst heute reden würde: "Radikalität ist überall möglich, aber wir haben sie uns komplett abtrainiert. Gerade aus den Bereichen, in die sie naturgemäß gehört - Philosophie, Theater, Literatur, Kunst, Staatstheorie - haben wir sie verbannt. Wir wollen Radikalität ja nur noch in der Realität spüren und wundern uns dann, wenn wir zu Grunde gehen."Gerhard Ahrens------------------------------Zarathustra - Die Gestalten sind unterwegs Eine theatralische Exkursion nach Friedrich Nietzsche von und mit Jonathan Meese und Martin Wuttke. Live-Musik: Jan Czajkowski, Dramaturgie: Gerhard Ahrens. Kostüme: Nina von Mechow. 10. bis 13. sowie 18. bis 20. August, 18 Uhr. Im Schlosspark Neuhardenberg. Eine Produktion der Stiftung Schloss Neuhardenberg. Bustransfer ab Berlin- Ostbahnhof (Haupteingang). Hin- und Rückfahrt: 18 ¤ (nur im Vorverkauf). Abfahrt: 16 Uhr.Kartentelefon: (033476) 60 07 50www.schlossneuhardenberg.de------------------------------Foto: Nietzsches "Zarathustra": Möglichkeiten des absoluten Spiels in der Form ungedeckterSelbstaussage.