Theatertreffen: "Das Fest" aus Dresden, die zweite Arbeit von Thalheimer: Der Bissen in seiner Natur

Die Auswahl der elf Inszenierungen für das Theatertreffen geriet den Juroren ziemlich unsymmetrisch. Michael Thalheimer schien als Quotenjugendlicher unter den Regisseuren hinzugezogen worden zu sein, und das gleich mit zwei Arbeiten: "Liliom" und "Das Fest". Die Vorwürfe der anderen Jungen, die sich ignoriert fühlen und dieses Gefühl auf der Experimenta 7 in Frankfurt/Main ausleben, konnte die Jury damit nicht abschmettern. Wenn das ihre Absicht gewesen sein sollte, ist aus dem Alibi eine Hauptsache geworden. Die Entscheidung erwies sich als Glücksgriff, als Doppelglücksgriff.Die Bravos und Buhs, mit denen sich die Zuschauer nach "Liliom" gegenseitig von ihrer Theaterauffassung überzeugen wollten, blieben bei "Das Fest" aus. Die Idee, den Dogma-Film von Thomas Vinterberg für die Bühne zu adaptieren, speist sich aus Übermut, in den der Wille zum Scheitern eingebaut zu sein scheint. Die Katharsis, deren Mechanismus im Film auf den Anschein der Unmittelbarkeit gründet, kann man auf der Bühne nicht nachinszenieren. Die mit der wackelnden Kamera vorgetäuschte Authentizität, die den Filmzuschauer im direkten Zugriff einfängt, kann im Theater nicht hergestellt werden. Solche eindimensionale Bühnenillusion gibt es nicht. Jeder Emotion geht ein Gedanke voraus, der erst begriffen werden muss.Thalheimer trägt diesen Gesetzmäßigkeiten Rechnung, sein Übermut war nicht blind. Mit der plausiblen Idee, die Zuschauer an der Festtafel zusammen mit den Schauspielern Platz nehmen und speisen zu lassen, zerschlug er den mediendifferenziellen Knoten. Den Bissen in seiner Natur kümmert es nicht, in wessen Hals er stecken bleibt.Die Durchmischung von Bühnengeschehen und Bühnensituation würfelt Schauspieler und Zuschauer durcheinander, deren separate Funktionen im Menschsein kulminieren. Spätestens in der Pause, die Kinderfotos der Darsteller in den Händen, fühlt sich der Zuschauer als entfernter Verwandter, versucht Gesichter in die Ahnenfolge einzuordnen und kann dem Smalltalk-Impuls schwer widerstehen. Dabei waren Thalheimer und seine Schauspieler klug genug, Theaterspielen nicht mit Echtverhalten zu verwechseln. Die formale Überhöhung, mit der die Figuren auf Distanz gebracht und deutlich gemacht werden, sorgt auch dafür, dass sich die Zufälligkeiten des Zusammenspiels von Schauspielern und Zuschauern in den Servierpausen von der Künstlichkeit abheben und in diesem Kontrast immer wieder überraschen. So ungewöhnlich konstelliert, mussten die Schauspieler das Schauspielen nicht neu erfinden, aber sie durften es aus dieser Perspektive wieder entdecken und erleben. Wenn Peter Moltzen als Sohn des Kinderschänders Helge, dessen 60. Geburtstag er zum Anlass seiner Anklage nimmt, einen diabolisch-verzweifeltenen Angst-Lachkrampf hinlegt, hat er neben sich eine Zuschauerin in bunter Bluse, die schwer damit zu kämpfen hat, ihn nicht trösten zu dürfen: "Es wird schon alles gut. " Und sie hat ja Recht, denn im Gegensatz zum Film darf man im Theater die Schauspieler als Menschen und nicht als Figuren verabschieden: beim Applaus.Bis 20. 5. tgl. 20 Uhr, Sophiensæle