Michael Thalheimer hat Liliom obduziert, die Lebens- und Leidensursache aus der Figur gerissen und auf die Bühne geworfen. Er hat die Krankheit "Menschsein" auf einen ästhetischen Begriff gebracht und in dieser Rationalisierung leiblich und emotional spürbar gemacht, worin sie besteht: in der Unmöglichkeit der Kommunikation, in der Hermetik der abgeschotteten Bewusstseine, in der sprachlichen Abschlossenheit der Menschen voreinander. Thalheimer hat das Paradox geknackt und das Nichtverstehen verstehbar gemacht.Die Geschichte, die Franz Molnar 1909 in dem Stück "Liliom" erzählte, spielt in der Budapester Vorstadt. Andreas Zavoczki, genannt Liliom, arbeitet als Ausrufer für Frau Muskats Karussell. Von ihr, die ihn liebt, wird er gefeuert, als er sich Julie zur Frau nimmt. Er schlägt Julie, schwängert sie und ersticht sich, als er bei einem dilettantischen Raubversuch gestellt wird. Er kommt in den Himmel, muss 16 Jahre durchs Fegefeuer und hat die Möglichkeit, für eine gute Tat auf die Erde zurückzukehren. Seine Tochter weist ihn ab, mitsamt dem Stern, den er ihr vom Himmel mitbrachte. Die Welt ist ein Holzkasten"Liliom" ist ein fundiertes Rührstück. Thalheimer musste für seinen Wurf nichts hinzuerfinden: Sprachkritik und Sehnsuchtsmetaphern hat Molnar zumindest motivisch angelegt, jedoch bis zum Versinken weich eingebettet ins ferne Vorstadt-Milieu der sozial Benachteiligten; es schwingt immer eine Art Nachsicht mit, ein Bedauern, das sich Liliom so ausdrücklich verbittet: "Hab kein Mitleid mit mir, mein Kind, oder ich geb dir eine auf den Schädel."Bei der Inszenierung von Thalheimer gibt es kein Mitleid und kein Milieu, die Welt ist ein Holzkasten (Bühne: Olaf Altmann), ein drehbarer Würfel mit gnadenlos definierter Kantenlänge anstelle eines Horizontes. Die Seitenflächen fangen Piktogramme auf, von denen fünf genügen, um den Plot zu projizieren: 1. Ein Mann. 2. Ein Mann und eine Frau. 3. Vater, Mutter, Kind. 4. Geld. 5. Eine Frau. Bei der Frau von Bild fünf handelt es sich um Lilioms und Julies Tochter Luise. Sie steht schweigend - wie der Vater zu Beginn - von ihrem Sinn-Diabild angestrahlt. Auf einmal geht, wie beim Vater, ein Ruck durch ihren Körper, der die Arme schlenkern lässt. So bewegen sich Karussellfiguren, wenn die Fahrt unterbrochen wird und die losen Teile an ihnen der Trägheit folgen. Diese Bewegung heuchelt Lebendigkeit.Dem Schweigen zu Beginn folgt ein Kommunikationsschwall. Peter Kurth, Thalheimers Liliom, krakeelt dem Echo seiner Stimme hinterher; zu einer technisch pulsenden Tonfolge (Musik: Bert Wrede) wechseln die Piktogramme mit zunehmendem Tempo (Video: Alexander du Prel). Die Worte, Bilder und Töne überlagern sich, die Bedeutungen schmelzen zu einem Rauschen zusammen und verklumpen zu einer lauten Variante des Schweigens. Alles, was folgt, jeder Dialog, jedes Handeln, ist ebenfalls Variante dieses Schweigens.Die Liebe, also das, was als Fluchtpunkt der Tragik trösten könnte, sieht so aus: Liliom trifft Julie (Fritzi Haberlandt), sie versuchen, miteinander zu sprechen. Es geht nicht. Er greift sich in die Hose und scheuert sein Gehänge. Es geht nicht. Julie bietet sich an. Er versucht in sie einzudringen, indem er sie zwischen sich und die Holzwand des Weltwürfels quetscht. Auch das geht nicht. Schließlich ist es Julies Hand, die ihm sein Ejakulat abzapft. Sie schmiert es sich zwischen die Beine. Es muss doch gehen. Aus diesem verklemmten Witz von Kontakt wird ein Kind.Die Existenz ist kein GenussMarie (Alexandra Henkel), die Freundin von Julie (was man so "Freundin" nennt) und Wolf (Benjamin Utzerath), Maries Geliebter (was man so "Geliebter" nennt), machen vor, wie es richtig funktioniert - also wie es auch nicht geht: sie zwacken sich zusammen, indem sie sich und den anderen gekonnt ignorieren. Sie palavern darüber, wie sie sich das Leben miteinander einrichten (Haus im Grünen, Kinder). Eine Einverständniserklärung in die widerstandsfreie Rutschpartie zum Tod. Als Julie das vorgeführt bekommt, bricht zum ersten Mal Wasser aus ihrem Kopf. Sie prügelt die Tropfen einzeln in den Tränenkanal zurück.Die verdrückten Gemüter der Figuren offenbaren sich in überzeugenden und aufwühlenden Formen. Sie wurden auf den Punkt arrangiert, und jedes Detail steht in Spannung zum Kunstwerk. Das Konkrete findet sich im Ganzen wieder, und das Ganze sich im Kopf des Zuschauers. Wenn Kunst einem so nahe rückt, kann man nicht mehr von Genießen sprechen. Solche Kunst geht an die Existenz. Die lautstarken Buh- und Bravorufe zeugten davon.Liliom // Liliom - eine Vorstadtlegende in sieben Bildern mit einem szenischen Prolog von Franz Molnar Premiere am 9. Dezember 2000 im Hamburger Thalia Theater Regie: Michael Thalheimer Bühne und Kostüme: Olaf Altmann, Musik: Bert Wrede Video: Alexander du Prel Dramaturgie: Sonja Anders Schauspieler: Peter Kurth (Liliom), Fritzi Haberlandt (Julie und Luise), Alexandra Henkel (Marie), Anna Steffens (Frau Muskat), Markus Graf (Ficsur), Benjamin Utzerath (Wolf Beifeld), weitere Darsteller sind: Michael Benthin, Harald Weiler, Jörg Kleemann und Enidette Heuer